Zu Hause : Don Design

Früher war die Schweiz für Alfredo Häberli ein fremder Planet. Heute machen ihre Tugenden seine Entwürfe zu den besten des Landes.

Verena Meyer
Nais hat der Designer Alfredo Häberli seinen Stuhl genannt, der nur aus sechs Titandrahtschlaufen besteht. Die Sitzfläche ist an die Form eines Eishockeyvisiers angelehnt.
Nais hat der Designer Alfredo Häberli seinen Stuhl genannt, der nur aus sechs Titandrahtschlaufen besteht. Die Sitzfläche ist an...Foto: Promo

Mit Design ist das in der Schweiz so eine Sache. Als gut gilt es dann, wenn es mindestens 100 Jahre hält. Besser ist es, wenn es beim Sparen hilft. Am besten ist es, wenn es mindestens 100 Jahre hält und beim Sparen hilft. Typische Schweizer Errungenschaften sind der Sparschäler und die Wäschespinne. Was ebenfalls in Ordnung geht: die Freitag-Tasche. Wäre ja auch schlimm, wenn man abgaszerfressene Lkw-Planen und gebrauchte Autogurte einfach wegwerfen würde!

Designer haben es in der Schweiz daher nicht immer leicht. Barocke Schnörkel oder üppige Materialien sind schon mal tabu. Die Schweiz ist das Land des Understatements. Es gibt nichts Schlimmeres, als den Eindruck zu erwecken, man hätte es im Überfluss. Da hört man von Leuten, die sich einen Porsche-Motor in ihren Mittelklassewagen einbauen lassen, oder Bankdirektoren, die sich vom teuersten Maßschneider einen Anzug von der Stange nachschneidern lassen. Und das alles nur, damit die Nachbarn ja nicht glauben, sie hätten Geld.

Ein Designer, der es in der Schweiz zu etwas bringen will, muss schon etwas sehr Praktisches erfinden. Wie Alfredo Häberli. Sein Service „Origo“ zum Beispiel besteht lediglich aus drei verschieden großen Tellern und Schalen, die sich für alles verwenden lassen, vom Ei über den Kaffee bis zur Pasta. Platzsparend stapeln lässt sich das Ganze auch noch. Oder sein Stuhl „Nais“, der aus nur sechs Drahtschlaufen besteht. Die Sitzfläche ist an die Form eines Eishockeyvisiers angelehnt. Es soll schließlich nichts verkommen, auch kein Eishockeyvisier-Design. Kein Wunder also, dass Alfredo Häberli der interessanteste Schweizer Designer der Gegenwart ist. Obwohl er eigentlich aus Argentinien kommt. Vielleicht ist das ja ein Grund für seinen Erfolg.

Der Weg zu Alfredo Häberli führt an den Zürichsee, an die sonnenbeschienene Goldküste. Hier ist die Schweiz ganz bei sich, idyllisch und reich, aber nicht aufdringlich. Alte Villen und stilvolle Häuser aus den Fifties. Auf den Straßen Autos, denen man nicht ansieht, wie teuer sie waren. Alfredo Häberli, bunter Schal, das grau melierte Haar sorgsam verstrubbelt, sitzt im Konferenzraum seines Studios, in dem er mit fünf Leuten arbeitet. Vor ihm liegt ein schwarzes Moleskine-Notizbuch, hinter ihm leuchtet seine vasenmäßige Stehlampe, auch die weißen Kunststoffstühle sind von ihm, luftig und zart wie all seine Entwürfe. Als sollten sie bloß nicht den Eindruck erwecken, man hätte es im Überfluss.

Der liegt, wie so oft in der Schweiz, im Detail. In den Materialien, mit den Häberli arbeitet, den neuesten, hochwertigsten Kunststoffen. Im Mehrwert, den seine Entwürfe haben. Der Kleiderbügel etwa, mit einem Extragriff am Haken, damit man empfindliche Stoffe nicht direkt anfassen muss. Oder die Galoschen, die Häberli zu seinen Herrenschuhen liefert, die er für „Camper“ entworfen hat.

Dabei war die Schweiz für ihn erst einmal ein fremder Planet. Alfredo Häberli, 1964 geboren, wuchs in Argentinien auf, seine Eltern hatten in Córdoba ein Restaurant, sein Großvater betrieb ein Hotel. Dann kam der Militärputsch, und das Leben in Argentinien wurde gefährlich. Draußen verschwanden die Leute in Scharen, in der Familie war man jeden Abend froh, wenn man es nach Hause geschafft hatte. 1977 verließen Häberlis Eltern das Land, die Schweiz bot sich an, Häberlis Urgroßvater war Schweizer. Der Kulturschock hätte nicht größer sein können: „Da kommt man aus einem Land, in dem man nicht weiß, ob man den nächsten Tag überlebt, und hier schließen die Leute nicht einmal ihre Wohnungstüren ab.“ Häberli spricht mit starkem Akzent. Allerdings nicht mit spanischem, sondern dem typischen Einschlag von Schweizern, wenn sie Hochdeutsch reden.

Dieser Umbruch habe ihm „Power“ gegeben. „Ich habe keine Angst vor großen Aufgaben, ich denke, man muss nur den Tag überleben.“ Einfach war es nicht für den Jugendlichen, der aus seinem Kinderzimmer nur eine Schuhschachtel mit Matchbox-Autos in die neue Heimat hatte retten können. Eigentlich wollte er Künstler werden, entschied sich dann aber für Design, das erschien ihm lebensnäher. An der Höheren Schule für Gestaltung in Zürich wurde er erst mal abgelehnt. Begründung: Sein Deutsch reiche nicht für ein Designstudium. Inzwischen gehört er zu den Großen der Branche. Allein von seinen Gläsern der Serie „Essence“, entworfen für die finnische Firma „Iittala“, werden täglich 25 000 Stück produziert. Die Zeitschrift „Architektur & Wohnen“ kürte ihn letztes Jahr zum Designer des Jahres.

Und wie motiviert man sich als Designer? Wo es doch alles schon hundert-, ja tausendfach gibt? Durch neue Materialien, sagt Häberli. Und durch gesellschaftliche Veränderungen. Dass man heute etwa Suppe aus einer Schale trinken kann, was vor zwei Generationen undenkbar gewesen wäre. Gutes Design, das sind für ihn „Gegenstände, die sich von selbst erklären und die man nicht zwangsläufig mit einem Namen assoziiert“. Siehe Sparschäler. Am liebsten entwirft er inzwischen für Kinder: Stoffe, Geschirr, Autos. Seit er selbst einen Sohn und eine Tochter hat, habe er einen anderen, unmittelbareren Blick auf die Dinge. Dass einem etwas spontan gefallen oder nicht gefallen kann.

Und was würde er noch gern designen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: eine Rolex. Weil sich in der Uhrindustrie zwar die Technik permanent weiterentwickle, „aber das Aussehen der Uhren ist noch immer so, als würde mein Uropa sie tragen“.

Nur eines habe er bis heute nicht zustande gebracht: „ein gemütliches Sofa“. Dabei wünscht sich seine Frau schon lange so eins. Etwas Schweres. „Aber ich kann so etwas nicht einmal zeichnen“, sagt Häberli. Seine Sitzgelegenheiten würden einfach immer zu zart.

Der Industriedesigner Achille Castiglioni ist sein großes Vorbild, Häberli selbst arbeitet viel mit italienischen Firmen zusammen. Anfangs war das ungewohnt. „In Italien musste ich lernen, über die Schönheit von Dingen zu reden, und nicht nur darüber, was etwas kann oder einspart.“

Dennoch seien es die Schweizer Qualitäten, die ihn geprägt haben. Die Frage nach dem Nutzen und der Dauer. Die Suche nach Reduktion. „Das Barocke, Ornamentale hat mir zu viel Ausdruckskraft. Da sage ich mir immer: Kann man da nicht noch etwas weglassen?“ Wie bei dem wabenartigen Bücherregal, das Häberli entworfen hat. Die Regalbretter sind schräg, dadurch erübrigen sich die Bücherstützen. Wie so oft kommt bei Häberli zusammen, was nicht zusammengehört. Waben zu einem Regal. Ein Fahrradrahmen zu einem Tischfuß. Sessel und Tisch verschmelzen zu einem einzigen stoffbezogenen Möbel. Das hilft dann wieder beim Sparen.

Allerdings hat es Alfredo Häberli geschafft, die Tugenden des kleinen Landes für eine große Welt zu adaptieren. Ob Sessel-Tisch-Kombination oder sechs Teile, die ein ganzes Service ersetzen – Häberlis Entwürfe sind für Leute, die sich verändern, nicht festlegen wollen. Und nicht zuletzt haben sie etwas Humorvolles, Spielerisches. Wie die verschlungenen Muster auf den Sohlen seiner Herrenschuhe: Ein Mann mit Trachtenhut auf dem linken, einer mit Regenschirm auf dem rechten Schuh. Als hätte auch das praktische Schweizer Design Recht auf ein klein wenig überflüssige Schnörkel. Und wenn es nur eine Spur im Schnee ist.

Mehr über Schweizer Design beim Internationalen Designfestival Berlin DMY (9.–13. Juni), das in diesem Jahr einen Schwerpunkt Schweiz hat. http://dmy-berlin.com.

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