Zu Hause : Draußen vor der Tür

Stühle und Tische fürs Freie waren meist praktisch – selten schön. Bis junge Städter den Garten für sich entdeckten – und nun mit Design kräftig aufmöbeln

David Krenz

Da ist das Baumtablett. Ein Holzbrett, mit Schlaufe und einer Kurbel dran, zum Festmachen an der Rinde. Und wozu? „Wenn ich Unkraut jäte, dann mit einem Glas Wein in Reichweite“, sagt Frank Hesselmann und zeigt auf den mobilen Untersatz. Der 39-Jährige steht in einem Atelier in einem sanierten Backsteinbau östlich der Oberbaumbrücke. Dort werkelt er daran, die Welt da draußen ein wenig schöner zu machen. Er entwirft Gartenmöbel unter dem Dach des Design-Netzwerks Pool22.

Der Erscheinung nach passt Hesselmann gut in die Natur: groß und kräftig, die Locken zottelig, unter dem weißen Feinripp-Shirt wuchert das Brusthaar. Als Student der Berliner Universität der Künste (UdK) waren er und ein Kommilitone durch die Gartenkolonien der Hauptstadt gestapft. Sie betrieben Feldforschung für ihre Diplomarbeit in Produktdesign. Das Thema: Gartenarbeiten. Sieben Jahre ist das her. „Unter Designern war der Garten jahrelang verpönt“, sagt er. „In Zeiten von Urban Gardening liegt er im Trend.“

Mit den Händen in der Erde zu wühlen ist wieder schick. In den Stadtzentren sprießen Gemeinschaftsgärten und verzeichnen Kleingartenvereine einen Zuwachs an jungen Pächtern. Die Gartenfreunde wollen nicht nur harken, säen, gießen, sondern stilvoll Zeit verplempern. Der Garten als Wohnzimmer des Sommers, das Bild hat sich durchgesetzt. Es bot sich auch Ende Mai in London auf der Chelsea Flower Show, einer der weltweit wichtigsten Gartenschauen. Die Messegärten waren mit breiten Polsterbänken, Diwanen, Standleuchten ausstaffiert, auch ein wetterfester Sitzsack, der „Deck Bag“, wurde präsentiert.

„Die Möbel für außen sehen heute genauso aus wie die für innen“, sagt der Professor für Möbeldesign an der Kunsthochschule Kassel, Jakob Gebert. „Luxushersteller wie Dedon sind gerade wahnsinnig erfolgreich. Obwohl man sich bei manchen Stücken fragen muss, wer hat dafür Platz auf seinem Balkon?“ Geht es nach den Herstellern, wird sich jedes Fleckchen Grün in eine Lounge verwandeln. Daran glaubt auch Hesselmann. Seine Sessel mit Sprungfedern oder das Cocon, ein Hängebett mit Sonnendach, verkörpern die Haltung „Schaukeln statt Schuften“. Steife Sitzmöbel bringt er in Schwung, mit Kufen zum Drunterschnallen. Mutters oller Terrassenstuhl sieht damit aus wie der legendäre Eames Rocking Chair.

Kreative Lösungen für die Probleme des Alltags zu finden hatte Hesselmann als Student gelernt. Der Ansatz zieht sich durch sein Sortiment: Weil es ihn nervte, mit Grillgut beladene Pappteller auf den Knien zu balancieren, ist der „Tellertrick“ entstanden, ein Teller am Spieß, der sich in die Erde bohren lässt. Und für benachbarte Kleingärtner, die sich gut vertragen, hält er den „Fence for Friends“ bereit. Dessen Latten lassen sich zum Durchschlüpfen auseinanderbiegen, damit der Nachbar kein Zaungast bleibt.

Nette Ideen allesamt, aber verkaufen die sich? Der Designer guckt zerknirscht. Hersteller nehmen seine Entwürfe in ihr Sortiment und überweisen Lizenzgebühren – so jedenfalls sieht sein Geschäftsmodell aus. Also muss er sich selbst um Produktion und Vertrieb kümmern. Vor ein paar Tagen erst hat er 20 seiner Spießertische ausgeliefert, 150 Euro kostet so ein Tisch aus Fiberglas, der an eine zu groß geratene Reißzwecke erinnert.

„Von den Gartenmöbeln kann ich nicht leben“, sagt er und führt in die Werkstatt. Dort schmirgelt ein Pool22-Praktikant an einer Einbauküche. Auftragsarbeit für eine Kreuzberger Dachgeschosswohnung, gutes Geld. Hesselmann ist gelernter Tischler und „totaler Holzfan“, wie er sagt. Dass trotzdem viele seiner Werke aus Plastik sind, sei dem Markt geschuldet. Er erzählt von einem Telefonat mit der Chefin eines Möbelhauses in Falkensee, der er seine Stücke angeboten hatte. „Die hat mir gesagt: Bloß nichts aus Holz, das kaufen unsere Kunden nicht.“

Was gerade richtig gut geht: Polyrattan. Man blättere nur mal in den aktuellen Broschüren von Möbelketten und Baumärkten: Tische, Stühle, Bänke aus geflochtenem Kunststoff. „Jedes blöde Ding ist aus Polyrattan“, ätzt Hesselmann. „Ich kann es nicht mehr sehen.“ Das Plus der Plastikfaser: Sie ist pflegeleicht. Die meisten Leute seien halt faul, sagt er dazu. „Die wollen ihren Tisch nicht jedes Jahr neu streichen, sondern höchstens mal mit dem Lappen drüberwischen.“

Wie zum Trotz präsentiert er seine Hollywoodschaukel aus sibirischer Lärche, zum Bett klappbar. „Die Details habe ich mir von einem alten DDR-Modell abgeschaut.“ Die Bank ist sein Paradestück, Hamburg, Charlottenburg, Oberbayern, er kann aufzählen, wo sie überall steht. Bisher sind nur drei verkauft. Für seine Handarbeit muss man 3500 Euro hinblättern. Er habe probiert, die Materialkosten zu senken, statt der 300 Euro teuren Kugellager Massenware aus Tschechien verbaut. Doch damit krachte ständig die Blende herunter. Doch es ist ja nicht so, dass die Deutschen bei der Ausstattung ihrer privaten Freiflächen knausern würden. Knapp 15 Milliarden Euro geben sie im Jahr für Gartenartikel aus.

Auf Hesselmanns Schreibtisch liegt zwischen Entwurfskizzen das Konzept für den Designpfad – ein Parcours mit Gartenobjekten, den er auf der Messe Home and Garden im Berliner Reiterstadion anlegen wird. Die Messe findet Ende Juni statt. Der Besuchergeschmack gilt als konservativ. Passen die quietschgelben Sprungfedermöbel zwischen Steingärten und schneeweiße Pagoden? Heinz Hinrichsen ist der Messechef, er sitzt in Lübeck. „Mit dem Pfad sprechen wir gezielt junge Leute an“, sagt er. Und betont, dass auch das Stammpublikum Gefallen am Ausgefallenen finde. Er habe sich selbst einen Spießertisch neben die Sonnenliege gestellt.

Hesselmann hat Studenten um Entwürfe für den Pfad gebeten und Bildhauer angesprochen. „Skulpturen funktionieren sehr gut im Garten“, findet er, die Tage des Gartenzwergs scheinen gezählt. Auch den Messe-Flyer durfte er entwerfen. Darauf ist sein Spießertisch als Graffiti auf marodem Mauerwerk zu sehen. Street Art à la Banksy soll das „junge designaffine Publikum mit hoher Kaufkraft“ locken, wie es das Konzept von Hesselmann verspricht.

Pünktlich zur Messe hat der Designer ein neues Material im Blick. Es handelt sich um Blech. Er deutet auf seinen Bildschirm, der Entwurf ähnelt einer Parkbank, nur futuristischer und ohne Füße. Sie ist – natürlich – zum schöneren Schaukeln. Ein großer Eisenmöbelfabrikant aus Frankreich sei bereits interessiert, sagt er und zügelt sich gleich: „Noch nicht in trockenen Tüchern.“

Wenn sein Handel mit Draußenmöbeln einmal blüht, wird er öfter raus können in den eigenen Garten, am Waldrand von Königswusterhausen, wo seine Frau Heilkräuter pflanzt und die beiden Kinder herumschwirren. Sollte er Abstand brauchen von ihnen, hat er selbstredend auch dafür eine Lösung parat. Den Leitersitz. Sieht aus wie der Hochstuhl eines Schiedsrichters beim Tennis. Man lehnt ihn an den Stamm und nimmt in der Baumkrone Platz. Vom Schaukeln ist allerdings abzuraten.

Das Büro Pool22 liegt in der Rotherstr. 80 (Friedrichshain). Die Home and Garden findet vom 30. Juni bis 3. Juli im Reiterstadion Berlin statt (Eintritt 10 Euro).

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