Zu Hause : Du Walkie - Ich Talkie

Was ist, wenn’s Kind aufwacht – und die Eltern kriegen es nicht mit? Dafür wurde das Babyphone erfunden. Funktioniert das? Fünf Erfahrungen

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Elektronische Nabelschnur. Nicht immer, wenn das Baby schreit, schlägt das Gerät Alarm. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

DIE FREIHEIT – EINE ILLUSION



Den Sinn des Babyphones habe ich noch nie verstanden. Haben die Leute etwa Angst, dass Babygeschrei so dezent sein könnte, dass man es zwei Zimmer weiter nicht hört? Oder bewohnen alle anderen jungen Eltern Villen mit vier Stockwerken, in denen Kindergebrüll in Zimmerfluchten verhallt? Das Babyphone ist eigentlich nur zu einem da: Jungen Eltern vorzugaukeln, dass sie sich von ihrem Kind entfernen und Spaß haben können, ohne dafür teuer Geld zu bezahlen; dass es mit Kind ein Leben ohne Kind gibt.

Damit ist es aber ein für alle Male vorbei, und je schneller man sich damit abfindet, desto besser. Zumal der Radius dieses mittels Babyphone erkauften Lebens ohnehin nur bis zum Nachbarn eine Etage tiefer reicht. Und da kann man auch zwei Joghurtbecher nehmen und eine Schnur dazwischen spannen.

Ich erinnere mich noch gut an die Babyphone-Affäre aus dem Jahr 2008. In einem Hotelzimmer in Wolfsburg, in dem der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking genächtigt hatte, wurde hinter einem Sofa ein eingeschaltetes Babyphone entdeckt. Auf dem Gerät waren keine Fingerabdrücke – es stand also nicht zufällig hinter dem Sofa. Man hat dann Tests durchgeführt, um den Schaden einschätzen zu können. Die Tests ergaben, dass man den Porsche-Chef durch das Babyphone allenfalls in den nächstgelegenen Räumen gehört hätte. Und das auch nur in sehr schlechter Qualität.

Nicht einmal dafür taugen die Dinger also. Verena Mayer


DIE AUF DER MATTE

Dass 150 Euro viel Geld sind für ein Babyphone, das man auch schon für 20 Euro kaufen kann, steht außer Frage. Doch die Sicherheit des eigenen Kindes ist unbezahlbar. Deshalb zweifelten wir nicht, als wir den sogenannten „Angelcare“ kauften: ein Babyphone, das durch eine zusätzliche Sensormatte Atemaussetzer signalisieren und so dem plötzlichen Kindstod vorbeugen soll. Mit einem guten Gefühl und einem großen Paket unterm Arm verließen wir das Geschäft. Daheim nahmen wir das Gerät in Augenschein. Die Basisstation verfügte über eine Vielzahl von Knöpfen und Reglern sowie ein Display mit allerlei Anzeigen, unter anderem für die Raumtemperatur. Außerdem gab es ein mehrere Meter langes Kabel. Damit sollte man besagte Matte, die unter der Matratze zu platzieren war, an die Station anschließen.

Wir waren beeindruckt. Und überfordert. Denn dem Päckchen lag auch eine dicke Gebrauchsanleitung bei, deren Lektüre nicht unbedingt kurzweilig oder unterhaltsam war – und zwar in keiner der unzähligen Sprachen. Also verschoben wir die Auseinandersetzung mit dem sachgemäßen Anschluss auf den nächsten Tag. Und den übernächsten. Und den überübernächsten …

Mittlerweile ist unser Kind zwei Jahre alt. Und hat quasi jede Nacht durchgeschlafen. Die Sensormatte haben wir nie benutzt. Ebenso wie das Schlummerlicht, auf dessen Existenz wir überhaupt erst vor kurzem aufmerksam geworden sind, weil unsere Tochter beim Spielen versehentlich auf einen der vielen Knöpfe des Geräts gedrückt hatte. Es hätte uns ohnehin nichts genützt. Unser Kind schläft eh nur mit Festbeleuchtung.Nana Heymann


DÄNISCHES TRAUMA

Ich liebe meine Kinder, habe sie immer geliebt, werde sie immer lieben. Dass es da keine Missverständnisse gibt. Weil, die Geburt des ersten, das war schon ein Terrorangriff auf das Leben, wie ich es bis dahin kannte. Keine durchgeschlafene Nacht, kein Kino zu zweit, kein Weggehen einfach mal so. Und dann kam das Babyphone mit seiner kleinen Antenne, versprach einen Zipfel Freiheit.

Es war im Urlaub, ein Campingplatz in Dänemark. Es war schweinekalt, aber wir saßen trotzdem draußen, mit anderen jungen Familien im Kreis. Fast jeder hatte so ein Ding am Gürtel, ab und zu ein atmosphärisches Rauschen, die Kontrolllampe leuchtete beruhigend grün. Der Kleine schlief schön warm im Wohnwagen, keine 100 Meter entfernt. Irgendwann waren die Chips alle, „ich geh mal eine neue Tüte holen“. Vielleicht 20 Meter vor dem Wagen habe ich ihn dann gehört. Nicht aus dem Babyphone, das leuchtete immer noch grün. Der Junge saß senkrecht in seinem Bett, weinte, schrie, war verzweifelt. Irgendwie waren wir nicht auf demselben Kanal.

Hing mir lange nach, die Sache – und die Frage, ob ich ihn irgendwie traumatisiert hatte. Dieses Grundvertrauen, wenn das erst mal zerstört ist ... Nun, inzwischen ist er 18, und seit vier Jahren besitzt er ein Handy. Andreas Austilat


DIE BANANISIERUNG

Unsere Tochter war gerade zwei Monate alt, als ich zum ersten Mal ein Babyphone in der Hand hatte, auf einem Familienfest irgendwo im Bayrischen Wald. Das Gerät gehörte meiner Schwägerin und war angeblich der Rolls-Royce unter den Babyphonen: die höchste Reichweite, die sensibelste Technik, die längste Laufzeit. Leider sah es aus wie ein Accessoire aus der Muppet’s Show: ein knallbuntes, bananenförmiges Trumm mit einer riesigen Wackelantenne oben drauf. Meine Schwägerin hantierte den ganzen Abend so stolz damit herum, als hätte sie sich gerade ein I-Phone gekauft. Natürlich war das praktisch. Wir konnten im Garten feiern, während die Kinder im Haus schliefen. Doch ich habe mir damals geschworen, niemals mit so einem lächerlichen Spielzeug-Walkie-Talkie herumzulaufen.

Schon während der Schwangerschaft hatte ich mit wachsendem Unbehagen beobachtet, dass die Mütter rund um den Helmholtzplatz ihren Kindern immer ähnlicher werden. Sie trugen Pastellfarben in mehreren Lagen und Pipi-Langstrumpf-Zöpfe. Ich war mir sicher: Mit einem bananenförmigen Babyphone wäre ich bald eine von ihnen. Ein paar Monate später stand auch ich in einem Fachgeschäft für Kleinkinderüberwachung und ließ mich beraten. In meiner grenzenlosen Naivität hatte ich Babyphone bis dahin für infantile Statussymbole gehalten, deren heimlicher Zweck aber doch darin bestand, die Eltern zu beruhigen. Das Gegenteil ist der Fall: Die neuen Babyphone verfügen über Kameras, Bildschirme, Bewegungsmelder und Thermometer. Sie zwingen einen förmlich, sich den ganzen Abend Sorgen zu machen, ob das Kind sich noch bewegt oder kurz davor ist zu ersticken. Obwohl die Verkäuferin mich für verrückt hielt, entschied ich mich schließlich für ein altmodisches Gerät, das nur anspringt, wenn das Kind weint. Es ist so klein, dass man es unauffällig in der Hosentasche verschwinden lassen kann. Leider haben wir auf dem Balkon damit schon keinen Empfang mehr. Stefanie Flamm


ACHTUNG, ACHTUNG

Es war in Schöneberg, Courbièrestraße, schöne Wohnung. Altbau, ziemlich groß, das Kinderzimmer ein wenig abgelegen. Aber dafür hat man ja ein Babyphone. Ich bin nämlich ein eher nervöser Vater und dementsprechend öfters mal gucken gegangen, ob er noch atmet. Alles in Ordnung, schön, zurück ins Wohnzimmer. Plötzlich meldet sich das Babyphone: „Wer steht Nolle, Auftrag Nolle.“ Was war das? Bisher erschöpfte sich sein Wortschatz auf Mama, Babamm, Bambam und einen Doppellaut, den zumindest ich deutlich als „Papa“ identifiziert hatte. Kurzes Krachen im Lautsprecher, dann eine Männerstimme: „1784 Nollendorfplatz“. Einbrecher? Entführer? SEK? Hilfe! Wieder kracksen: „1784 für Maaßen 7, nach Tegel.“

Natürlich bin ich sofort zu ihm gerannt. Aber da war nichts und niemand. Nur der Kleine, und der schlief. Später haben wir uns an die Taxizentrale unten im Haus gewöhnt. Stephan Blume

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