Zu Hause : Ein Fotograf sieht Rot

Joakim Eneroth hat die typischen Häuser seiner Heimat aufgenommen: Die Serie „Swedish Red“ wird jetzt in Berlin gezeigt. Hier erzählt der 41-Jährige, warum Schweden ihm keinen Tee anbieten und ihre Wände rot streichen

Protokoll: Franziska Klün
Ein schwedisches Haus.
Ein schwedisches Haus.Foto: Joakim Eneroth

Alles begann in einem alten Bus. Es ist einige Jahre her, da reiste ich durch Afrika, durch eine ziemlich raue und harte Landschaft. Ich fühlte mich unwohl, als wäre ich an diesem Ort nicht wirklich sicher. Plötzlich passierten wir eine dieser irrsinnig modernen Tankstellen, ich erinnere mich noch genau, es war eine Shell Select. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, um an diesen für mich vertrauten und damit sicheren Ort zu gelangen. In dem Moment stellte ich mir das erste Mal die Frage: Was ist das, dieses ständige Sicherheitsbedürfnis? Worauf basiert es? Ist es ein Überlebensinstinkt, also ein natürliches menschliches Verhalten, das einsetzt, sobald man sich bedroht fühlt oder ist es schlicht eine Unfähigkeit, Dinge zu akzeptieren wie sie sind?

Ein paar Jahre später schlenderte ich durch Sollentuna, das ist ein Vorort von Stockholm, ich bin dort groß geworden. In Sollentuna stehen viele dieser roten Holzhäuser, wie sie in Schweden überall zu finden sind. Und als ich diese Villen so betrachtete, begriff ich, dass sich genau dieses Sicherheitsbestreben dort auf eine sehr äußerliche Weise manifestiert: in den roten Wänden, den perfekt geschnittenen Hecken, den weißen Zäunen. Die typisch schwedische Idylle spiegelte für mich plötzlich ein extremes Verlangen nach Kontrolle wider. Also suchte ich nach einem symbolischen Fotomotiv, das ironisch mit genau diesem Verlangen spielt. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass man als Künstler sehr viel mehr Menschen mit Ironie erreichen kann, als wenn man krampfhaft versucht, etwas zum Ausdruck zu bringen.

Ich entschied mich für die fensterlosen roten Hauswände. Und wie das immer so ist, wenn man an einer Idee anfängt zu arbeiten, passieren Dinge, mit denen man niemals gerechnet hätte. In der Regel sind auf meinen Bildern auch Menschen zu sehen, beispielsweise habe ich eine Serie über gefolterte Tibeter gemacht. Ein schwieriges Thema. Damals hatte ich fest mit wütenden Reaktionen gerechnet. Aber nicht dieses Mal, nicht bei dieser Serie, nicht in Schweden.

Tatsächlich bin ich noch nie auf so viel plötzlichen und unkontrollierten Zorn gestoßen, wie in der Zeit, als ich an „Swedish Red“ arbeitete. Ich fotografierte leere Gärten, einfache, ja fast langweilige rote Wände, nie Menschen und das Ganze aus einer Distanz von 20 bis 30 Metern. Jedes Mal, wenn ich unterwegs war – außer ich fotografierte nachts, als die Bewohner schliefen – kamen die Leute aufgeregt aus ihren Häusern und beschimpften mich. Sie wollten keine Antworten, kein Gespräch, sie wollten nur, dass ich abhaue. Nach einiger Zeit bekam ich jedesmal Bauchschmerzen, sobald ich mich entschieden hatte, wieder loszustiefeln. Sich immerzu solchen Konfrontationen auszusetzen, macht einem auf Dauer ganz schön zu schaffen.

Natürlich feuerten mich diese unerwartet heftigen Reaktionen auch an. Schließlich bestätigten sie meine Vermutung, dass in diesen Häusern eine undefinierte Angst existiert. Vor was, wissen die Menschen wahrscheinlich selbst nicht so genau: vor Einbrechern, dem Finanzamt, irgendwelchen Medien. Es ist die absurde Befürchtung, jemand könnte hinter genau ihnen her sein. Mit solch einem konstanten Angstgefühl zu leben, muss ganz schön schmerzhaft sein. Da würde ich ein gewöhnliches Apartment bevorzugen.

Ich begriff, dass in diesen Vorortsstraßen nicht nur physische Barrieren in Form weißer Zäune oder perfekt geschnittener Hecken erbaut worden waren, sondern auch geistige Barrieren. Die Grundstücke verleihen ihren Bewohnern ein Sicherheitsgefühl. Dort beginnt ihre Privatsphäre und diese sind sie bereit zu verteidigen. Dabei begreifen sie nicht, dass ihre Häuser so zu Gefängnissen werden.

Noch skurriler wurde es, als ich Häuser in Indien auf exakt die gleiche Weise fotografierte: die gleiche fotografische Position, 20 bis 30 Meter vom Haus entfernt, eine Hauswand als Motiv, fertig. In Indien kamen die Menschen auch aus ihren Häusern heraus, allerdings baten sie mich zu sich herein, boten mir Tee an und wollten mir ihre Familien vorstellen. Und selbstverständlich durfte ich ihre Häuser fotografieren. Ich fand es wirklich erstaunlich, wie zwei gleiche Situationen zwei komplett verschiedene Reaktionen hervorrufen können.

Noch immer habe ich keine richtige Antwort, warum das so ist. Ich vermute aber, in Schweden, wo es viele Monate im Jahr kalt und dunkel ist und die Menschen drinnen bleiben, ist man an ein kollektives Zusammenleben wie in Indien einfach nicht gewöhnt. Dort ist es das ganze Jahr über warm, die Leute verbringen einen großen Teil ihres Lebens draußen auf den Straßen. Da hat man weniger Angst vor Neuem und fühlt sich nicht so schnell bedroht. Hinzukommt, das Schweden so groß ist. Das erlaubt es uns, distanziert und isoliert zu leben. Das ist in Indien gar nicht möglich.

Ich denke, Angst kommt immer dann auf, wenn man mit bestimmten Situationen nicht konfrontiert wird. Dann schafft man geistige Projektionen. Und auf genau diese bin ich gestoßen. Der Vater meiner Freundin lebt in solch einem roten Haus. Er ist jemand, der gerne neue Menschen kennenlernt. Kürzlich war er sehr traurig, weil sich seine Nachbarn so große Briefkästen gekauft haben, dass sie nie mehr jemanden bitten müssen, ihre Post zu holen, wenn sie mal im Urlaub sind. Auch dieser Grund für eine Kontaktaufnahme fällt also weg.

Diese roten Häuser findet man überall in Schweden. Obwohl sie aus Holz sind, und viele im Laufe der Jahre nieder brannten oder einstürzten, existieren noch immer welche aus dem 18. Jahrhundert. Die Tradition aber reicht noch viel weiter zurück. Im 17. Jahrhundert baute man in der Mitte des Landes viel Kupfer ab. Übrig blieb dann rote Farbe, die sich gut zum Konservieren von Holz eignete. So begannen die Menschen, ihre Häuser damit anzustreichen. Heute wünscht sich jeder solch ein Haus irgendwo auf dem Land. Dort glaubt man, sein Glück zu finden.

Dass sich der Betrachter fragt, was nun da drinnen passiert, finde ich wunderbar. Manche der Häuser sehen ja fast ein wenig gruselig aus. Und ich bin froh, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Jeder soll sich seine eigene Geschichte dazu ausmalen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass man darin wohl Möbel von Ikea finden würde. Wahrscheinlich ein Billy-Regal für die Bücher. Ein Sofa, einen Kamin und Holzfußboden.

Neben den roten Häusern ist Ikea so etwas wie die andere schwedische Religion. Die Schweden glauben zwar, sie wären allesamt sehr individuell, aber genau das verleiht ihnen diese Ähnlichkeit. Im Grunde führen wir allesamt einen vergleichbaren Lebensstil.

Ich bin sehr erstaunt, wie beliebt das schwedische Design in Deutschland ist. Kürzlich hatte ich mein Apartment eine Zeit lang an eine Deutsche untervermietet. Sie ließ einige Magazine zurück, in denen es nur darum ging. Ingvar Kamprad war Ende der 40er Jahre wirklich verdammt clever, als er mit der Gründung von Ikea das schöne schwedische Design für jeden erschwinglich machte. Heute steht mindestens ein Ikea-Stück in jedem Haushalt. Vielleicht transportieren diese Möbel das Bild des glücklichen Schwedens, aber ab und an muss man dieses Bild auch widerlegen. Ich liebe dieses Land, das Licht, den vielen Platz, die Natur. Allerdings gibt es auch viel Einsamkeit, den Zwang, einen bestimmten Lebensstil zu führen, den Mangel an Alternativen, es ist eine angepasste Gesellschaft. Das darzustellen, betrachte ich als eine meiner Aufgaben.

Das heißt aber nicht, dass ich mit meiner Arbeit die Vorbildfunktion Schwedens, was sein Sozial-, Gesundheits- oder Schulsystem anbelangt, in Frage stellen will. Es gibt vieles, worauf wir, meiner Meinung nach zu Recht stolz sein dürfen. Aber nicht umsonst heißt die Serie auch „comfortably secure“, „angenehm sicher“. Wenn man lange Zeit in solch einer idyllischen Sicherheit lebt, verliert man das Bewusstsein für den Wert dieses Statusses. Man interessiert sich zunehmend für die eigene private Situation – und das kreiert nun mal Einsamkeit.

Die Reaktionen auf meine Bilder waren in allen Ländern überwiegend positiv. Allerdings verstanden die Schweden die kritische Aussage dahinter schneller – es ist wohl erleichternd, wenn jemand etwas Unausgesprochenes ausspricht. In den USA, Frankreich und England wurden die Aufnahmen als sehr exotisch wahrgenommen – wie die blau-weißen Häuser in Griechenland wurden die roten Gebäude zum Symbol für etwas Skandinavisches.

Die Ausstellung „Swedish Red“ läuft bis zum 30. Oktober in der neuen Galerie Swedish Photography in der Oranienburger Str. 27 in Berlin-Mitte. Ende des Jahres erscheint im Steidl Verlag ein Buch zur Serie.

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