Zu Hause : Ein Freund der kleinen Leute

Feridun Zaimoglu ist ein großer Schriftsteller – und Herbergsvater für 160 Gartenzwerge. Ein Hausbesuch in Kiel

Wenn dies ein Märchen wäre, es müsste so beginnen: Hinter den Bergen, bei den 160 Zwergen lebte einst ein eigensinniger Schriftsteller, dessen Name war Feridun Zaimoglu.

Zugegeben: Man sieht keine Erhebung von mehr als 100 Metern, wenn man, um Zaimoglu zu besuchen, von Berlin nach Kiel fährt. Aber angekommen in der Stadt an der Ostsee, fühlt man sich dann doch irgendwie hinter den Bergen: so weit weg von allem. Zaimoglu, hochgelobter Autor von Theaterstücken, Kurzgeschichten und von Romanen wie „Leyla“, lebt hier seit 26 Jahren. Die Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen schickte ihn 1984 nach Kiel, und obwohl er sein Medizinstudium am Ende abbrach, blieb er der Stadt treu – des rauen Meeres, des rauen Wetters und der herben Menschen wegen, wie er sagt. Dabei wirkt er selbst überhaupt nicht herb. Offen, ja herzlich empfängt er den Besucher an diesem Dienstagnachmittag in seinem verrauchten Arbeitszimmer. Die Wohnung, in einem Mietshaus aus der Gründerzeit, wirkt studentisch. „Einen wie mich vermutet man ja eher in Berlin-Mitte“, sagt Zaimoglu. „Da fahre ich gerne mal hin, um mir zwei, drei Tage das hippe Volk anzugucken. Das genügt.“ Manch einer unterstellt Zaimoglu, der auch ohne Internet und Computer lebt, Koketterie. Aber vielleicht macht der Mann ja auch einfach nur, was ihm gefällt – egal, was andere davon halten.

Womit wir bei den 160 Zwergen wären. Die sind in ihrer Mehrzahl aus Ton und Zaimoglus Mitbewohner. Er wisse wohl, dass das Sammeln von Gartenzwergen ein seltsames Hobby sei, sagt der Schriftsteller, zumal „für einen erwachsenen Mann von 46 Jahren“. Einige seiner Freunde nennen ihn deshalb „bekloppt“, „und die ambitionierten, intellektualisierten Leute sagen: Ah, der hatte keine Kindheit, der holt das jetzt nach“. Einmal kam eine TV-Journalistin wegen der Zwerge vorbei, am Telefon hatte sie noch nett mit Zaimoglu geplaudert, „aber als sie in der Wohnung stand, sah ich ihr an, dass sie glaubte, in der Grotte eines Psychopathen gelandet zu sein“. Den Autor amüsiert das immer noch sehr.

Seine Zwerge sind wirklich überall: in der Küche, im Flur und sogar in der Toilette. Wenn man die Wohnung betritt, begrüßen einen zwei Feuerwehr-Wichte mit Rettungsschläuchen in der Hand. Sie stehen auf Podesten (einfache Winkeleisen aus dem Baumarkt), links und rechts vom Garderobenspiegel. Gegenüber: ein Jäger-Zwerg, mit Schießeisen und Hase. Und auf Zaimoglus Schreibtisch im Arbeitszimmer spielt, inmitten von Fliegenpilzen aus Ton, eine ganze Zwergenkapelle. Eine Wand des kleinen Raums wird fast völlig von Zwergen auf Metallpodesten eingenommen – das Ganze wirkt wie eine Kunstinstallation.

Auf den winzigen, geschlossenen Balkon schließlich sind die Zwerge aus Plastik verbannt. Zaimoglu mag sie nicht besonders, bekommt aber immer wieder welche von Bekannten geschenkt.

Nur ein Raum ist zwergenfrei, aus nachvollziehbaren Gründen: „Zeigen Sie mir eine Frau, die das Schlafzimmer eines Kerls betritt, in dem Gartenzwerge stehen!“, sagt Zaimoglu und lacht. Er selbst liebe seine Zwerge, weil sie „bunt und schräg“ seien: „Sie haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun und trotzdem stellt man sie sich in den Alltag hinein.“

Begonnen hat Zaimoglus Leidenschaft, als er neun Jahre alt war. Mit den Eltern, türkischen Gastarbeitern, lebte er damals in einer Terassenwohnung in München. Und plötzlich stand da ein Terrakottazwerg im Nachbargarten, halb so groß wie ein erwachsener Mann und mit knallroter Zipfelmütze auf dem Kopf. „Der gefiel mir, den habe ich immer angestarrt“, erinnert sich Zaimoglu. Einmal trug er ihn sogar in den eigenen Garten herüber, um ihn näher betrachten zu können.

Bis Zaimoglu zum Sammler wurde, brauchte es aber noch ein paar Jahrzehnte. Als der Autor vor sechs Jahren mehrere Lesungen in Jena und Erfurt gab, verfuhr er sich zwischen den beiden Städten – und landete zufällig im kleinen Gräfenroda, wo der Gartenzwerg vor 130 Jahren erfunden wurde. In der örtlichen Zwergen-Manufaktur kaufte Zaimoglu seinen ersten Wicht; er thront heute im Arbeitszimmer: die Arme verschränkt, mit Rauschebart, in schwarzer Jacke und gestreifter Zirkushose. Zurück in Kiel wurden weitere Tonzwerge aus Gräfenroda – mal für 30, mal für 80 Euro – per Telefon geordert: „Immer dann, wenn ich Geld hatte und mich für etwas belohnen wollte.“

Mittlerweile hat Zaimoglu auch schöne Zwerge auf Flohmärkten entdeckt. Verwittert dürfen sie sein, und klassisch müssen sie aussehen. Er sucht nach Handwerkerwichten und nach Zwergen, die Obst ernten, an einer Pfeife nuckeln oder Ziehharmonika spielen. „Was ich gar nicht mag, sind verschmuste, pausbäckige Disney-Zwerge“, sagt der Schriftsteller. „Noch schlimmer: Fake-Zwerge, die Sonnenbrille tragen oder tot auf dem Boden liegen, mit einem Messer im Rücken.“

Woher die Figur des Zwergs überhaupt kommt, ist umstritten. Viele glauben, es handele sich um Grubenarbeiter. Denn in der Vergangenheit schickte man Kinder und Kleingeratene in die engen Stollen, ihre roten Mützen sollten wohl dafür sorgen, dass man sie im Dunkeln erkannte. Es könnte aber auch sein, dass das Vorbild Liliputaner waren, die früher aus den Dörfern ausgesondert und an den Waldrand verbannt wurden.

Feridun Zaimoglu gefallen solche Geschichten, er liebt auch Volkssagen, den „magischen Schatz der deutschen Romantik“. In seinem jüngsten Roman „Hinterland“ hat er Wichtelmänner und -frauen auftreten und mit Menschen sprechen lassen. Und in seinem Regal stehen – neben den Übersetzungen seiner Bücher ins Italienische, Bulgarische oder Hebräische – die Märchen der Gebrüder Grimm. Die unzensierten Urfassungen dieser Geschichten habe er immer am meisten gemocht. „Weil deren Welt komplex ist. Da gibt es keine klare Aufteilung: Hier die Guten, dort die Bösen.“ Der Aufklärung steht Zaimoglu skeptisch gegenüber: „Das gleißende Licht der Vernunft, das ist auch eine Form von Aberglaube.“ Ihn als Arbeiterkind störe zudem die „Geringschätzung der einfachen Leute“ durch die bürgerlichen Aufklärer.

Vielleicht ist Zaimoglus Sympathie für den sprichwörtlichen kleinen Mann der Grund dafür, dass er den Gartenzwerg nicht als Symbol für gefährliches Spießertum gelten lassen will. Er stehe doch eher für das Sympathische, Verspielte der deutschen Kultur, und diese Kultur liebt Zaimoglu, das Einwandererkind, sehr.

Tatsächlich sind Gartenzwerge die proletarische Version jener Gnom-Figuren, die früher beliebt beim Adel waren. Statt im Schloss- stehen sie eben im Schrebergarten. Oder, wie bei Feridun Zaimoglu, in der Altbauwohnung. Nach draußen, sagt Zaimoglu am Ende des Besuchs, würde er seine Zwerge übrigens nie stellen. „Da hinterlässt jede Schnecke eine Schleimspur und jede Katze hebt ihr Bein – nein, das kann ich denen nicht antun.“

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