Zu Hause : Ein Platz zum Abhängen: Die Garderobe

Der Flur jeder Wohnung fragt sich: Was bin ich – und wenn ja, wozu? Transitraum? Schuh- und Schirmlager? Museum für Läufer? Das wird hier mal geklärt

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Die Garderobe als Kunstobjekt, von Designer Vincenz WarnkeFoto: Marc Autenrieth

Wenn Wohnungen Menschen wären, dann wäre der Flur der Bauch, die Hüften oder die Oberschenkel. Eine Problemzone, die beim Normalsterblichen immer irgendwie aus der Form geraten ist. Die Schläuche in Hamburger Wohnungen etwa, die nur „Knochen“ genannt werden. Oder die viel zu langen Berliner Flure, bei denen man nie weiß, wozu sie gut sein sollen. Und die dann auch gleich in die nächste Problemzone übergehen, das viel zu dunkle Berliner Zimmer.

Wie jede Problemzone ist der Flur leider genau das, was Außenstehende als Erstes wahrnehmen. Da wären einmal die Proportionen: zu klein oder zu lang. Und dann das leicht Zwanghafte, das dort entsteht, wo man das Praktische mit dem Ästhetischen vereinen muss, also Schuhe, Mäntel, Taschen mit Schränken, Kommoden und Spiegeln – Zeug mit Design.

Wenn Wohnungen Menschen wären, würden sie versuchen, die Problemzonen zu kaschieren. Oder ganz offensiv damit umzugehen. Indem man zum Beispiel etwas Knalliges darauf tut oder etwas Ironisches. Wie Beth Ditto, die übergewichtige Sängerin, die hautenges Latex trägt oder Designermode, die ursprünglich für Frauen konzipiert wurde, die ein Drittel von ihr wiegen.

Und das ist es auch, was derzeit mit dem Flur passiert. In den aktuellen Möbelkatalogen sticht vor allem eines ins Auge: schickes bis schrilles Design für den Flur. Da gibt es Schränke aus schwarz oder weiß lackiertem Metall, die auch Servierwagen sein könnten oder Computertische. Garderoben im Camouflagemuster oder als angedeutetes Geweih wie vom dänischen Design-Duo busk + hertzog. Schirmständer, die Namen tragen wie „cubix h2o“.

Nur das Schuhregalproblem hat bislang noch kein Designer überzeugend gelöst. Ob zum Klappen, Stopfen oder Schlichten – Schuhregale sind immer hässlich. Dagegen die Kleiderhaken: in Form von Tropfen oder Blättern, die an überdimensionale Ohrstecker erinnern. Als Knubbel, die aussehen wie das, was Alessi früher ans Besteck dranpappte. Bunte Stangen, die einem entgegenragen wie die Haltegriffe in der U-Bahn. Nägel, die in einem Brett stecken. Nicht zu vergessen der Kleiderständer des deutsch-französischen Designers David Olschewski, der ein umgedrehter Spaten ist, mit rot lackiertem Blatt. Immerhin löst Olschewski mit dem Ding ein grundlegendes Problem im Flur: Man braucht keine Schlaufen mehr. Man wirft seinen Mantel einfach über einen Spaten.

Auch der Designer Vincenz Warnke hat für den Flur den ironischen Ansatz gewählt. Er hat eine Garderobe aus dem Schriftzug „Garderobe“ gemacht. In einer Schrift, die alt sein kann oder ganz neu, wahlweise orange oder weiß, man muss an die fünfziger Jahre denken und an amerikanische Werbeplakate. Wenn man etwas aufhängen will, braucht man Kleiderbügel, auf das kleine „e“ am Ende passt noch eine Mütze. Er wollte, dass ein Gegenstand für sich selbst spricht, sagt Warnke, der in Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design in Halle, unterrichtet. Dass das, was man an die Wand hängt, auch das ist, was es bezeichnet.

Die Idee kam Vincenz Warnke, als er einmal Kunden empfangen musste. Er hat dazu Kärtchen mit dem Wort „Büro“ beschrieben und aufgestellt, draußen auf einer Wiese, bei einem Picknick. Um die Kunden nicht in seine Wohnung lassen zu müssen, die ihm damals nicht repräsentativ genug schien. Von da war es nicht weit zur „Garderobe“-Garderobe und zum Flur. Weil der Flur ja auch der Raum ist, in dem man sich Fremden präsentiert, ohne allzu viel von sich preiszugeben.

Kulturgeschichtlich war der Flur die längste Zeit eine Sache der Privilegierten. Über Vorzimmer oder eine Antichambre verfügte nur, wer den Platz hatte und den Einfluss, Leute auf sich warten zu lassen. Der Rest fiel mit der Tür ins Haus. In den Wiener „Zimmer-Kuchel-Kabinett“-Wohnungen der Gründerzeit stand man etwa sofort in der Küche, die auch gleichzeitig das Bad war. Die Toilette war im Treppenhaus, das wiederum erfüllt war von den Gerüchen, die aus den Vorraum-Bad-Küchen drangen. Lediglich in einem Viertel der Wiener Wohnungen gab es ein Vorzimmer, und das diente nachts meist als Schlafraum für das Personal.

In Amerika wurden die flurlosen Shotgun-Häuser zu einem Symbol der Armut. Im 19. Jahrhundert in den Südstaaten entstanden, hatten sie zwei bis fünf Zimmer, die direkt aufeinander folgten. Wenn man zur Eingangstür hereinkam, war man im Wohnzimmer, dahinter kamen ein oder mehrere Schlafzimmer. Wenn es ein Bad gab, war es Teil des hintersten Zimmers. Daher auch der Name, Schrotflintenhaus. Weil die Ladung aus einer Schrotflinte einfach durch das ganze Haus hindurchgeflogen wäre und hinten bei der Tür wieder hinaus.

Irgendwann kam der funktionale Miniflur für die Massen auf, und damit begannen die Probleme. Wohin mit den Dingen, die man im Flur braucht? Spiegel, Ablage, Garderobe? Und wohin mit den Dingen, für die es sonst keinen anderen Platz gibt? Mit Kinderschuhen, Skiern, Topfpflanzen, Wintersachen, Getränkekästen, Plastiktüten, Altpapierstapeln?

Problemzonen kaschieren hieß die Lösung. Seither ist im Flur die abgehängte Decke im Einsatz. Oder der Vorhang, hinter dem sich der Staubsaugerschlauch abzeichnet und die übrig gebliebenen Bretter vom Billy-Regal. Es soll aber auch Flure geben, in denen das Hochbett steht oder die Sitzecke samt Fernseher, wie in amerikanischen Sitcoms, in denen sich das Leben immer zwischen Kochnische und Gegensprechanlage abzuspielen scheint. Und die Anzeige für den „gemütlichen sanierten Altbau zum Wohlfühlen“ in Tiergarten auf Immowelt.de wirbt mit einem „geräumigen Flur mit Schreibtischnische“.

Und wie gestaltet man seinen Flur am besten? Innenarchitekten raten: Schuhe weg, die verströmen Mief. Tapeten her, damit erspart man sich das übliche Poster. Längsgestreift strecken sie noch dazu niedrige Flure wie ein Nadelstreifenanzug einen gedrungenen Körper. Spiegel sind ein Muss, in langen, schmalen Fluren kann man sie waagrecht aufhängen, das macht den Raum höher. Auch gut: eine Sitzgelegenheit. Bei den Möbeln generell Modelle mit wenig Tiefe verwenden, dazu eignen sich manchmal auch Badezimmermöbel. Filzquadrate aus dem Baumarkt ersetzen den ewigen Läufer. Licht nicht zu knapp, die meisten Flure haben schließlich keine Fenster. Allerdings keine grellen Spots, die geben einem das Gefühl, im Büro zu sein, bevor man überhaupt das Haus verlassen hat.

Oder man macht es wie Julie August, Herstellerin im Wagenbach-Verlag. Als sie im Sommer 2004 ihre neue Wohnung in Wilmersdorf besichtigte, sah sie erst einmal nur: Flur. 18 Meter lang, einen Meter breit, weiß gestrichen. Ein Flur wie eine Galerie. Genau eine solche hat Julie August dann auch eingerichtet, in ihrer Wohnung, mit dem Namen 18m. Sie hat Künstler eingeladen, und einmal im Monat kamen Leute zu ihr, um sich zwischen Küche und Wohnzimmer Kunst anzusehen. Julie August ist zwar inzwischen umgezogen, die Flur-Galerie gibt es aber auch in der neuen Wohnung. Auf einer Tür im Flur hängt ein Bildschirm, auf dem Videoarbeiten zu sehen sind; manche Installationen sind allerdings zu groß für den Flur, dann kommen sie ins Berliner Zimmer. Diese Woche feierte Julie August das fünfjährige Bestehen von 18m. Ihre Schuhe, Taschen und Wintersachen hat sie in einer Kammer untergebracht.

Derzeit ist der belgische Künstler Luk Berghe in Augusts Flur zu sehen. „100 political zone drawing“ heißt die Ausstellung, in dünnen Wasserfarben hingeworfene Bilder von Gegenständen und Design-Klassikern, die Sein und Design in ihrer Flüchtigkeit festhalten. Seine Motive findet Berghe in Archiven. Julie August sagt, dass sich viele Künstler bei ihr gerade wegen des Flurs bewerben. Weil es etwas anderes sei als der ewige White Cube in Museen und Galerien. Ein Unort, ein Zwischending zwischen öffentlich und privat, ideal für das Unfestgelegte der Kunst. Und auch die Besucher würden sich im Flur wohl fühlen, sagt Julie August. Zwischen Tür und Angel rede es sich unbefangener über Kunst als auf der klassischen Vernissage.

Die Wohnung ist ja schon lange im Umbruch, das war auch in diesem Jahr wieder auf der Kölner Möbelmesse zu beobachten. Einst intime Räume wie die Küche werden zu Empfangszimmern, Nebenschauplätze wie das Bad rücken ins Zentrum. Das Sofa wandert zur Kochecke, die Badewanne ins Schlafzimmer. Und der Flur wird mit Computer-Tisch-Ablagen und ironischen Garderoben zu einem Hybrid aus Arbeitsplatz und Lounge. Ein Transitraum, der nicht zum Verweilen ist, in dem man aber trotzdem hängen bleibt, wie in einem Flughafenterminal oder im Einkaufszentrum. Und damit ist der Flur eigentlich ein ziemlich zeitgemäßer Ort.

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