Zu Hause : Hausmeister Seiler

Mitten im Wald vor Berlin schrieb schon Peter Huchel, dessen Namen das Haus trägt. Der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Lutz Seiler führt die Tradition fort. Ein Besuch in der Dichterklause.

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Hubertusweg 41 in Wilhelmshorst:

Manchmal hört Lutz Seiler das Meer rauschen. Wenn die Luft feucht ist, trägt der Wind den Klang bis ans Fenster. Zumindest hört es sich für den Dichter an wie leichtes Meeresrauschen, auch wenn es die Potsdamer Autobahn ist. Aber die kann er vor lauter Bäumen nicht sehen.

„Das Haus steht am Westrand der Ortschaft. Auf Höhe des Hauses beginnt der Wald, der Garten reicht in den Wald hinein und wird vom Wald umschlossen.“

„Im Kieferngewölbe“: So hat Lutz Seiler den Text genannt über das Haus, in dem er seit 1999 wohnt. Ein gelbes Haus in Wilhelmshorst, das den Namen eines anderen Autors trägt: Peter Huchel. Der hat hier zu DDR-Zeiten gelebt, in der Dachkammer gedichtet und unten die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ redigiert, alles mithilfe seiner Frau Monica. Bis er sein Land, d. h. den Staat nicht mehr ertragen hat. 1971 ist das Paar in den Westen gegangen.

Nach der Wende ging der Wunsch Monica Huchels in Erfüllung, das Haus in eine Gedenkstätte zu verwandeln. Seiler, der schon in Wilhelmshorst wohnte, war von Anfang an dabei, hat sich vor allem um die praktischen Dinge gekümmert, „als Hausmeister sozusagen“. Der er heute noch, als Programmleiter, gerne ist.

In die Quere kommen die beiden Dichter sich nicht. „Er ist sehr präsent. Aber er ist in einem anderen Zimmer.“ Huchel ist unten, in einer kleinen Ausstellung im Erdgeschoss, der 46-Jährige wohnt oben, in der kleinen Wohnung im ersten Stock. Wir sitzen im „Alles-Zimmer“, wie er es nennt, das ziemlich winzig für alles ist: Lesen, Essen, Reden, Fernsehen, Leben – und Schreiben? Ja, antwortet er, „hier wird geschrieben“. Als sei er es nicht selbst, der es tut. Immer wieder wechselt der Schriftsteller plötzlich ins Passiv, mitten im Satz vom ich zum man. Als könne er das Persönliche damit entschärfen. Oder als sei ihm das Schreiben noch immer ein Rätsel.

Der Thüringer ist erst spät zur Literatur, zum Lesen gekommen: während seiner Militärzeit bei der NVA. In der Bibliothek besorgte er sich Bücher gegen die Langeweile, hat sie verschlungen, Huchel war auch darunter. Erst nach seinem Germanistikstudium brachte er seinen ersten Gedichtband heraus. Seitdem hat er jeden wichtigen Lyrikpreis bekommen, den es gibt. Seine Essays, Erzählungen von großer Intensität, etwa über das Huchel-Haus oder die Heimat der Kindheit, waren für ihn die Brücke zu den Erzählungen, mit denen er jetzt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, der nächste Woche vergeben wird: „Die Zeitwaage“. Der Titel passt zu ihm, zu seinem langsamen Werdegang. Das Gegenteil der ebenfalls nominierten Helene Hegemann.

Dabei ist Lutz Seiler ein ziemlich schneller Mann. Die beiden Fußballtore im schattigen Garten, der eher ein abgesenktes Loch im Wald als ein wirklicher Garten ist, liegen zwar brach; mit dem Kicken hat er aufgehört, nachdem er sich die Zehen dabei kaputt gemacht hat, aber jetzt rennt er, der beim Erzählen etwas Jungenhaftes hat, beim Badminton durch die Halle.

Hier am Holztisch sitzend, schweigend und schreibend – so hat man sich den Dichter eher selten vorzustellen. Seiler schreibt im Gehen und Reden. Auf den Spaziergängen durch den Wald, mit dem Notizblock in der Tasche, „da entsteht viel“. Wenn er es aufgeschrieben hat, muss er es laut aussprechen, wieder und wieder, hundertmal. Seiler lacht. „Da ist es gut, dass ich hier meist alleine bin.“ Die Tochter ist schon aus dem Haus, der 16-jährige Sohn wohnt alle 14 Tage für eine Woche bei ihm, seine zweite Frau, eine Schwedin, pendelt von Stockholm.

Der Klang muss stimmen, so seine Erfahrung, dann stimmt auch das Konzept. „Das Ohr ist die letzte Instanz.“

Nein, das Huchel-Haus ist kein Museum, still und tot. Eher ein lebendiger Kreislauf. Und nicht nur, weil Seiler mit den Einkünften aus seinen Büchern die Miete zahlt, die wieder in die Erhaltung der Gedenkstätte fließt. Selbst wenn das Haus nicht so explizit im Mittelpunkt steht wie im „Kieferngewölbe“, sind seine Atmosphäre, seine Umgebung in Seilers Texten präsent. Für den Leser vielleicht nicht klar fassbar, aber so spürbar wie für die Prinzessin die Erbse unter der dicken Schicht von Matratzen.

Ob er auch in einem Neubau leben könnte? Seiler überlegt eine Weile, bevor er antwortet: „Warum nicht. Klar.“ Er könnte sich das Haus sogar selber bauen. Der Lyriker, klein und schmal, ist gelernter Baufacharbeiter, hat als Maurer und Zimmermann gearbeitet. Der unmittelbare Umgang mit den Materialien hat sein Schreiben, wie er glaubt, stark geprägt: „Die Sehnsucht, die Dinge in den Text zu holen.“ Und tatsächlich, Lyrik und Prosa sind sinnlich wie ein Stück Holz, haben die gleiche konzentrierte Wucht.

Aber warum sollte er in einen Neubau ziehen? Das ist doch gerade, was ihn an diesem Haus reizt, in dem vor Huchel schon ein Schriftsteller und nach ihm wieder einer, Erich Arendt, gewohnt hat: „die Aura“. Diese Schichten des Lebens und Denkens, wie die Ringe eines Baums. Ein Haus, das ist für Seiler ja immer „eine geniale Erinnerungskonstruktion: Man tritt da ein wie in eine Geschichte“. Und die Erinnerung ist bei ihm immer die Basis – der Keller seiner literarischen Erfindungen.

Seiler, auf Augenhöhe mit Tannen und Kiefern, guckt aus dem Fenster, wie so oft während des Gesprächs. Er ist den umgekehrten Weg seiner Eltern gegangen. Für diese war es eine Befreiung, dass sie, als ihr Dorf in Thüringen für den Uranabbau „geschleift“ wurde, in die Stadt, in ein Neubauviertel verpflanzt wurden. Sie waren froh, dem Land, der Landwirtschaft entkommen zu sein, „sie waren glücklich über warmes Wasser aus der Wand“. Für das Kind dagegen war der Umzug die Vertreibung aus dem Paradies. Der kleine Junge versuchte sich dieses mit dem Spaten wieder erschaffen, aber so tief er auch grub, alles, was er fand, waren Schutt und Schlamm. Selbst wenn es später im Geraer Neubauviertel etwas grüner wurde, das Paradies blieb für ihn das Dorf, in dem er bei der Großmutter alle Ferien verbrachte.

„In Gera wohnten die Dörfler mit ihren Häuschen und Gärtchen plötzlich nicht mehr neben-, sondern übereinander“ – so, wie es Seiler beschreibt, klingt es so surreal wie es viele Momente in seinen Erzählungen sind. So ist er denn als Erwachsener raus aus der Stadt in ein altes Haus im Wald gezogen, allerdings mit Regionalbahn- und Autobahnanschluss. Berlin hat ihm die Energie geraubt. „Hier habe ich alles, was ich zum Schreiben brauche, die Erde, die Bäume, den Wind.“

Die Extraterritorialität, die Distanz zu den Strömungen der Zeit gefällt ihm ebenso wie dem Publikum, das zu Lesungen hier raus in den Wald fährt. Hausmeister Seiler gestaltet auch das Veranstaltungsprogramm im Huchel-Haus und legt Wert darauf, nicht die Neuerscheinungen der Saison vorzustellen, sondern „einen Autor und sein Werk“. Die Atmosphäre ist ihm wichtig, das intime Gespräch zwischen Autor und Publikum in dem eher kleinen Gedenkstättenraum.

Eine Flucht aufs Land ist das nicht. Eher ein Finden. Huchel wollte hierher, um in seiner, der märkischen Landschaft zu leben, über die er schrieb. Auch Lutz Seiler fühlte sich angezogen von dieser Landschaft, der Melancholie der großen Felder, den Hügeln drum herum. „Das ist, als hätte man so ein Klein-Thüringen um sich herum, wie ein Zitat.“ Als wäre er wieder angekommen in der Landschaft seiner Kindheit, von der er als Schriftsteller so zehrt.

„Sonntags dachte ich an Gott“, Seilers Band mit Essays, ist ebenso wie „Die Zeitwaage“ bei Suhrkamp erschienen. Das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst ist sonntags geöffnet; am 24. März liest dort Grit Poppe. www.peter-huchel-haus.de

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