Zeitung Heute : Zu Hause im Stadion

Robert Ide[Kaiserslautern]

Bei vielen WM-Spielen hat sich gezeigt, dass trotz des ausgeklügelten Ticketsystems die Stadien von Fans aus jeweils einem Land dominiert wurden. Wie kommt es dazu?


In Kaiserslautern waren die Gewichte gleich verteilt. Jeweils 15 000 Fans aus Italien und den USA sowie noch einmal so viele neutrale Anhänger sahen am Samstagabend ein 1:1 und drei Platzverweise im Fritz-Walter-Stadion. Dass die Europäer nicht auch bei diesem Spiel auf den Tribünen dominierten, lag wohl daran, dass Zehntausende Amerikaner hier zu Hause sind – in der Nähe liegt die US-Militärbasis Ramstein. Normalerweise haben bei den WM-Spielen Fans aus traditionellen europäischen Fußballländern die Übermacht. In Frankfurt am Main und Nürnberg waren die Engländer mit 30 000 Fans dabei, die Schweden tauchten das Berliner Olympiastadion in ihre gelbe Trikotfarbe, die Niederländer das Leipziger Zentralstadion in Orange. Ist das ein Zeichen für einen blühenden Schwarzmarkt? Gibt es an den Stadien zu wenige Abgleiche der personengebundenen Eintrittskarten mit den Personaldokumenten?

In der Tat sind die Kontrollen übersichtlich. Höchstens 1000 Personen werden pro Spiel stichprobenartig überprüft. Und falls es Probleme gibt, können die Karten an so genannten „Clearing Points“ nachträglich umgeschrieben werden. Doch Horst R. Schmidt, der für die Tickets verantwortliche Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, hat noch eine andere Erklärung. „Viele Sponsoren haben ihre Kontingente für die England-Spiele vor allem in England verlost, auch die VIP-Karten sind vorrangig dort verkauft worden.“ Zu Beginn des Kartenverkaufs waren jedem Landesverband acht Prozent der Plätze bei ihren Spielen zugesichert worden. Nach Protesten etwa in England, Italien und den Niederlanden über das unzureichende Angebot wurde das Kontingent für nachfragestarke Verbände zu Jahresbeginn erhöht. Vor allem rückläufige Karten aus dem VIP-Ticketverkauf wurden hierfür verwendet. „Aber natürlich besorgen sich auch viele Karten auf privatem Wege“, sagt Schmidt. Die Organisatoren haben inzwischen eingesehen, dass der Schwarzhandel nicht einzudämmen ist.

Es ist wohl so, dass der rege Verkauf vor den Stadien verhindert, dass Plätze frei bleiben. Bisher waren fast alle ausverkauften Stadien tatsächlich voll besetzt. Nur in Leipzig beim Spiel der Niederlande gegen Serbien-Montenegro blieben mehr als 1000 Sitze frei. „Wir haben jetzt herausgefunden, welche Gruppierung ihre Karten in Leipzig nicht genutzt hat. Es handelt sich vorrangig um Sponsoren“, berichtet Schmidt. Die beiden Landesverbände hätten dagegen ihre Tickets genutzt. Auch die Schweizer Firma ISE, die die VIP-Karten vertreibt, hatte erklärt, dass ihre Bereiche voll besetzt gewesen seien.

Sollten wieder einmal Plätze frei bleiben, wollen die Organisatoren freiwillige Helfer aus den Stadien platzieren. So besetzten etwa 100 Volunteers freie Sitze auf der Nürnberger Gegentribüne, als die Engländer gegen Trinidad & Tobago spielten. Auch vor diesem Match hatten Tausende Engländer vor der Arena verzweifelt nach Karten gesucht. Sie dürfte besonders ärgern, dass ein Funktionär des Fußball-Weltverbandes Fifa Geschäfte mit dem knappen Gut machen wollte. Fifa-Exekutivmitglied Ismail Bhamjee hatte zwölf Karten für das Spiel aus seinem Kontingent zum dreifachen Preis verkauft. Der Funktionär aus Botswana wurde inzwischen von der WM ausgeschlossen. Sein Platz im Stadion bleibt nun frei.

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