Zu Hause : Kleine Gartenschau

Ein Feuerwerk von Blüten, ein Badeteich mit Fröschen: Wie sich zwei Familien ihre Träume erfüllten. Und man darf ihre privaten Gärten sogar besuchen

So ist es eigentlich immer, wenn Besucher das erste Mal hierher kommen. Sie passieren das Haus – einen spitzgiebeligen Bau im Siedlerstil der frühen 30er Jahre – treten hinaus ins Rasengeviert, gucken auf den knorrigen Gravensteiner Apfelbaum, mustern die mächtige Kastanie, an der sich eine Kletterhortensie empor wuchert, und denken: „Schöner Garten.“ Und dann gehen sie noch ein paar Meter, bemerken erst jetzt den Pfad, der immer weiter führt, den Teich, der links ins Blickfeld gerät, und stellen schließlich stets die Frage: „Gehört das alles noch dazu?“ Falls Rainer Bischoff gerade hinter ihnen steht, wird er „ja“ sagen und dabei lächeln, weil der große, schlanke Mann mit dem gescheitelten weißen Haar gern lächelt.

Bischoff erlebt das häufiger. Denn er öffnet seine Pforte regelmäßig auch für Fremde im Rahmen der Reihe „Offene Gärten“, die seit 2004 von der gleichnamigen Berlin-Brandenburger Initiative zusammen mit dem Potsdamer Urania-Verein veranstaltet wird. 61 Gärten in Berlin und Umgebung machen mit, die ersten Termine waren im Mai, die letzten werden im September sein. Es ist schon vorgekommen, dass an einem Wochenende über 1000 Leute über den Rasen der Bischoffs gelaufen sind. Warum tun sie sich das an? Aus alter Verbundenheit vielleicht: Die Bischoffs haben sich selbst einst beim Besuch eines „Offenen Gartens“ Anregungen geholt.

Da wohnten sie schon 20 Jahre in ihrem Domizil. 1982 sind sie nach Zehlendorf gezogen, in ein ganz normales Haus mit einem ganz normalen Garten. Damals, die beiden waren 30, war das Gärtnern im Lebensplan zumindest von Rainer Bischoff noch gar nicht vorgesehen. Wenn überhaupt, dann hatte eher schon seine Frau Rosemary eine besondere Affinität zum Grün. Schließlich ist sie im Süden Englands zur Welt gekommen. Engländer sind gewissermaßen geborene Gartenliebhaber. Aber so englisch ist Rosemary Bischoff auch wieder nicht. Ihr Vater diente im Militär Ihrer britischen Majestät und kam viel rum. Jahrelang lebte die Familie in Kenia, aber auch in Deutschland, weshalb Rosemary akzentfrei deutsch spricht.

Der Garten, wie ihn die Bischoffs vorfanden, musste erst einmal ganz anderen Erfordernissen gerecht werden. Er war in erster Linie Kinderspielplatz, für die eigenen Söhne und deren Freunde. Dafür zieht man doch raus aus der Stadt, aus dem Leben, wie man es bis dahin kannte. Aber irgendwann sind die Kinder groß, brauchen keine Buddelkiste mehr und keine Schaukel. Und dann stand plötzlich auch noch das Nachbargrundstück zum Verkauf.

„Meine große Sorge war, dass mir da jemand etwas Größeres vorsetzt, ein paar Doppelhaushälften zum Beispiel“, erinnert sich Bischoff. Viele Berliner Grundstücke wurden in den letzten 30 Jahren geteilt und immer weiter verdichtet. Die Bischoffs kauften also den Nachbargarten. Und als das rückwärtige Grundstück frei wurde, erwarben sie auch das, damit dort ebenfalls nichts gebaut wird. Damit hatten sie ihre Gartenfläche auf 2000 Quadratmeter fast verdreifacht. Ihnen schwante, dass sie professionelle Hilfe brauchen würden: Sie engagierten die Landschaftsarchitektin Mona Kerkow, die ihnen auch einen Pflanzplan entwarf.

„Ihr seid ja verrückt“, hätten die Kinder am Anfang gesagt. Aber dann beteiligten sie sich an den Beratungen – obwohl sie doch schon ausgezogen waren. Sie wünschten sich einen Basketballplatz und ein Schwimmbecken. Der Basketballplatz wurde nie realisiert, dafür gibt es einen Teich, in dem Rosemary Bischoff regelmäßig schwimmt. Am Ufer blühen Taglilien, Zierlauch und die Bart-Iris, Frösche liefern sich übers Wasser hinweg einen Sängerkrieg. Am Ende gibt es eine hölzerne Terrasse, die Bischoffs nennen sie „das Deck“.

Die Eltern planten für sich verschiedene Sitzecken. Die haben sie jetzt, in der Morgensonne, für den Nachmittag oder am Abend auf dem geziegelten Plateau im hinteren Teil, dazu den Rosengarten, den Rosemary Bischoff so gerne wollte, 40 Sorten blühen hier, wenigstens demnächst, dieses Jahr ist die Natur spät dran. Nun, nächste Woche, wenn die Bischoffs am 20. Juni ihren Garten wieder für Besucher öffnen, wird es wohl so weit sein.

Bei den Berings in der Heidehof-Siedlung, ebenfalls in Berlin-Zehlendorf, ist dann die erste Welle schon fast vorbei. Von Gelb bis Apricot reicht hier die Palette der Frühjahrsrosen, die nicht einmal der kalte Mai stoppen konnte. Christa Bering teilt die Liebe zu den Rosen mit Frau Bischoff, nur dass sie ihrer Leidenschaft schon ein wenig länger nachgeht, dabei aber bedeutend weniger Fläche zur Verfügung hat. Die 76-Jährige, die sich immer sehr aufrecht hält und selbst im Garten eine Perlenkette anlegt, macht das aber leicht wieder wett: Auf 200 Quadratmetern hat sie rund 100 Sorten gepflanzt und dabei ein Feuerwerk entfacht, das mit seinem betörenden Duft dem Besucher schon mal den Atem raubt.

Christa Berings Garten kann ebenfalls gelegentlich besichtigt werden, allerdings im kleineren Rahmen bei „art:berlin“ und nur nach Voranmeldung, zu begrenzt ist der Platz. Der programmatische Titel lautet „Rosen-Rausch hinterm Reihenhaus“. Nächster Termin ist der 17. Juni. Wer keinen Platz bekommt: Der Garten wird in Georg von Gayls Buch „Die geheimen Gärten von Berlin“ ( Verlag DVA) vorgestellt.

Auch Christa Bering fing mit einem Familiengarten an, und mit Stachelbeeren, die Kinder sollten doch wissen, dass Obst nicht im Laden wächst. Aber irgendwann fiel ihr an der Supermarktkasse ein Samentütchen der Rosensorte „Fritz-Tiedemann“ in die Hände. Inzwischen ist sie Mitglied im Verein der deutschen Rosenfreunde, hat Kletterrosen gepflanzt, Strauchrosen, Hochstämme, Maigold, New Dawn, die schöne Dortmunderin und wie sie alle heißen.

Doch selbst ihr wären ausschließlich Rosen wohl zu einseitig, Azaleen und Clematis, Phlox und Geranium, Frauenmantel und Kamelien fügen sich auf drei bis vier Etagen zu einem Ensemble, in dem eigentlich immer etwas blüht – und das auf märkischem Sandboden. Wie sie das macht? Mit viel Arbeit, logisch, und mit ihrem eigenen Kompost, Christa Bering schwört auf guten Kompost.

Das Besondere an ihrem Werk ist aber, dass es ihr auf so begrenztem Raum gelungen ist, verschwiegene Ecken zu schaffen. Der Reiz eines Gartens, sagt Christa Hasselhorst, die für art:berlin führt, liege darin, dass man ihn nicht auf Anhieb erfassen kann.

Gelungen ist das, wenn Besucher die Frage stellen: Gehört das noch dazu?

Programmheft „Offene Gärten“ im Kulturkaufhaus Dussmann oder im Gartencenter Rothe, Clayallee 282, oder

www.offene-gaerten-berlin-umland.de

Programm art:berlin: Oranienburger Straße 32, Tel.: 28096390 oder www.artberlin-online.de

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