Zu Hause : Krieg und Frieden

Ein Film zeigt gerade Tolstois spätes Leben. Das Haus des Dichters sieht noch immer aus wie vor 100 Jahren – einschließlich Sessel, Schreibtisch und Strickjacke. Ein Rundgang mit seinem Ur-Urenkel

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Leo Tolstois Haus liegt 200 km südlich von Moskau.-Foto: Björn Rosen

Leo Tolstoi führte zwei Leben. Im ersten, das andauert, bis er um die 50 ist, verfasst er die großen Romane, die ihn zum literarischen Star machen: erst „Krieg und Frieden“, dann „Anna Karenina“. Damals ist er reich, glücklich verheiratet, „sorglos und frei“, wie Stefan Zweig später schreiben wird. Doch um 1880 kommt die Wende. Die Werke, die nun entstehen, sind sehr ideologisch und bleiben künstlerisch hinter ihren Vorgängern zurück. Aber dafür wird Tolstois Leben selbst zu einer Art Roman – und er zu dessen schillernder, zerrissener Hauptfigur: leidenschaftlich und asketisch, großherzig und engstirnig, kämpferisch und feige. Einer, der seine Frau auch nach 40 Jahren Ehe noch aufrichtig liebt und doch immer stärker mit ihr aneinandergerät.

Krieg und Frieden im Hause Tolstoi – gerade kann man diese wahre Geschichte im Kino verfolgen, in „Ein russischer Sommer“ mit Christopher Plummer in der Rolle des russischen Schriftstellers und Helen Mirren als seiner Frau Sofia Andrejewna. Der Film kommt pünktlich zu Tolstois 100. Todestag, der in diesem November begangen wird.

Die Bühne, auf der sich das persönliche Drama des Dichters abspielte, war das weitläufige Anwesen seiner Familie in Jasnaja Poljana (zu Deutsch: helle Lichtung). Es liegt 200 Kilometer südlich von Moskau, mit dem Zug braucht man drei Stunden. Lange liebte der Schriftsteller diesen Flecken Erde, auf dem er auch geboren wurde, später aber hasste er es dort. Heute ist das Gelände ein Museum. Jedes Jahr kommen 300 000 Besucher.

Schneebedeckt und im Sonnenschein – so liegt Tolstois Gut an diesem Januarsonntag da. Ein paar Kinder rodeln einen Abhang hinunter, eine Familie spaziert über den großen zugefrorenen Teich. Vom Eingangstor führt eine Birkenallee zum zweigeschossigen Haupthaus, wo alles so wirkt, als wäre Tolstoi gerade noch hier gewesen. Im Schlafzimmer des Dichters hängt dessen graue Strickjacke über dem Stuhl, in der Bibliothek stehen seine Bücher in den Schränken und im Esszimmer thront ein Samowar auf dem großen Tisch, um den sich die Familie vier Mal am Tag versammelte: zum Kaffee um neun Uhr, zum Mittag um 13 Uhr, zum Abendessen um 18 Uhr und zum Tee um 21 Uhr. Hier wurde geklatscht, über Musik diskutiert – und später heftig gestritten.

Die Einrichtung ist fast die gleiche wie 1910, als Tolstoi das Haus für immer verließ, kurz vor seinem Tod. „Auf diesen hohen Grad an Authentizität bin ich sehr stolz“, sagt Vladimir Tolstoi, der Ur-Urenkel von Leo. Der 47-Jährige ist seit 1994 Direktor des Anwesens. Mit dicken Winterstiefeln und einer Pelzmütze bekleidet, steht er im Arbeitszimmer seines berühmten Vorfahren, das sich im ersten Stock des Hauses befindet. Auf dem schweren Schreibtisch aus Holz liegen Bücher, Briefe und Fotos – hier schrieb Tolstoi einst seine Erzählungen und Romane. Sein Ur-Urenkel deutet auf die zerschlissene schwarze Ledercouch an der Wand. „Das ist das berühmte Sofa“, sagt er amüsiert. „Auf dem wurde Tolstoi geboren, außerdem elf seiner 13 Kinder und ein Enkel.“ Vladimirs Lieblingsstück ist ein Sessel mit zwei unterschiedlich hohen Armlehnen. Wann immer der alte Tolstoi müde wurde, legte er seine Arme auf die höhere der beiden.

Wenn man „Ein russischer Sommer“ gesehen hat, der in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg gedreht wurde, fällt sofort auf, dass die Räume in Tolstois Haus in Wirklichkeit viel kleiner sind als im Film. „Das ganze Haus spiegelt die positiven Seiten von Tolstois Charakter wider. Es gibt viele kleine Gegenstände, die ihn an Freunde erinnerten, aber keine wirklich teuren Dinge“, sagt Vladimir Tolstoi. „Alles ist relativ bescheiden."

Der Schriftsteller sah das einst anders. „Ich hasse mich selbst“, schrieb er 1896 in sein Tagebuch und wetterte gegen das „sinnlose“ Leben, das er in Jasnaja Poljana führe. Tolstoi hatte das Anwesen (nebst 300 Leibeigenen) als 18-Jähriger geerbt, es umfasste damals fünf Dörfer. Einen guten Teil davon – auch das eigentliche und weniger bescheidene Haupthaus, das heute nicht mehr existiert – hatte er schon ein paar Jahre später verkaufen müssen, weil er Geld brauchte. In seiner Jugend liebte Tolstoi die Jagd und das Glücksspiel, und er war „ein unermüdlicher Hurer“, wie er später gestand. Mit den Jahren jedoch wuchs sein schlechtes Gewissen, der Anblick der armen Bauern setzte ihm zu. Als er auch noch mit dem Elend in Moskaus Arbeiterquartieren konfrontiert wurde, wandelte sich der längst ergraute Schriftsteller zum christlichen Prediger, der das Zarenreich, ja die ganze Welt radikal verändern wollte. Privateigentum galt ihm nun als die Wurzel allen Übels, er propagierte sexuelle Enthaltsamkeit, kleidete sich wie ein Bauer und schmiedete Pläne, sein Anwesen an die Armen zu verschenken – zum Missfallen seiner Frau, die immer hysterischer auf die Ideen ihres Mannes reagierte.

Doch fehlte Tolstoi der Mut, seine Philosophie in letzter Konsequenz zu leben. Wohl auch, weil er sich seiner Familie verpflichtet fühlte. Und so wohnte er weiter komfortabel auf dem Gut, gab die Geschäfte an Sofia ab, während er drohte, das Haus bald zu verlassen und auf einsame Wanderschaft zu gehen. Erst am Ende seines Lebens tat er es wirklich, kam jedoch nur bis ins nahe Astapowo, wo er, schwer krank, mit 82 Jahren im Bahnhof starb. Nach seiner Flucht stürzte sich seine Frau in einen Teich neben dem Haus, wurde aber gerettet.

Leo Tolstois schlichtes Grab befindet sich auf dem Familienanwesen, ein wenig versteckt am Ende eines Wegs, umgeben von Bäumen. „Keep silence“, ermahnt ein Schild.

Vladimir Tolstoi kann mit den politischen Lehren seines Ur-Urgroßvaters wenig anfangen, aber er fühlt sich dessen Erbe dennoch sehr nahe – so wie fast alle Nachkommen. Die Leute in Jasnaja Poljana nennen ihn „der Graf“, manche haben sich schon vor ihm verneigt wie einst die Leibeigenen vor Leo Tolstoi. „Ich war in der ersten Klasse, als ich begriff, was für einen Namen ich trage. Die Lehrer haben sich sehr für mich interessiert“, erzählt er in seinem mit Akten und Büchern vollgestopften Büro, das sich in einem Gebäude neben dem Tolstoi-Haus befindet und an dessen Wänden Teppiche mit dem Familienwappen hängen.

Tolstoi ist ausgebildeter Journalist und nicht der erste Vertreter seiner Familie, der das Museum leitet. Nach der Oktoberrevolution wurde das Gut verstaatlicht und bald darauf ein Museum eingerichtet; zwei von Leo Tolstois Töchtern führten es bis Ende der 20er Jahre. Die revolutionären Ideen des Dichters waren den Kommunisten sympathisch, auch wenn Tolstoi sicher kein Freund der Sowjetunion gewesen wäre. „Die meisten seiner Kinder flohen sofort nach der Revolution, sie fürchteten, verfolgt zu werden, weil sie Aristokraten waren“, sagt Vladimir Tolstoi, und dann klingelt, wie so oft während des Gesprächs, sein Mobiltelefon. Der Mann hat viel zu tun, sein erklärtes Ziel ist es, Jasnaja Poljana als einen lebendigen Ort zu erhalten, deshalb wird hier immer noch Landwirtschaft betrieben und deshalb darf man auf dem Gelände auch Schlitten fahren.

Im Sommer wird es außerdem eine große Familienfeier geben, die Vladimir organisiert. Das Treffen ist schon seit 1991 Tradition. „Dieses Jahr erwarten wir über 100 Nachfahren, aus Russland, Italien, Frankreich, Schweden, den USA, Brasilien.“ Vielleicht wird auch der Regisseur von „Ein russischer Sommer“ dabei sein, der Amerikaner Michael Hoffman. Vladimir Tolstoi hat das Drehbuch mit ihm mehrere Male besprochen. Der Film gefällt ihm, vor allem, weil die tragische Geschichte seiner Ur-Urgroßeltern mit Sinn für Ironie erzählt wird.

Glaubt man Vladimir Tolstoi, dann verbindet die Tolstois in aller Welt erstaunlich viel. „Es sind lebendige, engagierte Leute, und sie neigen auffällig oft zur Kunst und zum Schreiben“, sagt er. Vladimir selbst ist leidenschaftlicher Fotograf. So wie seine Ur-Urgroßmutter Sofia.

Am 26. Februar ist Vladimir Tolstoi zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin.

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