Zu Hause : Land in Sicht

In der Stadt leben? Lieber auf dem Land? Manche wollen beides. Unser Autor wohnt in Berlin und teilt sich mit 16 anderen einen Hof in der Uckermark. Und das geht gut?

Oliver Geyer

Montags bis freitags existiert der Sehnsuchtsort für uns eher virtuell. Die E-Mails, die wir im Verteiler der Miteigentümer zwecks Projektorganisation fortwährend austauschen, kommen allerdings zuweilen rüber wie leichte Elektroschocks: „Die Bausachverständige sagt, wir müssen im Südflügel der Scheune schnellstens die maroden Balken stabilisieren, sonst könnte es bald krachen!“ Bevor Landfrust aufkommt, stützen diejenigen, die zuletzt draußen waren, wenigstens schon mal die Moral der Truppe: „Wir hatten ein superschönes Wochenende! Die neue Terrasse ist der Traum.“

Und schon ergeht man sich an seinem städtischen Arbeitsplatz in Tagträumereien. Von dem alten Wohnhaus mit Dielenböden und Kachelöfen, dem Garten mit seinen Weiden und knorrigen Obstbäumen, der riesigen Feldsteinscheune, dem kleinen Wäldchen am Hang zum See, einem abendlichen Kopfsprung ins Wasser vom eigenen Steg aus … Bis der Computer einen mit einem „Pling“ zurück ins Hier und Jetzt holt. Noch eine E-Mail.

Auch die in größeren Gruppen unvermeidbaren Spannungen entladen sich gerne auf elektronischem Wege: „Was heißt denn hier, wir bringen immer so viele Besucher mit? Es war auf dem Herbst-Plenum doch Konsens, dass wir eine Open-House-Politik wollen. Was soll jetzt diese Aufregung?“

Was die ganze Aufregung soll? Bei den Petitessen des Kommunelebens mag es schon mal Unklarheiten geben, im Großen und Ganzen ist die Antwort für alle offenkundig: Es geht um das Haus am See. Es geht um die Vision, sich nicht zwischen Land- und Großstadtleben entscheiden zu müssen, sondern einfach in diesen beiden besten Welten zu leben. Das ist gewissermaßen die Präambel der ungeschriebenen Verfassung unserer Landhauskommune. Und niemand hat beim Kauf des Hofes in der Uckermark nahe der polnischen Grenze vor drei Jahren ernsthaft erwartet, dass ein aufregendes Projekt ohne ein gerüttelt Maß an Aufregung zu haben sei.

Die begann ja schon beim Notar, der reichlich irritiert war, dass zwölf Parteien gemeinsam ein Objekt erwerben wollen, zu einem Preis, für den seine Gattin am Samstagvormittag mal eben einen neuen Zweitwagen anschafft. Es war auch gewollt, die Wünsche von 17 großen und kleinen Menschen – Pärchen, Singles, Kleinfamilien – durch das Wundermittel Gemeinschaftsfinanzierung zu erfüllen oder sie zumindest so gut es geht unter ein Dach zu bringen. Später auch mal unter zwei Dächer, weswegen der Scheunenumbau von vornherein mitgeplant wurde. Auch waren sich alle schnell einig, dass einem schlüsselfertigen aber sterilen Plug-and-play-Objekt der Kieselstein vorzuziehen sei, den man zum Diamanten schleift. Mit körperlicher Arbeit, die für uns Kopfarbeiter sicher ein wunderbarer Ausgleich sein würde.

Der Erstkontakt dieser Vision mit der Realität nahm sich dann weniger funkelnd aus. Wochen nach dem Kauf platzte eine Abwasserleitung und der ganze Garten musste aufgebuddelt werden. Es sah aus wie in Verdun 1916. Unerwartet steil war auch die Erregungskurve in der gruppeninternen E-Mail-Kommunikation. Manchmal fehlt im Arbeitsalltag einfach die Zeit für eine kleine Höflichkeitsfloskel und schon mutiert die harmlos gemeinte, aber dringende Bitte um Mithilfe im Kopf der Empfänger zum Rüffel. Der Typ kann mich mal, denkt man. Doch dann prostet einem der Typ am nächsten Freitag im milden Licht des Sonnenuntergangs auf dem Steg zu, und das virtuelle Zerrbild surrt wieder zusammen auf den guten Freund.

Die Euphorie ist zurück. Sind wir nicht eine große Zweitfamilie? Einen internen Slang gibt es jedenfalls schon: Ist das Sonnendeck noch frei, oder soll ich im Pumakäfig schlafen? Das versteht hier jeder sofort, im Gegensatz zu den Fragen von Freunden und Kollegen, die immer wissen wollen, wer das Haus wann benutzen darf, ob denn auch jeder sein eigenes Zimmer habe, und überhaupt, wie das alles so geregelt sei. Das ist ja gerade der Witz, geregelt ist hier nicht viel. Gerne können auch mal alle gleichzeitig anreisen. Jeder genießt es, von Zeit zu Zeit im Kollektiv zu leben. Auch hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass der Chaosfaktor der Gruppe jeden Einzelnen geistig frisch hält. Frühmorgens mit quengelnden Kindern im Schlepptau, aber ohne Unterstützung der Mitzecher vom Vorabend die Trümmer der Festtafel wegzuräumen und zur Belohnung später ewig darauf zu warten, dass das Badezimmer frei wird, weil die lieben Kommune-Kollegen inzwischen auch mal aufgestanden sind – man hat so einiges zu schlucken in einer Groß-WG. Aber es ist ein gutes Anti-Idiotikum gegen die in der kleinen sozialen Zelle drohende Frühvergreisung.

Zwischen Menschen, die diese Art von Teilzeitzusammenleben führen, entsteht eine eigentümliche Beziehung. Man kennt die Schrullen der anderen, ist aber, weil man das mit ihren Stärken abzuwägen weiß, letztlich versöhnlich gestimmt. Solch eine eheähnliche Situation auf Gruppenebene reift nicht in ein paar Monaten heran. Die große Stärke unseres Landhauskollektivs ist seine Vorgeschichte. Über sechs Jahre waren wir in ungefähr derselben Personenkonstellation Mieter einer Wochenenddatsche, nicht ahnend, dass dies nur eine Vorbereitung auf den Ernstfall war. Als der mit unserem spontanen Kauf des kleinen Gutshofes (zwei Käufer unterschrieben, obwohl sie das Anwesen nur von Bildern kannten) plötzlich eintrat, wusste bereits jeder, was vom anderen zu erwarten ist.

Je nach Talent wurde man unversehens zum Schatzmeister, Planer für Umbauarbeiten, Bauherrn und Koordinator von Handwerkern und Hilfskräften. Andere hatten sich schon als Aufräumer, Koch und Hofnarr oder Mediator bewährt. Wir waren schon eingespielt und fanden auch Zeit zum Entspannen. In der Hängematte liegen und lesen, mit den Kindern Fußballspielen bis sie todmüde umfallen und nachts mit einer Flasche Bier in der Hand ins Lagerfeuer starren – was sich zur Meditationstechnik des Hauses entwickelt hat.

Innere Balance kann man am nächsten Tag gut gebrauchen, für die wahren Bewährungsproben, die jenseits der Gruppen- und Grundstücksgrenzen liegen. Etwa diejenige, sich in einem polnischen Baumarkt nach einem Bolzen mit durchgehender axialer Bohrung und Klemmschraube zur Halterung von Rundmaterial zu erkundigen. Oder gewandt die eigene Unbelecktheit in der Kunst des Betonfundamentgießens zu überspielen, gegenüber den hilfsbereiten Nachbarn, die in allem Praktischen deutlich mehr Erfahrung haben.

Früher oder später übernimmt – das ist aus Kompetenz- und Zeitgründen nicht anders möglich – die Blaumanngruppe aus dem Dorf das Kommando bei größeren Umbauarbeiten. Wenn man unter Anleitung einer uckermärkischen Handwerker-Allzweckwaffe selbst Hand anlegen soll, zerstäubt das Ego des Akademikers gänzlich. Man kann es auch gleich in den Betonmischer schaufeln, zusammen mit drei Schippen Sand, einer Schippe Zement und reichlich Wasser. So wie Mike von Gegenüber es einem beigebracht hat. Eine gewisse Milieukluft zu den Nachbarn ist nicht von der Hand zu weisen: Sie Landbewohner, wir Städter. Sie Ostler, wir Westler. Sie Praktiker, wir Theoretiker. „Die Studenten“ werden wir im Dorf genannt. Dass wir alle so um die Ende 30 sind und lange im Beruf stehen, spielt keine Rolle. Aber es gibt einen Wandel durch Annäherung. Wir heuern unsere Dorfkollegen gerne für Arbeiten an, sie lassen uns praktische Intelligenz angedeihen. Wir hauchen ihnen auf unseren Partys ein etwas anderes Lebensgefühl ein, sie stecken uns beim Geplauder, was man auf dem Dorf so wissen muss.

So pendelt sich das Leben zwischen Stadt und Land ein. Es fühlt sich gut an, den jeweils anderen Ort zu haben. Wenn nach ein paar Tagen in der Stadt das Gras auf der anderen Seite mal wieder grüner scheint, fährt man einfach hin – und stellt fest, dass es wirklich grüner ist, aber eben auch, dass es dringend mal wieder gemäht werden müsste.

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