Zu Hause : Mehr schlecht als echt

Dreiste Fälschungen von Alltagsdingen bringen Traumprofite – auf Kosten der Designer. Ein Besuch im Museum für Plagiate.

Elena Senft
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Original und Fälschung: die Gießkanne Else von Koziol.Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Das Museum Plagiarius ist ein Ort der Genugtuung. Für diejenigen, die eine so gute Idee hatten, dass andere sie einfach nachgemacht haben. Ein heller Raum mit großen Fenstern auf dem alten Bahnhofsgelände in Solingen, Nordrhein-Westfalen. Ein Museum, in dem in Vitrinen immer zwei scheinbar identische Gegenstände nebeneinander liegen. Ein bisschen langweilig, wären da nicht die Geschichten dahinter.

Zum Beispiel die der zwei kleinen, länglichen Metalltaschenlampen und damit die der Brauerei Bitburger, die zu jedem gekauften Kasten Bier zu Werbezwecken eine Taschenlampe der Marke Maglite verschenken wollte. Das Angebot von Maglite war der Brauerei zu teuer, und so wurde einfach eine chinesische Firma beauftragt, Taschenlampen herzustellen, die von den Originalen kaum zu unterscheiden waren.

Solingen ist ein guter Standort für ein Plagiatsmuseum. Denn die hier angesiedelte Industrie für Messer und Scheren ist renommiert, eine beliebte Branche für Fälscher. Vor zwei Jahren ist das Museum von Berlin aus hierher gezogen. Seit der Eröffnung kamen 23 000 Besucher. Natürlich gibt es hier auch die falschen Turnschuhe und die Ed-Hardy-Shirts zu sehen. Der Fokus aber liegt auf Alltagsgegenständen, die im Original meist von kleinen und mittelständischen Unternehmen hergestellt werden. Mehr als 250 Plagiate plus die dazugehörigen Originale sind im Museum ausgestellt. Acht Vitrinen sind allein für Haushaltsgegenstände reserviert: falsche WMF-Salzstreuer, die federleicht sind, Alfi-Isolierkannen, die zwar den Kaffee nicht warm halten und undicht sind, dafür aber auch nur 5,55 Euro kosten und nicht 20 Euro wie das Original. Die bekannte silberne Saftpresse mit dem Seitenhebel, ein Produkt der niederländischen Firma „La Cucina“, daneben das Pendant aus Taiwan.

Produkt- und Markenpiraterie ist in Zeiten der Globalisierung und der anonymen Vertriebswege zu einer riesigen Industrie herangewachsen; die Gewinnspannen sind ähnlich hoch wie im Drogenhandel. Der Zoll schätzt, dass in Deutschland jährlich 25 bis 30 Milliarden Euro durch Fälscher an den Firmen vorbeigehen.

Dabei sind nicht nur die Namen eines Produktes geschützt, sondern auch die Idee dahinter, das Design. Dessen Diebstahl war auch der Auslöser für den „Plagiarius“, das Museum ebenso wie die gleichnamige Aktion, die heute zum Großteil von der Stadt Solingen und Fördermitgliedsbeiträgen finanziert werden.

Rido Busse, Professor aus Ulm und Erfinder des „Dr.-Best-Schwingkopfs“, hatte 1977 auf der Messe in Frankfurt am Stand eines Hongkonger Herstellers eine exakte Kopie seiner für die Firma Soehnle hergestellten Brief- und Diätwaage Nr. 8600 entdeckt. Eine kleine Waage im 70er-Jahre-Stil, erhältlich in braun und orange. Busses Original gab es für 26 DM; das Plagiat aus Hongkong für 24 DM gleich im Sechserpack. Die Ähnlichkeit war allerdings rein äußerlich. Wie so oft war die Kopie ein minderwertiges Produkt: Statt aus hochwertigem ABS-Kunststoff war es aus Polypropylen. Soehnle erwirkte eine einstweilige Verfügung, der Plagiator musste die Waage von seinem Messestand entfernen und verpflichtete sich, den Vertrieb zu unterlassen. Allerdings waren schon über 100 000 falsche Waagen verkauft worden. Nach zwei Monaten tauchte die Waage bei einem anderen Exporteur wieder auf.

Rido Busse kaufte einen Gartenzwerg. Er lackierte ihn schwarz und versah ihn mit einer goldenen Nase, der Nase nämlich, die sich Fälscher durch Plagiate verdienen. Der Plagiarius-Award war geboren, wurde nur kurze Zeit später auf der Hannover Messe erstmalig verliehen und ging dann auch direkt an die Hongkonger Firma „Lee“. Damals war nur ein einziger Journalist anwesend. Heute wird der Award auf der „Ambiente“ in Frankfurt verliehen, Laudatoren sind Menschen wie Joschka Fischer oder Brigitte Zypries, und in diesem Jahr kamen 70 Journalisten, als ein elektronischer Händetrockner ausgezeichnet wurde. Wenn die Firmen, die Plagiate im Sortiment haben, die Artikel nicht aus dem Sortiment nehmen und sich nicht mit dem wahren Urheber einigen, werden ihre Namen öffentlich genannt. „Name and Shame“ heißt das Prinzip.

Derartige Schmähungen interessieren die Firmen in China natürlich ungefähr so sehr wie uns, wenn ebendort ein Sack Reis umfällt. Aber die Fälschungen, die oft – aber nicht immer – in Asien hergestellt werden, werden in Deutschland durch Händler vertrieben.

Auch Möbel und andere Gegenstände, die sich sehr über ihr Design definieren, werden gern kopiert. Zum Beispiel der berühmte „Tripp Trapp“, der von Peter Opsvik erfundene Kinderstuhl mit dem besonderen Höhenverstellmechanismus. Gleich am Eingang des Museums fällt ein Kreuzschwinger auf, ein silberner, modern-schlichter Stuhl aus Metall, bestehend aus vielen dünnen Querstreben; durch die Konstruktion kann der Stuhl schwingen, wie man es seinem metallenen Gestell nicht zutraut. Kosten: 340 Euro. Daneben die Fälschung für 132 Euro. Äußerlich fast identisch, sitzt es sich darauf steif, hart und unbequem.

In einer Vitrine steht ein Schmuckkoffer der Marke „Windrose“ neben seiner Kopie. Ein Mitarbeiter der Nürnberger Firma blätterte zufällig durch ein Lidl-Werbefaltblatt und sah ein zum Verwechseln ähnliches Modell des Windrose-Schmuckkoffers „Titan“, das hier für ein Siebtel des Originalpreises angeboten wurde. Auf Nachfragen habe der Discounter gar nicht reagiert. In einer anderen Vitrine liegen die typischen schwarzen Moleskine-Notizbücher mit der Gummischlaufe, die im Handel elf Euro kosten. Daneben das fast exakte Abbild, das für 5,60 verkauft wurde.

Schätzungen zufolge liegt der Schaden der Firmen durch Plagiate weltweit bei 250 bis 300 Milliarden Euro im Jahr. Die Europäische Kommission schätzt außerdem, dass in Deutschland bisher durch Marken- und Produktpiraterie bereits 70 000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind: Unternehmen gehen pleite, haben Umsatzverluste, Abteilungen werden verkleinert. Wie viel der Imageverlust kostet, weil ein Käufer nach einem unbewussten Plagiatskauf für immer im Kopf hat, dass Saftpressen mit silbernem Hebel an der Seite nicht funktionieren, kann keiner berechnen.

Christine Lacroix, Geschäftsführerin des Plagiarius Consultancy GmbH sagt, besonders kleine und mittelständische Unternehmen seien Opfer von Imitation. Denn oft trauen sich die Kleinen nicht, gegen die Großen vorzugehen. Die kleinen Unternehmen fürchten, nach Prozessende und eventuellem Scheitern, finanziell ruiniert zu sein. Deshalb werde oft ein Auge zugedrückt, wenn man eine Kopie des eigenen Produkts in einem fremden Katalog wiederfindet. Außerdem bleibt auch immer die leise Hoffnung, vielleicht selber mal ein Produkt über eine der großen Handelsketten vertreiben zu können, wenn man nichts sagt. Die großen Firmen ihrerseits, so Lacroix, denken oft: „Ach, die trauen sich ja eh nicht.“

Der Designer Nils Holger Moormann hat sich getraut. Vor einigen Jahren führte er wegen „unlauterer Nachahmung“ einen Prozess gegen das schwedische Möbelhaus Ikea. Moormann lief nämlich durch eine Ikea-Filiale und sah einen Tischbock, der ihn erschreckend an seinen Tischbock „Taurus“ erinnerte. Nicht nur die Form, sondern vor allem die Konstruktion, die es ermöglicht, dass der Bock auch auf unebenen Flächen stabil stehen kann. Das Ikea-Modell kostete 50 Euro, Moormanns Original fast zehn Mal so viel. Nils Holger Moormann blieb stehen, es folgten „Verblüffung, Bluthochdruck, Angst“. Angst deswegen, weil er wusste, dass er reagieren musste, aber auch, wer der Gegner war. Der Prozess zog sich über mehr als zwei Jahre hin. Am Ende hat Moormann gewonnen. Allerdings, sagt Christine Lacroix, gehe es vielen Kunden auch darum, Geld zu sparen. Geiz gilt als geil.

Moormann bekommt heute oft Anrufe von Designern, die seinen Rat suchen. Und Moormann gibt Rat. „Man muss sich wehren. Nicht nur wegen des wirtschaftlichen, sondern wegen des moralischen Schadens“, sagt er. „Die Hersteller müssen in den Ring steigen.“ Für ihre Idee. Denn das originale Möbelstück ist ja nicht nur deswegen teurer, weil es nicht in Masse produziert wird, sondern weil ein langer Arbeitsprozess dahintersteht, der viel mehr als die reine Herstellung umfasst. Ein langer Weg von Ideen, Prototypen, Verwerfungen und Neuanfang.

Museum Plagiarius, Bahnhofstraße 11, Solingen, www.plagiarius.com

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