Zu Hause : Schall und Raum

Musiker machen sich unter Nachbarn keine Freunde. In Basel wurde nun für Bläser, Sänger oder Pianisten ein spezielles Wohnhaus geschaffen. Endlich kann Tag und Nacht geübt werden

Foto: Friedel Ammann
Hemmungslos kann Nils Kohler mit der Klarinette lärmen.

Der kleine Nils Kohler wollte Klarinette lernen, weil sein Freund Klarinette lernte. Die Klarinette ist die Königin des guten Tons, heißt es. Und sie ist ein Werkzeug zur Geräuscherzeugung. Aber damals waren es allenfalls die Eltern, denen der Klarinettist auf die Nerven gehen konnte, keine Nachbarn: Die Kohlers hatten ein Einfamilienhaus.

Später studierte Nils Kohler Musik, Diplomsolist Klarinette, er zog mit anderen zusammen und dort – als ein Mieter unter vielen – überfiel ihn ein bis dahin unbekanntes, sehr unschönes Gefühl: Er merkte, dass er stört, wenn er übt.

Er zog um, von Bern in der Schweiz nach Köln am Rhein, da wohnte er ein paar Etagen über einer Posaunistin, und dort wurde ihm klar, als die Nachbarin zu üben begann – drei Töne rauf, drei Töne runter, zwei Stunden lang: Man kann es nicht ertragen. Man wird bekloppt. Der Musiker floh zum Üben in die Proberäume der Hochschule. Und schämte sich für seine Intoleranz.

„Kannst du zu Hause üben?“, sagt der 26-Jährige, das sei unter Musikern eine der ersten Fragen, wenn man sich kennenlernt. Kohler ist ein schlanker Mann mit dunklen Haaren, stets zum Lachen bereit. Er hat viele Preise erspielt, war Stipendiat der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen und ist seit Oktober 2010 Student der Baseler Solistenklasse von Professor François Benda, er kennt viele Musiker – und hat viel geübt. Sehr viel.

Es ist das Drama des Metiers. Der Liebhaber abonniert Konzertreihen, summt Melodien, Basiskenntnisse in Klassik gehören zum Bildungskanon, ein Instrument zu lernen, schult den Charakter, es zu können, ist gelebte Wertefestigkeit. Doch dem Musiker beim Üben zuzuhören, quält selbst den Freund der Musik. Tausende Mietrechtsstreitereien zeugen davon. In der Regel darf eine Stunde vormittags, eine nachmittags geübt werden. So wird man natürlich nie ein Profi. Aber all das liegt jetzt hinter Kohler. Seit drei Monaten kann er die Musikerfrage bei der ersten Begegnung jubelnd mit „ja“ beantworten. Ja, er kann zu Hause üben, wenn es sein muss, auch um Mitternacht, obwohl er mit anderen zusammenwohnt. „Es ist fast ein bisschen wie ein Paradies“, sagt er, was nicht besonders originell ist, aber durch sein seliges Lächeln zur tief empfundenen Wahrheit geadelt wird.

Nils Kohler wohnt im Baseler Musikerwohnhaus – einer in dieser Form einzigartigen Schutzzone. Neun Wohnungen für Berufsmusiker, von zwei Zimmern für Paare bis zu sieben Zimmern für Studenten-WGs, gibt es im Musikerwohnhaus. Und zu jeder Wohnung gehört ein bis 65 Dezibel schallgedämpftes Musikzimmer. 65 Dezibel, das ist quirliger Großraumbüropegel und gilt als Dauerlärm bereits als gesundheitsschädlich.

Sie haben, erklärt Architekt Marco Zünd vom Büro Buol & Zünd, in die zum Üben gedachten Zimmer quasi einen zweiten Raum hineingebaut. An den Fenstern kann man es sehen, es sind zwei hintereinander, an den Türen auch: zwei von einander unabhängige Türrahmen hintereinander, zwei Mal Tür auf, Tür zu.

Entstanden ist das Musikerwohnhaus in den umgebauten Gebäuden einer alten Steckdosenfabrik, im weniger schönen Baseler Norden, wo Tankstellen leuchten und pharmazeutische Fabriken qualmen. Es gibt ein Haupthaus, das sich modern in weiß zur Straße präsentiert, und nach hinten raus zwei Nebenhäuser. Viel Weiß, Beton, außen sieht man Stahlträgerkonstruktionen, drinnen Holz. Gebaut wurde von der Stiftung Habitat, was investiert wurde, ist geheim, so hält man es in der Schweiz mit dem Geld. Die Stiftung gehört der Hoffmann-LaRoche-Erbin Beatrice Oerli, einer Frau, die die Musik liebt, vor allem Jazz. Sie engagiert sich im Baseler Jazzclub „Bird’s Eye“, dort hörte sie von den Wohnungsschwierigkeiten der Musiker, ob in ihren eigenen Städten oder in fremden, wenn sie unterwegs sind. Und so gehören zum Haus noch vier Gästeappartements, vier zusätzliche Übungszimmer und ein Tonstudio.

Da Geld, wie Marco Zünd sagt, nicht das Problem gewesen sei, habe man bis zum Schluss auf Qualität achten können: Es gibt maßgefertigte Fensterrahmen aus Holz, Einbauküchen mit Geschirrspülmaschine und Herd mit Dampfgarvorrichtung, dazu eine große Kinderspielhalle mit Betreuung, eine Kantine mit Mittagstisch. Und eine Miete, die sich geringen Honoraren anpasst. Niemand soll mehr als ein Drittel seiner Einkünfte dafür ausgeben, ist die Maxime. Tut er das, übernimmt die Stiftung die Differenz.

Kaum war die Kunde raus, dass ein solches Haus entstehen wird, gingen Anfragen und Bewerbungen ein, besichtigt wurde bereits der Rohbau, im Nu waren die Wohnungen weg. Und Kohler gehört zu den ersten WG-Bewohnern.

Die Architekten des Hauses haben Räume in Räume gebaut, Vorhänge und Doppeltüren dämpfen zusätzlich.
Die Architekten des Hauses haben Räume in Räume gebaut, Vorhänge und Doppeltüren dämpfen zusätzlich.Fotos: Friedel Ammann

Gerade sitzt er im Musikzimmer, das die Studenten „Überaum“ nennen, auf dem Klavierhocker, vor sich einen Notenständer, in der Hand das Bassetthorn, eine dunkel klingende Klarinette, die Mozart schätzte. An der Wand steht ein Klavier, in der Raummitte ein Cembalo. Es gibt ein billiges Regal mit Notenheften. Bodentiefe Fenster. Und rund ums Zimmer schwere Vorhänge, die man auf- und zumachen und verschieben kann, das verändert die Akustik.

Kohler stößt ins Horn, Musik fliegt in die Luft, schnelle Melodien. Laut und furios hier im Zimmer, leise im Flur, also jenseits der doppelten Türen. Unhörbar in den Zimmern der Mitbewohner. Fünf Musiker leben in der Sieben-Zimmer-WG mit drei Badezimmern. Streit ums Übezimmer habe es bisher noch nie gegeben, sagt Kohler. Was an der guten Gruppendynamik liegt, aber auch an positiven Schwingungen. Man will sich hier nicht streiten. Man will sich die Freude an diesem unverhofften Glück erhalten.

In einer zweistöckigen Wohnung im Nebenhaus erinnert sich die Berliner Sängerin Annemay Krüger an die Qualen, als sie direkt nach dem Einzug eine Mängelliste ausfüllen sollte. Schrecklich! Wo sie doch lieber dauernd „danke“ gerufen hätte! Auch sie spricht vom Paradies, vom Luxus, sogar davon, dass sie gar nicht mehr auf Tournee gehen mag. Wo es doch jetzt zu Hause so schön ist.

Im Haupthaus wohnt das Ehepaar Remo Schnyder, 28, und Sayaka Sakurai, 31. Sie waren kurz bevor sie vom Musikerwohnhaus gehört hatten, gerade erst umgezogen – mit Flügel! Und nun schon wieder? Wäre so ein Musizierzimmer das wert? Und noch einen Vorbehalt hatten die jungen Leute: Passt so eine hochwertige Wohnung überhaupt zu ihrem Lebensstil? Würden sie je wieder ohne Geschirrspüler und Dampfgarherd leben wollen? Sie haben dann eingeschlagen, die gerade erst bezogene Wohnung wieder verlassen, was die Mieter dort durchaus freute, denn neben ihrem Flügel tönte auch sein Saxofon durch die dünnen Wände.

Der Überaum von Remo Schnyder und Sayaka Sakurai liegt direkt neben ihrer Wohnung. Weil doch, so dachten die Architekten, viele Musiker unterrichten. Und so müssen die Schüler nicht durch die Wohnung.

Sayaka Sakurai verdient zudem auch Geld damit, dass sie Universitätsabsolventen bei ihren Prüfungskonzerten begleitet. Und als einer der Prüflinge erst sehr spät entschied, was er spielen würde, Heinz Holliger nämlich, Zeitgenössisches!, da konnte Sayaka Sakurai bis tief in die Nacht üben. Was im Musikerwohnhaus nur sie selbst störte.

In der Kantine im zweiten Nebengebäude wird es gegen Mittag voll. Die Fenster beschlagen, denn drinnen dampft das Essen. Nils Kohler sitzt mit einer anderen Klarinette aus der zweiten WG zusammen. Remo Schnyder sitzt allein und liest Zeitung.

„Es ist fast ein bisschen wie ein Paradies“, sagt Klarinettist Nils Kohler.
„Es ist fast ein bisschen wie ein Paradies“, sagt Klarinettist Nils Kohler.Foto: Friedel Ammann

Die Kantine als Ort, an dem man sich treffen kann, aber nicht muss. So war es gedacht. Dass es vielleicht ein Musiker-Ghetto würde, haben die Mieter vorab durchaus befürchtet, aber beschlossen, den Gedanken zu ignorieren. Jetzt freuen sie sich über die gemeinsame Tonlage, die sie hier haben. Und die Bauherren freuen sich, dass ihre Idee funktioniert.

Auch die angrenzenden Häuser hat die Stiftung gekauft und umgebaut. Eine Mieterin von dort hat sich bereits in eines der zusätzlichen Übungszimmer einquartiert. Auf eine kleine Schiefertafel vor der Tür hat sie mit Kreide ihren Namen geschrieben und eine Note gemalt.

Nils Kohler, Remo Schnyder und Sayaka Sakurai und alle anderen auch erinnern sich an die Hemmungen, die sie früher hatten, wenn sie üben sollten, aber doch wussten, es hören die Nachbarn zu. Wie sie dann eben nicht das immer selbe mehrmals wiederholten. Sondern Lieder spielten, ganze Stücke. Üben sei schon etwas sehr Privates, sagt Kohler. Aber ohne Üben wird man nie gut.

Jetzt, da ihn keine Scham mehr hemmt, sieht sich Nils Kohler gleichwohl der nächsten Gefahr ausgesetzt: Wenn denn Übezeit immer verfügbar ist, so wachse auch die Versuchung, das Üben zu verschieben. Denn das Schlimme ist ja neuerdings: Wenn er nie übt, dann hört das auch kein Mensch.

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