Zu Hause : Sesam, öffne Dich!

Familie Pietzsch lebt mit Picasso, Kahlo, Rauch, Pollock und Dalí in einer Villa im Grunewald. Doch ihre Kunst wohnt nun in der Neuen Nationalgalerie. Ein Besuch bei Kaffee und fast leeren Wänden.

Susanne Kippenberger
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Ulla und Heiner Pietzsch auf ihrem Sofa in Berlin Grunewald.Foto: Thilo Rückeis

Max Ernst hat Ausgang. Aus dem Grunewald ist er in die Neue Nationalgalerie gezogen, jetzt haben Leibniz und Kant seinen Platz eingenommen. Mit dem Rücken zum See und den Windspielen des alten Fritz an ihrer Seite stehen sie auf der Empore und gucken ins offene Wohnzimmer runter.

Und zu gucken gibt es viel.

Heiner und Ulla Pietzsch haben ein Haus für die Kunst gebaut. „Wände!“, verlangte das Berliner Sammlerpaar von seinem Architekten, als es ihn in den 80er Jahren anheuerte. Die beiden hatten einen jungen Baumeister ausgesucht, der machte, was die Bauherren wollten, und sich nicht, wie sie sagen, selbst verwirklichen wollte. Sonst, so fürchteten sie, hätten sie eine Skulptur aus Glas gekriegt. Und wohin dann mit den Mirós, den Arps, den Pollocks und Picassos? Also: erstens Wände, zweitens Wände, drittens Wände. Und Licht. So hat die Villa jetzt offene Ebenen und Treppen, vom Wohnzimmer guckt man auf die Galerie hoch und auf jene Empore, die erst später eingebaut wurde: als Bühne für die Fragmente der berühmten „Capricorn“-Skulptur von Max Ernst, die der Künstler für sein Häuschen in Arizona auf dem Capricorn Hill entwarf.

Wer Ulla und Heiner Pietzsch im Grunewald besucht, dem öffnen sich die Türen wie von Zauberhand – alles elektrisch. Am Eingang wacht ein Sheriff in der Ecke; auf die lebensechte Skulptur von Duane Hansen ist noch jeder reingefallen. Für alle Fälle haben die Hausherren ihm ein Telefon zur Seite gegeben: eine Skulptur von Rebecca Horn, auf Knopfdruck hebt sich der Hörer.

Im Moment hat der Sheriff hier vorne nicht viel zu bewachen, etliche Nägel stecken nackt in der Wand. In dem Vorraum hängen sonst die Fotos von den Künstlern, die das Paar sammelt. Auch die Porträts, lauter Vintage-Prints, Originalabzüge, sind jetzt in der Ausstellung „Bilderträume“ in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Die hochkarätige Sammlung vor allem surrealistischer Kunst verschlägt selbst jenen, die sich an Dalí und Magritte schon vor Jahrzehnten sattgesehen haben, den Atem. Zum ersten Mal ist sie nun für die große Öffentlichkeit zugänglich. Eine kleinere Öffentlichkeit kannte sie vorher schon. Die Pietzschens führen ein offenes Haus, laden Kunstvereine und Museumssponsoren aus New York und Madrid zu Führungen ein, die Kunstszene ist oft zu Besuch.

Und doch geraten auch sie noch mal ins Staunen. Denn dort, im puristischen Rahmen des Mies-van-der-Rohe-Baus, an der großen weißen Wand, mit viel Raum zum Atmen, sehen die Bilder und Skulpturen noch mal ganz anders aus als hier, dicht gedrängt im privaten Rahmen.

So weiß die Wände der modernen Villa sind, minimalistisch ist die Möblierung nicht. Polstergarnituren stehen hier, jede in einer anderen Farbe, einem anderen Muster, überall Lampen mit Schirm. Als das Haus fertig war und es an die Einrichtung ging – da, sagt Heiner Pietzsch, wäre das Naheliegende gewesen, zu den Klassikern von Mies van der Rohe oder Marcel Breuer zu greifen. Aber dann wurde ihm plötzlich klar, dass er nicht wie in einem Museum leben wollte. Sondern „wohnlich“. „Natürlich“, sagt der 79-Jährige und klopft einem breiten Sessel auf die Schulter, „natürlich ist das Kitsch. Aber man fühlt sich wohl.“

So entspannt wie er jetzt in seinem weichen Sessel sitzt, hat Heiner Pietzsch nicht immer gelebt. Der Unternehmer, Mitbegründer der Freunde der Neuen Nationalgalerie, hat sein Geld im Kunststoffhandel verdient, vor allem mit Folien für Margarine, Verschlüssen von Nescafé. Gleich ein ganzes Dutzend Firmen hatte er, verteilt über die halbe Welt. Zehn Jahre lang, erzählt seine Frau, machte er keinen Urlaub. „Die Quittung kam später: Herzkasper.“ Aber, betont er im selben Atemzug, „ich wollte es so“, die Arbeit hat ihm Spaß gemacht. Jetzt hat er die meisten Firmen verkauft, aber ins Büro geht er noch immer jeden Tag.

Trotz des musealen Auswärtsspiels: Leer ist die Villa auch jetzt nicht. Gut, dort, wo bei anderen Leuten die Kronleuchter hängen und bei Pietzschens normalerweise Mobiles von Alexander Calder schweben, baumeln zurzeit nur zwei Strippen. Aber Ulla Pietzsch hat die Gunst der Stunde genutzt und das Haus den Frauen übergeben, hat aus dem Lager lauter Arbeiten von Künstlerinnen geholt, von denen sie findet, dass die Museen ihnen immer noch zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Ulla Pietzsch, die trotz ihrer 75 Jahre noch so mädchenhaft wirkt, schenkt ihrem Mann Kaffee ein, gießt Milch dazu, rührt für ihn um. Die beiden sind ein ungleiches Paar. Er kräftig, sie zierlich. Er extrovertiert, sie zurückhaltend. Er redet die meiste Zeit, sie wirft zuweilen etwas ein. Wenn sie erzählt, dass sie am liebsten Künstlerinnen sammelt, gibt er gern einen seiner Lieblingssprüche zum Besten: dass er nur Frauen sammelt, mit denen Max Ernst eine Affäre hatte, „und das waren ja genug“. Aber die Wahrheit ist: Die beiden kaufen nur im Einvernehmen. Allein über „The Family of Montezuma“ haben sie gestritten. Am Ende hat Ulla Pietzsch sich durchgesetzt, zurzeit hängt die Collage an prominenter Stelle im Wohnzimmer. Aber, meint Heiner Pietzsch nun: „Das Bild ist zu unbedeutend, um sich darüber aufzuregen.“

Die beiden sind wie Yin und Yang. Er liest vor allem Bücher über die Kunst und die Künstler, sie Belletristik. Heiner Pietzsch hat sich eine Frida-Kahlo-Krawatte umgehängt, seine Frau eine Kette von Max Ernst. Seit 53 Jahren sind sie verheiratet. Als sie erzählt, wie er sie einmal zum Geburtstag überraschte mit André Massons „Massacre“, in das sie sich so verliebt hatte und das eigentlich zu teuer war, wirkt ihre Freude und Überraschung noch so frisch, so gerührt wie im ersten Augenblick. „Das war unglaublich!“

Am Anfang kauften Heiner und Ulla Pietzsch wie die meisten Leute: Bilder „zum An-die-Wand-hängen, als Dekoration“. Als es ernster wurde mit der Sammelei moderner Kunst, vor 45 Jahren, da sagten ihre Freunde gern: Ihr hättet so eine schöne Wohnung – wenn da nicht diese hässlichen Bilder wären. Auch diese Geschichte erzählt Pietzsch genüsslich und lacht. Die Zeit hat ihnen recht gegeben, der Wert ihrer Sammlung ist um ein Vielfaches gestiegen. Sicher, die beiden Kunstfremden wurden von ihren Galeristen gut beraten, von Dieter Brusberg und dem legendären Rudolf Springer, bei dem sie das allererste Bild ihrer Sammlung kauften, von Gerhard Altenbourg, den damals im Westen nur wenige kannten. Aber die beiden kamen ja nicht aus dem Westen, sie stammt aus Ost-Berlin, er aus Dresden, in den 50er Jahren sind sie nach West-Berlin gezogen.

Ulla Pietzsch, die „mehr aus dem Bauch kauft“, scheut sich nicht, ganz persönliche Gründe zu nennen, warum sie sich für ein Werk entschied: Weil das Haus auf dem Gemälde von Rosa Loy sie an ihr Elternhaus in Mahlsdorf erinnerte oder die Callas, die Diego Riveras Bäuerin auf dem Rücken schleppt, ihre Lieblingsblumen sind. Auch heute stehen sie auf dem Esstisch.

Aber selbst wenn es, wie bei „Massacre“, um Krieg und Gewalt geht: „Mit den Bildern nicht zu leben ist schwieriger, als mit ihnen zu leben.“ Die Kunstwerke sind wie Kinder für die Sammler. Nicht von allen konnte Ulla Pietzsch sich für die langen fünf Monate trennen, die die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie dauert. Von ihren Lieblingen, wie Frida Kahlos Selbstporträt, hat sie große Fotografien der gerahmten Werke aufgehängt, die verblüffend echt aussehen.

Wenn die Sammlung Ende November aus der Neuen Nationalgalerie nach Hause zurückkehrt, wird alles neu gehängt. Das macht Heiner Pietzsch oft. Denn der Blick auf die Werke ändert sich. „Manchmal ist man anfangs überwältigt von einem Bild – und dann wird es immer schwächer. Und dann gibt es solche, zu denen man erst gar keinen richtigen Zugang hat, und dann wird der Eindruck doch stärker und stärker.“

Aber jetzt, wenn für so viele Arbeiten auf einmal ein Platz gefunden werden muss, werden sie schon ein paar Wochen darüber brüten, die Werke probeweise an die Wand stellen, hin- und herrücken. Nur Neo Rauch darf an seinen angestammten Fleck zurück. Der Leipziger Künstler hat das Gemälde – vier Meter mal 2,40 – schließlich für diese eine Wand gemalt.

Wenn die verlorenen Kinder dann alle untergebracht sind, wird es ein Hauskonzert zu ihren Ehren geben. Das Motto des Festes: „Heimkehr der Bilder“.

„Bilderträume“ ist bis zum 22. November in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Auf www.bildertraeumeinberlin.org erzählen die Pietzschens von ihrer Sammlung.

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