Zu Hause : Vergissmeinnicht

160 Berliner Gärten stehen unter Denkmalschutz – darf man da überhaupt Unkraut jäten? Eine kleine Inspektionsreise zum Frühlingsanfang.

Eva Kalwa
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Heiligensee. Johannes Bauersachs im Garten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Draußen, auf der anderen Seite der Straße, ist das Gebrüll eines Hochdruckreinigers zu hören. Es wird Frühling an der Wildbahn in Heiligensee. Doch hinter den hohen Hecken des Künstlergartens von Hannah Höch scheint ein Zauber zu wirken: Vielleicht dämpfen die 80 Jahre alten Kirsch- und Apfelbäume einen Teil des Lärms. Und der Schmetterlingsbaum, die Flachsstauden, Oleanderbüsche und alte Rosensträucher schirmen das kleine Paradies von Störungen ab. Auch wenn Anfang April in dem denkmalgeschützten Garten noch nicht viele Blumen blühen – die Tulpen und Mohnblumen zeigen gerade erst ihre Blätter –, liegt ein zarter Duft in der Luft. Er steigt von Aberhunderten von Blausternen auf, die die kleinen Rasenflächen rund um das Künstlerhaus mit seinen hölzernen Außenwänden und den hellblauen Fensterläden bedecken.

Es ist eine Behausung, die Wärme ausstrahlt. Der Maler Johannes Bauersachs hat das große Glück, hier zu leben: Zusammen mit Frau und Tochter wohnte er in dem 1913 erbauten Flugplatzwärterhäuschen zunächst fast 20 Jahre zur Miete, bis er es 2005 dem Bezirk Reinickendorf abkaufen konnte. Sorgfältig pflegt er das Andenken der Dada-Künstlerin Höch, die von 1939 bis zu ihrem Tod 1978 in dem Haus mit Wintergarten und Atelier wohnte und hier eine einzigartige Natur-Collage schuf. Ihr Bedürfnis nach Schutz vor der Außenwelt war eine Frage des Überlebens: Ihre Kunst galt in der NS-Zeit als „entartet“. Eine Zeit lang lebte sie vom Blumen- und Obstverkauf und vergrub sogar einen Teil der Dada-Werke unter der Rosenpergola. Als „tobsüchtig“ und „verlogen“ bezeichnete die Künstlerin die feindliche Welt: Der Garten war ihr Schlupfwinkel. Die hohen, blühenden Säulenkakteen, die sie so liebte, nannte sie ihre „Wächter“. – „Sie war nur 1,53 Meter groß. Aus ihrer Perspektive war sie komplett verborgen in ihrem Garten“, erzählt Bauersachs, der wie die Vorbesitzerin viel Zeit im Grünen verbringt.

Wie die anderen Eigentümer der rund 160 vom Landesdenkmalamt erfassten Gärten, die sich wie ein grüner Gürtel um Berlin legen, ist Bauersachs bemüht, notwendige Veränderungen im Sinne des früheren Besitzers oder Architekten vorzunehmen. Dabei ist jede Entscheidung ein Einzelfall, die mit dem Landesdenkmalamt Berlin, auch wegen möglicher Fördermittel, abgestimmt werden muss. Bauersachs möchte jetzt beantragen, dass in das alte Atelier Oberlichter eingebaut werden können, um bei seiner künstlerischen Arbeit konstantere Lichtverhältnisse zu schaffen. Auch charakterliche Übereinstimmung sind bei der Pflege des Erbes mitunter hilfreich: „Ich sammle genauso gern und viel wie die Höch, auch Pflanzen“, sagt Bauersachs und lacht. Zu seinen Füßen recken sich winzige, winterbraune Pflanzen der Aprilsonne entgegen.

„Der Frühling ist die arbeitsreichste Zeit im Garten“, sagt Gabriella von Scheven. Die ehemalige Diözesanleiterin der Malteser Berlin lebt seit 1996 in einem herrschaftlichen Zehlendorfer Landhaus, dessen rund 3000 Quadratmeter großen denkmalgeschützten Garten die 63-Jährige fast allein pflegt. Das Haus und die Gartenanlage hat der Architekt Hermann Muthesius für den Historiker und Ökonomen Jürgen Kuczynski entworfen, dessen ehemalige Bibliothek heute eine der größten Privatbibliotheken Deutschlands ist. Viele Bücher brauchen viel Platz, und daher ließ der Hausherr im hinteren Teil des Gartens ein kleines Haus als Bibliothek errichten, das von Scheven an ein junges Paar vermietet hat.

Dieser Teil des Gartens ist großzügig angelegt, von alten Kiefern umrandet, grenzt die große Rasenfläche direkt an den Schlachtensee. Hier tobten früher von Schevens fünf Kinder und heute ihr Labrador Luise, wenn sie die Rosen schneidet oder im Nutzgarten Gemüse für die Küche erntet – so wie es bereits die Frauen der Familie Kuczynski getan haben. „In einem denkmalgeschützten Haus und Garten zu leben, macht viel Freude, es bedeutet aber auch Verantwortung“, so von Scheven. Als sie das Haus der evangelischen Kirche abkaufte, die es 1956 erworben hatte, war der Garten in einem schlimmen Zustand. Nichts Ungewöhnliches, setzte doch das Bewusstsein für die Erhaltenswürdigkeit historischer Gärten nur langsam ein, erst 1978 wurde die Berliner Gartendenkmalpflege eingerichtet.

„Mitte der Neunziger war dieser Garten noch mit Giersch überwuchert“, erzählt von Scheven. „Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir alles rekonstruiert hatten.“ Der Aufwand hat sich gelohnt, denn gerade im vorderen Bereich der Anlage wird deutlich, wofür Muthesius’ Architektur steht: für ein Miteinander von Haus und Garten, bei dem die Wege und die Linien der Rosenbeete mit den Bögen des ovalen Salons korrespondieren und der blühende und duftende Garten zum erweiterten Wohnraum wird. Hier wachsen neben Hochstammrosen auch die weiß blühenden Strauch-Kastanien, Muthesius’ Lieblingspflanzen. Mittlerweile gibt von Scheven ihr Wissen weiter. Sie hat in Berlin einen Verein gegründet, dem rund 40 Besitzer denkmalgeschützter Privatgärten angehören, und geht jetzt für ein Jahr in die USA, um dort Eigentümer historischer Gärten zu beraten.

Auch das Ehepaar Gertraud und Arnulf Günther pflegt eine besondere Beziehung zu ihrem Garten, den der Königliche Baurat Ludwig Witthöft für den Regierungsrat Schrader in Bohnsdorf im Bezirk Treptow-Köpenick mitsamt eines malerischen Landhauses 1906 gestaltet hat. Behutsam und mithilfe alter Fotos und Entwurfszeichnungen haben die Rentner zwischen 1998 und 2000 den ursprünglichen Charakter der Anlage rekonstruiert und sie teilweise neu bepflanzt.

So vermittelt das Ensemble mit dem durch einen knienden Putto geschmückten Zierbrunnen, dem quadratischen, klinkerverblendeten Teehaus, der Pergola und dem geometrischen Wegesystem heute einen Einblick in großbürgerliche Berliner Wohnkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einen Teil der Restaurierungskosten haben Günthers wie viele andere Eigentümer eines denkmalgeschützten Gartens durch EU- Fördergelder und steuerliche Abzugsmöglichkeiten finanziert.

Das Wichtigste bei dieser Art der Gartenpflege, so Gertraud Günther, sei aber nicht allein das Geld, sondern vor allem Geduld: „Man muss die Pflanzen erst kennenlernen, ein Jahr nur beobachten, was wo wächst.“ Vom Garten selbst – auf diese Weise lerne man am meisten.

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