Zu Hause : Wo das Böse wohnt

Wie verkauft man einen nordischen Krimi? Ganz einfach: Auf das Cover muss ein Holzhaus – am besten ein rotes! Vier Buch-Experten über ein Phänomen

Thomas Krause



DER DESIGNER

Die Holzhäuser auf Skandinavien-Krimis sind visuell gesehen ein „mit der Wurst nach der Speckseite“-Werfen. Da werden einfach zwei Klischees kombiniert: die Krimis und die Häuser. Schließlich kennt jeder in Deutschland die skandinavischen Holzhütten. Die auf den Buchumschlag zu bringen, ist ein visueller Code – so, wie auf historischen Romanen häufig üppige Frauen in üppiger Renaissance-Kleidung zu sehen sind. Die Buchdeckel sind oft unabhängig vom Ton des Textes. Mit den Holzhäusern wird halt das Etikett „Skandinavien“ statt des Etiketts „Krimi“ bedient. Eine Art Ikea-Siegel.

Das Cover sollte eigentlich immer mit dem Inhalt des Buches zu tun haben. Doch die Geschichten sind vielschichtig, und entsprechende Bilder lassen sich nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln. Denn meist lässt sich ein Buch nicht auf ein einzelnes Bild reduzieren. Außerdem ist das Buch ein konservatives Medium: von der Gestaltung her immer ein Stück hinter dem Design von Magazinen oder CD-Hüllen zurück.

Hinzu kommt eine menschliche Komponente. Vieles hängt vom Auftraggeber und dessen Befindlichkeiten ab. Es kann sein, dass ein Verlag sagt: „Wir wollen etwas ganz Neues für das Cover!“ Dann arbeitet die Verlagsabteilung oder eine Agentur Designvorschläge aus, und wenn die Entwürfe vorliegen, heißt es vom Verlag: „Also ganz so neu sollte es dann doch nicht sein. Können wir nicht doch wieder ein Stück zurück zum Alten?“ Wie gut der Sprung zu einem neuen Buchdesign gelingt, hängt auch immer davon ab, wie weit er geht.

Rainer Groothuis von der Grafikdesign-Agentur „Groothuis, Lohfert, Consorten“

DER AUTOR

Die Deutschen lieben skandinavische Krimis. Der isländische Autor Arnaldur Indridason hat weltweit fünf Millionen Bücher verkauft – davon drei Millionen allein hier. Dabei geschehen auf Island viel weniger Morde als in der isländischen Literatur.

Eigentlich sind diese roten Holzhäuschen gar für ganz Skandinavien typisch. Auf Island gab es lange Zeit gar kein Holz, dort wurden die Häuser traditionell aus Torf gebaut. Inzwischen gibt es auch dort Holzhäuser, aber die sind meist mit Wellblech verkleidet. Vor kurzem habe ich sogar in Deutschland so eine rote Hütte gesehen, die hieß dann „Bautyp Schwedenhaus“. Ich glaube, das hängt mit der Schweden-Romantik der Deutschen zusammen. Sie verbinden Schweden und die Holzhäuser immer noch mit Bullerbü und Michel aus Lönneberga und all den anderen Büchern von Astrid Lindgren. Das ist eine stark deutsche Wahrnehmung von Skandinavien. Umgekehrt funktioniert das allerdings genauso mit der selektiven Wahrnehmung: Viele Touristen verbinden Deutschland mit Fachwerkhäusern und Sauerkraut.

Krimis bedienen diese Romantik ja eigentlich gerade nicht, legen eher den Finger auf soziale Probleme. Trotzdem finden sich Fotos von den Häuschen auf den Buchdeckeln. Vielleicht spielen die Bilder mit dem Kontrast zwischen Romantik und Gewalt. Vielleicht soll damit auch das idealisierte Skandinavien-Bild der Deutschen demontiert werden: eine gewisse Lust an der Denkmalschändung also. Wahrscheinlich ist es aber eher eine Vermarktungsstrategie der Verlage.

Kristof Magnusson, deutsch-isländischer Autor („Männerhort“, „Zuhause“)

DER BUCHHÄNDLER

An den Buchdeckeln für Krimis sitzen Marketingstrategen monatelang – auch, wenn die Umschläge nicht immer danach aussehen. Cover und Titel werden immer wichtiger. Die Hälfte des Umsatzes im Buchhandel machen nämlich nicht die kleinen Läden, sondern die großen Filialisten. Deren Buchläden sind meist gar nicht auf Beratung ausgelegt. Die Kunden gehen rein, schauen auf die Titel und entscheiden dann, was sie kaufen. Deswegen sind Umschlagbild, Titel und Schriftbild so entscheidend geworden. Sie machen 70 Prozent des Kaufanreizes aus. Kaum jemand liest auch nur den Klappentext.

Seit dem Boom der skandinavischen Krimis sind halt Holzhäuser auf den Buchumschlägen zu sehen. Oder Eis. Oder Fenster mit Fensterläden. Manchmal hat man den Eindruck, ein Holzhaus oder einen Bootssteg im Nebel nehmen die Verlage, wenn sie nichts Besseres haben. Bei einem roten Holzhaus oder einem weißen Fensterrahmen wissen Deutsche nun mal sofort: Der Krimi spielt in Skandinavien. Das funktioniert viel direkter, als würde man etwa ein Mordopfer zeigen. Und es ist noch immer leichter, den ersten Roman eines unbekannten Schweden zu verkaufen als den eines unbekannten Deutschen. Dabei enthält diese Schwedenkrimi-Welle längst auch Mittelmaß. Modetrends gibt es immer: Ein Viertel der Neuerscheinungen, die ich zuletzt ausgepackt habe, hatte ein dunkles Motiv und blutrote Schrift auf dem Umschlag.

Christian Koch von der Krimi-Buchhandlung „Hammett“ in Berlin-Kreuzberg

DIE VERLEGERIN

Grundsätzlich sollte ein Cover-Motiv Lust zum Lesen machen, Neugier hervorrufen. Cover, die Emotionen wecken und ein Geheimnis ausstrahlen: Das sind die besten! Zu Beginn des Schwedenkrimi-Booms waren die Umschläge mit Holzhäusern noch spannend und neu. Da funktionierten die roten Häuschen in vielen Fällen gut als Signal: „Das Buch spielt in Schweden!“ Besonders für die Deutschen ist das ja eine Sehnsuchtslandschaft. Wer als Kind Astrid-Lindgren-Bücher wie „Ferien auf Saltkrokan“ gelesen hat, für den war das prägend.

Allerdings haben wir uns bei btb nie allein auf die roten Holzhäuschen als Signal verlassen. Entscheidend war uns immer eine Autorenausstattung, diese Tendenz hat sich eher noch verstärkt: Bei Hakan Nesser und seinen „Inspektor Barbarotti“-Büchern haben wir eine ganz andere grafische Gestaltung gewählt, um den Reihencharakter hervorzuheben. Auch bei Helene Turstens neuem Irene-Huss-Krimi „Das Brandhaus“ kommen wir ganz ohne rotes Häuschen aus.

Regina Kammerer, Verlegerin von btb

Aufgezeichnet von Thomas Krause.

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