Zeitung Heute : Zu jung für die Karpaten?

Der Tagesspiegel

Von Martin Gehlen

In sechs Wochen feiert Johannes Paul II. Geburtstag. 82 Jahre wird das katholische Oberhaupt. Die zurückliegenden Ostertage hat der alte Mann mit letzter Kraft absolviert, gekrümmt vor Schmerzen, seine Worte teilweise kaum mehr verständlich, das Letzte aus seinem gebrechlichen Körper herausholend. Wie wird es weitergehen? Werden sich die Katholiken an solche Fernsehbilder gewöhnen müssen? Stehen der Kirche Jahre bevor mit einem Papst, der nicht mehr kann, dem die Dinge entgleiten und dessen Kräfte langsam gegen null gehen? Sollte Johannes Paul II. die Konsequenzen ziehen und nach 24 Amtsjahren zurücktreten?

Das Zweite Vatikanische Konzil und die Vernunft wären auf seiner Seite. Für alle anderen Nachfolger der Apostel, die Bischöfe, hat die Kirchenversammlung bereits 1965 Kriterien festgelegt, wann der Zeitpunkt für den Rückzug gekommen ist – wenn „sie wegen zunehmenden Alters oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund nicht mehr recht in der Lage sind, ihr Amt zu versehen“.

In der Praxis bedeutet das, alle Bischöfe müssen dem Papst am 75. Geburtstag ihren Rücktritt anbieten. Nach der Meinung des Konzils ist die Dauer des Hirtenberufs keineswegs nur eine Frage der privaten Pflichtauffassung, subjektiven Selbsteinschätzung oder persönlichen Leidensfähigkeit. Es gibt auch eine objektive Verantwortung gegenüber den Gläubigen, die auf Präsenz und Arbeit der Oberhirten setzen.

Was für ein Bistum mit einigen hunderttausend Christen gilt, gilt erst recht für die Weltkirche mit ihren nahezu eine Milliarde Mitgliedern. Johannes Paul II. ist nach menschlichem Ermessen „nicht mehr recht in der Lage", sein Amt auszuüben. Besucher berichten, dass seine Konzentrationskraft im Gespräch bereits nach wenigen Minuten erlischt. Seine Gesundheit erlaubt es ihm kaum noch, einen Gottesdienst zu Ende zu zelebrieren. Und die starken Medikamente gegen Parkinson zehren an Körper und Geist. Die täglichen Amtsgeschäfte erledigt längst der vatikanische Apparat. Zwar informieren die Behördenchefs den Papst noch über zentrale Entscheidungen. Ob dieser aber in der Lage ist, sich im Falle von Meinungsdifferenzen zu artikulieren und diese zur Not gegenüber seinen Kuriengewaltigen durchsetzen, ist mehr als zweifelhaft.

Und dennoch lehnt Johannes Paul II. einen Rücktritt ab. Vor einigen Jahren, bei einer schweren gesundheitlichen Krise nahe seinem 75. Geburtstag, hat er diesen Schritt einmal ernsthaft erwogen. Er wollte abdanken und sich in ein polnisches Kloster in den Karpaten in der Nähe seines Geburtsortes zurückziehen. Davon will er heute nichts mehr wissen. Jesus sei auch nicht vom Kreuz herabgestiegen, heißt seine Begründung für ein Weitermachen bis zum Tod.

Ausschlaggebend für diese Entschlossenheit ist inzwischen wohl die Furcht, es könnte der Eindruck eines doppelten Papsttums entstehen – der alte in Pension und der neue mit den Widrigkeiten des Amtes kämpfend. Denn Johannes Paul II. wird nicht nur ein eindrucksvolles, sondern auch ein schwieriges Erbe hinterlassen. Jedem Nachfolger, der nach einer solch langen, historischen Amtszeit den Stuhl Petri besteigt, stehen schwere Turbulenzen bevor. Er müsste versuchen, den an vielen Stellen angestauten Reformdruck zu mindern. Er müsste das Verhältnis zwischen der römischen Zentrale und den Ortskirchen anders austarieren. Leicht könnten sich von dem neuen Kurs enttäuschte Katholiken auf den alten Papst als Bezugsperson versteifen und so eine gespaltene Loyalität entstehen lassen. Für die Bischöfe hat die Kirche – ausgehend von dem Konzil – auch hierfür Vorkehrungen getroffen. So ist jeder Alt-Bischof gehalten, das Tun seines Nachfolgers nicht öffentlich zu kommentieren. Gibt es Krach, kann Rom ihn sogar zum Wegzug aus der Diözese zwingen. Insofern hat Johannes Paul II. bei seinen früheren Überlegungen schon Recht. Abdanken kann er nur, wenn er sich danach konsequent unsichtbar macht. Zum Beispiel hinter Klostermauern in den Karpaten.

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