Zeitung Heute : Zu Land, zu Wasser, in der Luft

Rund 2000 Männer und Frauen beginnen jährlich eine Offiziersausbildung bei der Bundeswehr. Die meisten von ihnen sind Abiturienten. Sie verpflichten sich für zwölf Jahre als Zeitsoldat und werden sechs Jahre lang ausgebildet

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Von JanOliver Schütz Oberleutnant Simon Johannes Bruckmeier hat sich direkt nach seinem Abitur dafür entschieden, zur Bundeswehr zu gehen. „Das passt zu mir. Ich war schon immer der Draußen-Typ. Das muss man irgendwie auch sein“, sagt er. Der 27-Jährige kommt aus Südhessen, hat seit rund zwei Jahren seine Offiziersausbildung samt Studium hinter sich und ist beim Berliner Standortkommando in der Julius-Leber-Kaserne stationiert.

Damals, vor acht Jahren, war Bruckmeier einer von rund 2000 Männern und Frauen, die jährlich eine Offiziersausbildung bei der Bundeswehr beginnen. Die meisten davon sind Abiturienten. Sie entschließen sich zu einer rund sechs Jahre dauernden Ausbildung, die hohe Anforderungen an ihre charakterliche, körperliche und geistige Leistungsfähigkeit stellt. Und sie verpflichten sich zu mindestens zwölf Jahren als Zeitsoldat. Mit ihrer Unterschrift erklären sie sich bereit, in letzter Konsequenz auch ihr Leben für den Beruf einzusetzen – im Inland wie bei Auslandseinsätzen.

Zugleich erhalten sie eine fachliche Qualifikation an den Bundeswehr-Universitäten, die mit einem monatlichen Gehalt versehen ist und unter vergleichsweise guten Bedingungen stattfindet. Im Anschluss an die Ausbildung winkt ein verantwortungsvoller Posten.

Oberleutnant Bruckmeier studierte Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Bundeswehr-Universität in München. Die Bedingungen dort scheinen traumhaft angesichts der Horrormeldungen von überfüllten Hörsälen, gestrichenen Seminaren und überforderten Dozenten an zivilen Unis: kleine Gruppen, in denen gearbeitet werden kann. Gute Materialausstattung. Zugängliche Dozenten. „Die pflegen einen offenen Umgang“, erinnert sich Bruckmeier. „Von den Bedingungen fand ich das sehr gut.“

Ein weiterer Vorteil: Die Studenten müssen sich um fast nichts kümmern. Zusätzlich zum monatlichen Gehalt stellt die Bundeswehr Unterkunft und Verpflegung. „Das ist ein bisschen wie in diesen Filmen über amerikanische Universitäten“, sagt Bruckmeier. Dafür würde aber auch verlangt, dass man sein Studium in maximal vier Jahren mit guten Noten abschließt.

Die militärische Ausbildung findet hauptsächlich vor und nach dem Studium statt. Das Studium ist, anders als an regulären Universitäten, in Trimester gegliedert. In der vorlesungsfreien Zeit, die weit kürzer ist als an zivilen Universitäten, absolvieren die Offizieranwärter Truppen- oder berufsbegleitende Praktika. Insgesamt dauert die Ausbildung rund sechs Jahre.

Man muss aber nicht, wie Bruckmeier, einen Wirtschaftsstudiengang wählen. Neben Politik, Geschichte, Pädagogik und Sportwissenschaften bilden auch die technischen Studiengänge einen Schwerpunkt der Bundeswehr-Universitäten: Elektrotechnik, Bauingenieurwesen und Umwelttechnik, Informatik, Luft- und Raumfahrttechnik, Maschinenbau, Geowissenschaften, Wirtschaftsinformatik, um nur einige zu nennen.

„Offizier ist ein sehr attraktiver Beruf mit einer hochwertigen Ausbildung“, sagt Fregattenkapitän Ulrich Karsch. Er sagt aber auch: „Der Beruf des Offiziers verlangt einiges von einem. Er fordert im Ernstfall das höchste Gut ab: den Einsatz des eigenen Lebens.“

Der Fregattenkapitän arbeitet im „größten Assessment-Center der Bundesrepublik“, wie er es nennt, der Offizierbewerberprüfzentrale in Köln. Diese Stelle kümmert sich um den gesamten Offiziernachwuchs der Bundeswehr.

Die Liste der Eigenschaften, die ein Offizieranwärter mitbringen sollte, ist lang: Verständnis für Menschen, pädagogisches Geschick, Durchsetzungsvermögen, fachliche Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein, charakterliche Reife und körperliche Leistungsfähigkeit. Im Einsatzfall müssen Offiziere auch unter außergewöhnlichen Belastungen und Bedingungen präzise Entscheidungen für sich und ihre Truppe treffen können. Diese Eigenschaften weiter zu trainieren, dafür ist dann die Ausbildung da.

Die Entscheidung, direkt nach dem Abitur zur Bundeswehr zu gehen, wurde Oberleutnant Bruckmeier quasi ins Nest gelegt. Auch sein Onkel ist Soldat. Derzeit leitet Bruckmeier einen Luftwaffensicherungstrupp. Dessen Aufgaben bestehen darin, Radaranlagen zu sichern, Soldaten für Kriseneinsätze im Ausland auszubilden, Checkpoints aufzubauen wie im Kosovo und auf Patrouille zu gehen.

„Ich war erstaunt, dass man in jungem Alter so eine große Verantwortung übertragen bekommt“, sagt der 27-Jährige. Er ist verantwortlich für den gesamten Trupp samt Material, also für 40 Menschen und vier Lkw.

Schwerpunkt der Tätigkeit eines Offiziers sind Ausbildung und Führung von Soldaten. „Generell sollte man daran interessiert sein, einen Führungsberuf auszuüben, und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Fregattenkapitän Karsch. Und ein Teamspieler sollte man sein. „Alles, was wir tun, spielt sich im Team ab.“

Ob als Umweltschutzoffizier, der im Katastrophenschutz eingesetzt werden kann. Ob als Kampfschwimmeroffizier, der Aufklärungsoperationen in Häfen oder bewaffnete Evakuierungsaktionen leitet. Ob als Waffensystemoffizier in einem Kampfflugzeug oder als Musikoffizier. Die Berufsfelder bei der Bundeswehr sind vielseitig. Aber neben fachlicher Qualifikation steht immer auch die Führungsaufgabe im Vordergrund.

„Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn einen 40 Augenpaare anschauen und prüfen, was man sagt. Die legen jedes Wort auf die Waage“, erzählt Bruckmeier. „Man kommt aus dem Studium und wird sofort zum Vorgesetzten.“ Die Soldaten, die er befehligt, waren anfangs meist nur zwei bis drei Jahre jünger.

Kommendes Jahr wird Bruckmeier voraussichtlich versetzt. Das ist üblich. Der Einsatzort wechselt in der Regel alle zwei bis drei Jahre. Es kann dem Oberleutnant auch passieren, dass er zu einer Truppe kommt, die für einen Auslandseinsatz vorgesehen ist.

Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges, als die Bundeswehr die Aufgabe hatte, die junge Bundesrepublik gegen die vermeintliche Gefahr aus dem kommunistischen Osten zu verteidigen, stehen mittlerweile internationale Einsätze fast schon auf der Tagessordnung. Ob mit der Marine am Horn von Afrika oder mit dem Heer auf dem Balkan: Getreu der Maxime von Bundesverteidigungsminister Peter Struck wird Deutschland unter Umständen nun auch am Hindukusch in Afghanistan verteidigt. Der globale Kampf gegen den internationalen Terrorismus ist zur zentralen Aufgabe der Bundeswehr geworden, ebenso wie Friedenseinsätze der Vereinten Nationen.

„Damit sollte man sich zwingend auseinandergesetzt haben“, sagt Fregattenkapitän Karsch, der selbst schon auf Auslandseinsatz war. Möglichst bevor die Entscheidung fällt, dass man gerne zur Bundeswehr gehen will. Natürlich schicke die Bundeswehr niemanden ohne entsprechende Vorbereitung in Auslandseinsätze, sagt Karsch. Aber als Offizier komme man nicht an den Auslandseinsätzen vorbei. „Diese Gedankenprozesse müssen abgeschlossen sein. Um zu wissen: In welche Richtung marschiere ich.“

Angst verspürt er nicht bei dem Gedanken, eventuell ins Ausland gehen zu müssen, sagt Bruckmeier, aber „Respekt und Neugier“. „Das ist ja das, wofür man unterschrieben hat.“ Die Entscheidung, zur Bundeswehr zu gehen, würde er wieder treffen, sagt er. Der Job sei noch spannender als sein Onkel ihm immer erzählt habe.

Weitere Infos im Internet: www.bundeswehr.de

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