Zeitung Heute : Zu milde Sorte

FürdenRausch, gegen den Hunger – die Hugenotten brachten ihn her. Und heute? Der Tabak verschwindet von deutschen Äckern

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Der frühpensionierte Eisenbahner Dieter Hettenhausen raucht nicht. Wenn er trotzdem vom Tabak Kopfschmerzen bekommt, dann liegt das an den Anträgen. An hellgelben, hellgrünen und hellroten Anforderungen von Anlagen auf Festsetzung von Zahlungsansprüchen, zum Flächennachweis, zum Nutzungsnachweis, zum Tierbestand, zur Flächenstilllegung. Hettenhausens Hand fällt krachend auf den dicken grauen LeitzOrdner, in dem die Zettel bunte Streifen bilden, und er schaut betrübt.

Gemächlich windet sich die Straße durch den hügeligen Kyffhäuserkreis in Thüringen. Vorbei an kleinen Orten, einzelnen Höfen, vorbei an einem schmalen Feld am Ende des Örtchens Greußen. In langen Reihen leuchten lindgrüne, hüfthohe Pflanzen im Sonnenschein. Tabak. Ordnung: Röhrenblütler, Familie: Nachtschattengewächse, Gattung: Nicotiana – benannt nach dem Franzosen Jean Nicot. Etagenweise wachsen die Blätter, oben klein, unten bratpfannengroß. Sie haben dicke Adern und fühlen sich pelzig an. Diese hier sind ganz unten schon gelblich. Sie müssen schnell geerntet werden.

Das Feld gehört den Hettenhausens. Seit 1965 wird hier Tabak angebaut. Das war immer ein guter Zuverdienst, in DDR-Mark, D-Mark und Euro. Doch jetzt ändert sich das, und Hettenhausen weiß nicht, ob er das mitmacht.

In der gigantischen EU-Agrarsubventionsmaschine knirscht und ächzt es, jahrelang wurde um eine neue Marktordnung gerungen. Europas Bauern sollen nicht länger nur das anbauen, wofür es die höchste Förderprämie aus Brüssel gibt, sondern das, was ohne Förderung konkurrenzfähig ist. Es soll Schluss sein mit Butterbergen, Milchseen, mit Zuckerrübenanbau in Finnland – und auch mit Tabak. Künftig wird nicht mehr ein Produkt gefördert, sondern die landwirtschaftlich genutzte Fläche. Weil aber bei Tabak die Produktprämie sehr hoch ist, wird der Verdienst deutlich sinken. Viele Pflanzer werden aufgeben. Vor allem die älteren. Solche wie Hettenhausen.

Der schwere Mann mit den schlohweißen Borstenhaaren ist jetzt 64 Jahre alt. Er bessert mit dem Tabakanbau seine Rente auf, die wegen der Frühpensionierung nicht sehr hoch ist. Aber es geht ja nicht nur um Geld. Das Tabakfeld ist eine Beschäftigung. Als Hettenhausen beim Mittagessen im Restaurant Felsenkeller sitzt, erzählt er von alten Bahn-Kollegen, die heute Pensionäre sind wie er. Wie die sich durch die Tage schleppen mit Essen, Rumsitzen und Fernsehen. Das will er nicht. Er will draußen sein, tätig sein, ihm fehle ja nichts. Er spricht leise, mit Dialekt. Er sagt Tobok und Tog, und war der Enkel da, war der „Änkel do“. Die neuen Förderrichtlinien stören Hettenhausen, weil sie kompliziert, umständlich, unverständlich sind. „Früher bekam man sein Geld pro Kilo und fertig“, sagt er. „Und heute machen die so einen Kram.“ So o Krom.

Im EU-Jargon heißt der Kram Entkoppelung. Ziel der neuen Regelungen ist eine einheitliche so genannte Betriebsprämie für alle Bauern, die bei etwa 300 bis 350 Euro pro Hektar liegen könnte, genau weiß man es noch nicht. Weil man die Förderung nicht sofort umstellen kann, wird es eine Übergangsphase bis 2013 geben. Los ging es mit der Umstellung am 1. Januar 2005. Nur für Tabak hat man sich – wegen des großen Gefälles – noch etwas anderes überlegt.

Tabakbauern bekommen in diesem Jahr ihre Förderung noch einmal wie gehabt. Im nächsten Jahr erhalten sie noch für 60 Prozent ihres Tabaks die hohe Produktprämie. Für die anderen 40 Prozent erhalten sie eine entkoppelte Prämie, die sich vorerst aus ihren Einnahmen zwischen 2000 und 2002 errechnet. Außerdem wird ein Umstrukturierungsfonds eingerichtet, um Bauern zu helfen, die sich einen anderen Job suchen müssen.

Tabakanbau ist sehr aufwändig: 2200 Stunden pro Jahr arbeitet der europäische Landwirt, um einen Hektar Tabak zu bewirtschaften, gegenüber 147 Stunden, die er für gängige Kulturpflanzen benötigt. 36 Millionen Euro hat die EU 2004 für die Unterstützung des Tabakanbaus in Deutschland ausgegeben. Bei geschätzten 850 Tabakbauern – darunter viele kleine und nur wenige große – sind das im Schnitt 42000 Euro pro Pflanzer. Oder: 7800 Euro für jeden Hektar Tabak.

Davon ist Dieter Hettenhausen weit entfernt. Sein Acker ist klein, 0,7 Hektar, und er hat nur wenige Pflanzen. Etwa 1000 Kilogramm Tabak wird er bis Dezember ernten. Auf den Knien werden er, die Frau, die Kinder, der Enkel durch den Sand rutschen und die Blätter brechen. Sie werden die Blätter aufnähen und aufhängen, damit sie trocknen.

Den ungefähren Preis für Tabak handeln der Tabakpflanzerverband und die Ankauffirma vorab aus. In den USA, Afrika oder in Indien verkaufen Farmer ihren Tabak auf Auktionen, der Preis ist frei. In China und Bulgarien nehmen staatliche Handelsorganisationen die Ware ab, der Preis ist fix. Im vergangenen Jahr, sagt Hettenhausen, habe er mit seinem Tabak etwa 3700 Euro Gesamterlös gehabt.

Hettenhausen wohnt an einer winzigen Kopfsteinpflasterstraße in einem restaurierten Fachwerkhaus, in dem eine rote Holztreppe in den ersten Stock führt, dort oben ist sein Büro. Es sieht aus wie das bei der Bahn, in dem er früher gearbeitet hat. Hettenhausen hat die Einrichtung ersteigert, als die Dienststelle aufgelöst wurde. Er fährt auch noch seinen alten Wagen, einen beigefarbenen Wartburg Kombi. Nicht aus Protest oder als Zeichen, sondern, weil der noch fährt. Weite Wege hat Hettenhausen nicht. Vom Haus zum Feld sind es nur ein paar hundert Meter. Im Haus stehen Vasen und Krüge mit Trockenblumensträußen. Die mache er auch, sagt Hettenhausen. Er sagt das schnell und entschieden und freut sich, wenn man ihn dann groß anguckt. So ein schwerer Mann, Hände wie Teller, und darin bröseliges Jungferngrün, dröge Schafgarben, Kugeldisteln, Zierkürbisse? Einmal hat er sich zum Volkshochschulkurs Blumengestecke angemeldet. Als er dort ankam, saßen nur Frauen im Raum und der Kursleiter sagte ihm: Englisch ist nebenan. Hettenhausen lacht vergnügt vor sich hin.

Im Hof seines Hauses ist ein schmaler Schuppen, sechs Meter hoch, drei Etagen verbunden durch eine senkrecht stehende Leiter. Die Böden hängen voller Blumen, es riecht nach Heu. Wenn die weg sind, werden die Tabakblätter getrocknet, dann wird es leicht nach Tee riechen. Auch Hettenhausen klettert die Leiter noch rauf, schnell und ohne hinzugucken. Er kennt die, seit er Kind ist.

Es waren die Hugenotten, die vor gut 400 Jahren den Tabakanbau mit nach Deutschland gebracht haben, alle Kriege haben ihn befördert, weil die Soldaten mit Zigaretten beschenkt wurden, für den Rausch, gegen den Hunger. In der DDR gab es dann landesweite Aufrufe. Man hatte keine Valuta mehr, zahlte Rekordpreise für Inlandstabak. Und so standen die kleinen Setzlinge bald in jeder unbepflanzten Ecke. Dieter Hettenhausen erinnert sich an die 80er Jahre, an jährliche Preissteigerungen von 130 Prozent. „Da war echt Geld zu verdienen“, sagt er. 1986 bekam er für 5000 Pflanzen 13000 Mark. „Echt cool“, sagt er. Das Wort hat er von seinem Enkel.

Er hat eine Chronik angelegt über die 40 Jahre Tabakanbau seiner Familie. Ein dicker Ordner, wieder grau, wieder Leitz, 84 Klarsichtfolien, in jeder ein Blatt Papier, Hettenhausen hat nichts gegen Zettel. Er hat das Gesetzblatt der DDR mit der Preisanordnung Nr.418 für Rohtabak vom Juni 1955. Den Vertrag mit dem VEB Rohtabak Nordhausen über Anbau, Lieferung und Abnahme von 0,08 Hektar Tabak der Sorte „Z11“ für die Jahre 1969 bis 1975. Die Rechnung der LPG Pflanzenproduktion „Salvador Allende“ Bad Tennstedt von 1978. Die 44. Folie gleitet sanft über den Bügel. Im Ordner ist jetzt das Jahr 1990 und in großer Schrift hat Hettenhausen auf ein Blatt getippt: „Mit der Wiedervereinigung kam die Bürokratie.“ Vorschriften, Zollbestimmungen, Verträge wurden dicker und komplizierter.

Gerade hat er wieder sieben neue Seiten Papier dazubekommen. Das Abnahmeprotokoll, das ihm die Vertreter vom Zoll und von der Aufkäuferfirma hinterließen. Die waren da, um seinen Tabak abzuwiegen. Sieben Seiten, sagt Hettenhausen anklagend. Früher hätten zwei gereicht. Die Vertreter der Aufkäuferfirma überprüfen die Qualität der Ernte. Gelb ist gut, dunkle Flecken sind schlecht. Drei Qualitätsstufen gibt es, nach denen richtet sich, was der Pflanzer vom Aufkäufer bekommt.

Vor ein paar Monaten waren hochmodern ausgestattete Landvermesser da. Männer mit Rucksäcken, in denen GPS-Technik steckte. Die haben Hettenhausens Feld an der kleinen Straße mit Satellitenunterstützung vermessen. Wegen Invekos, dem „Integrierten Verwaltungs- und Kontrollsystem“, mit dem man landwirtschaftschaftliche Parzellen identifizieren kann und kontrollieren, ob Zahlungen der EU zu Recht empfangen wurden. Als die Männer am Feldrand an einem Baum vorbei mussten, riss die Verbindung zum Satelliten ab und es gab Debatten darüber, ob man links oder rechts am Baum vorbei müsse. Erzählt Hettenhausen. Das ist dann auch lustig.

Weil die Verhältnisse verrückt sind. Der kleine Mann mit kleinem Feld im kleinen Ort auf der einen Seite – die riesige Europäische Union mit ihrer kolossalen Bürokratie auf der anderen. Der gemächliche Hettenhausen will sich nicht aufregen. Er will das Geld der EU. Das hat es ihm all die Jahre möglich gemacht, eine Familientradition fortzuführen.

Der Antrag für die Betriebsprämien hatte fast 70 Seiten, plus 70 Seiten Anleitung zum Ausfüllen des Antrags. Plus die Anträge auf Produktprämien. 1991 habe es in Thüringen mehr als 700 Tabakpflanzer gegeben, sagt Hettenhausen. Heute seien es noch 14. Die würden aus Altersgründen aufgeben und eben „wegen der Bürokratie“.

Tabak aus Deutschland hat keinen besonderen Geschmack und wenig Nikotin. Er wird den Zigaretten nur beigemischt, in Roth-Händle soll er vorkommen. Deshalb liegt eine Packung in einer Vitrine im dritten Stock des Tabakmuseums, das es in Vierraden in der Uckermark gibt. Hier, in einem renovierten Trockenschuppen – zu den Sponsoren gehört auch die Zigarettenfirma Reemtsma – wird die Geschichte des Tabakanbaus in Deutschland gezeigt. Vitrinen und Stelltafeln, ein paar Dosen, in denen man an verschiedenen Tabaksorten riechen kann.

Die EU will einerseits nicht, dass der Tabakanbau in Europa aufhört. Weil er in der Weiterverarbeitung Arbeitsplätze sichert und fast nur in ohnehin armen Randregionen – vor allem Griechenlands und Italiens – betrieben wird. Auch im Kyffhäuserkreis gibt es eine Arbeitslosigkeit von fast 25 Prozent. Andererseits steht die Förderung von Tabakanbau „nicht im Einklang mit der Gesundheitspolitik“, wie es in einem Bericht der EU-Kommission heißt, der „die langfristige Überlebensfähigkeit des Tabakanbaus als Wirtschaftstätigkeit“ anzweifelt.

Nach der Wende und nach der Pensionierung engagierte sich Hettenhausen auch im Tabakpflanzerverband, er ist Träger der silbernen und der goldenen Tabaknadel der Erzeugergemeinschaft Nordost, die alle Pflanzer aus Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen umfasst. Es wurden große Feste gefeiert, einem Kneipenwirt haben sie den ganzen Weinkeller leer getrunken.

Es sind auch die vielen Erinnerungen, um die es Hettenhausen Leid tut, wenn er an das Ende des Tabakanbaus denkt.

Zu Hause im Büroschrank liegen hinter hell furnierten Türen Dokumente aus seiner Zeit bei der Bahn. Von der Bewerbung bis zur Entlassungsurkunde. Das will Hettenhausen auch noch aufarbeiten. Wenn die Tabakernte vorbei ist und er wieder mehr Zeit hat.

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