Zeitung Heute : Zu realistisch?

Oliver Kahn ärgert sich über sein digitales Alter Ego in den Fußball-Computerspielen der „Fifa“-Serie

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Von Christian Hönicke

Hm, blonde Haare, breite Schultern, große Hände, grimmiger Blick… Natürlich, das ist er! Oliver Kahn ist nicht nur zwischen den Pfosten der deutschen Fußballnationalmannschaft und des FC Bayern München zu finden, sondern inzwischen auch in unzähligen Fußball-Computerspielen. Besonders gut getroffen wurde der 33-Jährige in der „Fifa“-Serie von Electronic Arts. Allerdings fühlt sich Kahn nicht etwa geschmeichelt. Er teilte der „Bild“ mit, er finde das Spiel im Allgemeinen und die Darstellung seines Alter Ego im Besonderen zu realistisch. Kahn sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt, schaltet jetzt einen Anwalt ein und sorgt für verwunderte Gesichter in der Spielebranche. Immerhin, darauf hat man sich schon vor einiger Zeit geeinigt, gehört es zum Wesen von Simulationen, sich so nah wie möglich an der Realität zu orientieren.

Das ist auch der Anspruch von „Fifa 2003“. Denn während sich Kahn noch über das mittlerweile ein Jahr alte „Fifa 2002“ echauffiert, steht bereits der Nachfolger in den Startlöchern, der ihm wohl die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte. Diesmal wurden tatsächlich die Gesichter der Spieler fast lebensecht ins Programm übernommen. Der Niederländer Edgar Davids spielt mit Brille, der Engländer David Seaman mit Zopf, und der virtuelle Kahn sieht aus wie der echte Kahn. Wenn man ihn nun noch seine gefürchteten Spezialbewegungen (Kahn-Nackengriff und Kung-Fu-Sprung, wahlweise einsetzbar gegen Mit- und Gegenspieler) ausführen lassen könnte, wäre die Täuschung perfekt.

Zu diesen möglichen Extras und überhaupt zu Oliver Kahn möchte man sich bei Electronic Arts Deutschland allerdings lieber nicht äußern. Immerhin heißt es, ein ähnlicher Vorfall habe sich zumindest in Europa noch nicht zugetragen. Es könnte also ein Präzedenzfall werden. Sollte Kahn mit seinem Ansinnen durchkommen, könnten auch Halbprofis von den Färöern oder aus San Marino ihre Persönlichkeitsrechte gefährdet sehen und klagen. Jeder einzelne Spieler müsste dann lizenziert werden. Trotzdem wird das noch realistischere „Fifa 2003“ laut Electronic Arts definitiv am 30. Oktober erscheinen, und zwar ohne irgendwelche Änderungen in der Aufstellung. Verkaufen wird es sich wie seine Vorgänger hervorragend. Diesmal vielleicht sogar noch ein bisschen besser. Schließlich ist kaum eine bessere Werbung für ein Fußball-Spiel denkbar als ein Fußballer, der es zu realistisch findet.

Derartige Äußerungen hat man zwar aus Rennfahrerkreisen noch nicht vernommen, obgleich Computer auch außerhalb der Boxengasse schon längst keine Seltenheit mehr sind. „Die Formel-1-Spiele sind sehr realitätsgetreu, und die Rennstrecken akkurat. Man kann deshalb gut neue Kurse damit lernen“, sagt Renault-Pilot Jenson Button. „Auch die Autos verhalten sich fast genauso wie die richtigen Boliden auf der Rennstrecke.“ Unumstrittener Liebling unter den Piloten ist die „Grand-Prix“-Serie von Geoff Crammond. Auch Williams-BMW-Pilot Juan Pablo Montoya liebt Rennfahren am Bildschirm. Meist trifft er sich dazu mit Freunden – und gewinnt (anders als auf der Rennstrecke) fast immer. Probleme mit einer zu realistischen Darstellung der Fahrer gab es bei Formel-1-Spielen bisher nicht – schließlich werden die Gesichter von Helmen verdeckt. Mit Ausnahme des Kopfschutzes von Jacques Villeneuve, der sich seine Namensrechte schützen ließ und nicht in die Lizenzhoheit des Motorsportweltverbands Fia fällt.

In den USA gibt es derlei Probleme nicht. Computersimulationen gehören zum Sport wie Hot Dogs und Bier. Unzählige Spiele tragen die Namen der vier großen Profiligen NFL (Eishockey), MLB (Baseball), NBA (Basketball) und NFL (Football) im Titel. Und die Sportler wissen, dass das kleine Spiel längst Teil des großen ist. Es fällt mit in den Merchandising-Bereich, der in Amerika die größte Einnahmequelle nach dem Verkauf der TV-Rechte ist, und damit auch einen Großteil der Spielergehälter finanziert. Anstatt Klagen vorzubereiten, nehmen etwa die NFL-Profis alljährlich am Computerwettstreit im Rahmen des Endspiels der Football- Liga teil. Mitspielen heißt mitverdienen.

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