Zeitung Heute : Zu Recht finden

Schreiben sollte logischer und leichter zu lernen sein – jetzt wird es schwierig mit der Reform

Uwe Schlicht

Nach der FAZ wollen nun auch der Springerverlag und der „Spiegel“ zur alten Rechtschreibung zurück. Wie ist es überhaupt zu der Reform gekommen? Wo steht der Entscheidungsprozess und wie geht es jetzt weiter?

Am Anfang war die Angst. Die Angst der Bundesrepublik, die DDR könnte nach der deutschen Spaltung auch eigene Wege in der Rechtschreibung gehen. Um das zu verhindern, trat die Bundesrepublik 1980 an die österreichische Regierung heran und bat um Vermittlung mit dem Ziel, eine einheitliche Reform der Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Ländern herbeizuführen.

Nach Konferenzen 1986 und 1990 wurde ein Reformkonzept zur Neuordnung der deutschen Rechtschreibung erarbeitet und im April 1995 den Behörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz übergeben. Die Regierungen Österreichs und der Schweiz stimmten umgehend zu. Die Deutschen hatten Änderungswünsche, im Dezember 1995 stimmte auch die Kultusministerkonferenz (KMK) zu.

Ursprünglich hatten Österreich und die Schweiz eine generelle Kleinschreibung der Substantive, wie sie unter anderem im englischsprachigen Raum üblich ist, befürwortet. Das wollten die Deutschen nicht und setzten sich am Ende damit durch. Denn bei den Nachbarn galt es als selbstverständlich, dass Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern bei der Reform die Federführung haben sollte.

Doch dann ging der Streit in Deutschland erst richtig los. Einzelne Bürger beanstandeten, die Rechtschreibreform verletze ihre Grundrechte bei der Erziehung der Kinder und das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Als das Bundesverfassungsgericht am 14. Juli 1998 jedoch grünes Licht gab für die Reform, konnte die Umsetzung tatsächlich beginnen. Für die Beantwortung pädagogischer, sprachwissenschaftlicher und schulpraktischer Fragen seien die „zuständigen Fachverwaltungen grundsätzlich besser ausgerüstet” als die Landesparlamente, urteilte Karlsruhe. Der Umfang der beabsichtigten Schreibregeländerungen sei so gering, dass die Reform keinen „wesentlichen“ Eingriff in die Elternrechte darstelle.

Inzwischen haben rund 12,5 Millionen Schüler nach der neuen Rechtschreibung gelernt, fast eine komplette Schulgeneration. Dennoch kommt die Diskussion über Sinn und Unsinn der Reform zu keinem wirklichen Ende. Im Jahr 2000 kehrte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ als erste Zeitung zur alten Rechtschreibung zurück. Um dem Unmut und der Kritik zu begegnen, beschlossen die Kultusminister dann am 4. Juni dieses Jahres Änderungen, die überwiegend die Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern betreffen. Danach sind zum Beispiel neben „allein stehend“ oder „Rat suchend“ auch die früheren Formen „alleinstehend“ und „ratsuchend“ zulässig. In Fällen wie „ohne weiteres“ und „vor kurzem“ ist auch Großschreibung möglich, also „ohne Weiteres“, „vor Kurzem“. Außerdem wurde die Einrichtung eines Rates für deutsche Rechtschreibung vereinbart, der auch Kritiker der Reform einbeziehen sollte.

Einzelnen Ministerpräsidenten, vor allem aus den unionsregierten Ländern, geht das nicht weit genug. Wenn sie die Rechtschreibreform tatsächlich kippen wollen, müssen sie schnell handeln. Denn am 1. August 2005 enden alle Übergangsregelungen. Für eine Aufhebung oder Änderung der Rechtschreibung benötigen Wulff und Co. die Einstimmigkeit aller Ministerpräsidenten und die Zustimmung des Bundeskanzlers. Nach den bisherigen Erklärungen wird diese Einstimmigkeit mit den Ministerpräsidenten der SPD-regierten Länder kaum zu erreichen sein. Die nächsten Ministerpräsidentenkonferenzen sind im Oktober und im Dezember – dann zusammen mit Gerhard Schröder. Wie sich die Nachbarn Österreich und die Schweiz verhalten werden, falls Deutschland ausscheren sollte, ist noch völlig offen. Bisher jedenfalls ist die Reform dort akzeptiert.

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