Zeitung Heute : Zu selbstbewusst

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Von Malte Lehming, Washington

Alle großen US-Zeitungen brachten am Mittwoch Vorberichte auf die Europa-Reise von US-Präsident Bush. „Unterschwellige Feindseligkeiten warten in Europa auf Bush“, titelt die „Washington Post". Dazu wird ein dreispaltiges Bild von der Demonstration in Berlin gedruckt. Darauf sind überwiegend junge Menschen zu sehen, die „Arbeitsplätze statt Kriegseinsätze“ fordern. „Europa empfängt Bush mit gemischten Gefühlen“, heißt es neutraler in der „New York Times". Illustriert wird der Artikel mit zwei Bildern: zum einen mit der pro-amerikanischen Dekoration des Brandenburger Tores, zum anderen mit einer Protestszene und dem Schild „Wir wollen Ihre Kriege nicht, Herr Präsident".

Auffallend an den Berichten ist, dass die Proteste nicht als deutsches Spezifikum gewertet werden. Vielmehr drücke sich in ihnen eine Grundstimmung aus, von der ganz West-Europa erfasst sei. „Die Vereinigten Staaten und West-Europa driften auseinander – in ihrer Politik, in ihren Werten, in ihren globalen Ambitionen“, schreibt die „Washington Post". Der Hauptgrund für die angeblich langfristig anhaltende Entfremdung sei allerdings nicht die neue Regierung im Weißen Haus, sondern ein neues europäisches Selbstbewusstsein.

„Viele Europäer haben das Gefühl, die EU müsse einen Platz auf der Weltbühne einnehmen, auf dem sie gleichberechtigt mit den USA sind, oder sogar vorne liegen.“ Die Amerikaner stünden durch eine stetig größer und reicher werdende EU vor einer schwierigen psychologischen Aufgabe: Sie müssten lernen, ein Europa zu akzeptieren, das nicht länger bereit sei, die Rolle des Juniorpartners zu übernehmen.

In einem separaten Artikel erinnert die „Washington Post“ auch daran, wie überzogen die europäische Kritik oft ist. Vor Monaten noch haben fast alle Regierungschefs, allen voran Chirac und Schröder, die Amerikaner händeringend davor gewarnt, den ABM-Vertrag aufzukündigen. Ansonsten würde ein neues, unkontrollierbares atomares Wettrüsten in Gang gesetzt. Das Gegenteil ist passiert. Die Bush-Regierung hat den ABM-Vertrag einseitig gekündigt. Wenig später verbesserten sich die Beziehungen zu Russland. Übermorgen unterzeichnen Bush und Putin einen Vertrag, der die beiderseitige Zahl der nuklearen Sprengköpfe um zwei Drittel reduziert.

Auch die „New York Times“ ortet eine transatlantische Krise. Lediglich die ältere Generation der Deutschen würde noch Dankbarkeit gegenüber den USA empfinden. Die Regierung in Berlin gebe sich zwar solidarisch, aber sowohl dort als auch im Rest West-Europas werde die Liste der Konfliktpunkte länger. Ausführlich lässt die Zeitung Außenminister Powell zu Wort kommen, der ein hohes Maß an Selbstkritik übt. Sowohl der Streit mit China über das abgestürzte Spionageflugzeug als auch die Ablehnung des Kyoto-Abkommens seien ein „Fiasko“ gewesen. Bush habe jedoch aus seinen Fehlern gelernt, „jede Regierung brauche etwas Zeit, um zu reifen". Insbesondere nach dem 11. September habe der Präsident „den Wert von Koalitionen und Freunden“ verstanden.

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