Zeitung Heute : Zu viel des Guten

Chinas Wirtschaft ist 2007 um fast zwölf Prozent gewachsen. Dennoch versucht die chinesische Regierung den Boom zu bremsen. Warum sind zu hohe Wachstumsraten für die Konjunktur gefährlich?

Nils-Viktor Sorge

Unterschiedlicher könnten die Sorgen der US-Regierung und der Führung Chinas auf den ersten Blick nicht sein. In den Vereinigten Staaten droht eine Rezession, die Welt blickt verängstigt an die Wall Street. Regierung und Notenbank haben bereits gehandelt: Um historische 0,75 Prozentpunkte senkte die Federal Reserve (Fed) die Zinsen und verbilligte so ihr Geld für Banken. Das soll die Konjunktur in Fahrt halten. Eine weitere Zinssenkung steht bevor, sagen Analysten. US-Präsident George W. Bush verkündete zudem ein Mammut-Investitionsprogramm in Höhe von 100 Milliarden Dollar, das die Wirtschaft ebenfalls vor einem Wachstumsrückgang bewahren soll.

Als möglichen Retter der Weltwirtschaft haben Konjunkturexperten aber mittlerweile China auserkoren. Dort wächst die Wirtschaft rasant – 2007 um 11,4 Prozent, wie die amtlichen Statistiker am Donnerstag mitteilten. Das war der größte Anstieg seit 14 Jahren. Damit wird China Deutschland bald als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt überholen.

Doch die chinesische Führung tut das Gegenteil von dem, was ihre US-Kollegen machen – und will das eigene Wachstum begrenzen. Denn überbordende Boomraten können die Wirtschaft in eine umso härtere Rezession führen. Regierung und Zentralbank versuchen deshalb seit Jahren, des Wachstums Herr zu werden, das auch westlichen Beobachtern Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

„Es ist wie bei einem Marathonläufer“, beschreibt Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der Dekabank, das Phänomen. „Wenn er zu schnell losläuft, ist die Muskulatur bald übersäuert, und dann kommt der Mann mit dem Hammer.“ Die „Säure“, das sind die typischen Folgen einer Überhitzung der Konjunktur: Rasche Geldentwertung und beinahe planlose Investitionen der Unternehmen, die in der Boomphase kaum noch wissen, wohin mit ihrem Geld.

Der „Mann mit dem Hammer“ ist dann die Notenbank. Ein paar Mal hat sie 2007 schon zugeschlagen, wenn auch noch in relativ homöopathischen Dosen: Fünf kleinere Zinserhöhungen gab es, dazu Kreditbeschränkungen.

Damit will das Institut verhindern, dass die Wirtschaft im Wachstumstaumel ihre eigenen Ressourcen zu schnell verschleißt. Viele Waren lassen sich auf einmal nicht mehr in einer angemessenen Zeit produzieren, weil Nachschub, zum Beispiel von Rohstoffen, knapp wird. Die Folge: Die Preise steigen rasant, die Inflation erreicht nicht mehr vertretbare Höhen. Derzeit beträgt sie in China 6,5 Prozent. Knapp werden nicht zuletzt Arbeitskräfte, so dass auch die Löhne steigen. „Das sind Inflationsprozesse, die eine Notenbank nicht hinnehmen kann“, sagt Volkswirt Bahr.

Kommt die Intervention, etwa in Form von Zinserhöhungen und Kreditbeschränkungen, trifft es die Wirtschaft doppelt hart. Unternehmen, die in der Boomphase auf Zuwachs investiert haben, haben plötzlich mehr Fabriken und Lieferverträge als sie gebrauchen können, sobald sich das Wachstum abschwächt. „Die schlechtesten Investitionen werden dann zu Investitionsruinen“, sagt Bahr. Im schlimmsten Fall setzt sich eine unkontrollierte Abwärtsspirale in Bewegung.

Dennoch gelten für das Schwellenland China beim Wachstum andere Maßstäbe als beispielsweise für Deutschland. Die 2007 erreichten 11,4 Prozent hätten für die Volkswirtschaft einen ähnlichen Effekt wie die in der wesentlich weiter entwickelten Bundesrepublik erzielten 2,5 Prozent. Bei einem Wachstum von weniger als acht Prozent bekäme die chinesische Regierung dagegen bereits ein ernsthaftes Problem. „Es geht darum, das Wachstum zu nutzen, um Veränderungen beim Lebensstandard zu untermauern“, sagt Oliver Stönner, Emerging-Markets-Experte bei Cominvest.

Auch wenn Volkswirte Chinas Wachstum noch als zu hoch bewerten, zeigt sich eine leichte Umkehr: Im vierten Quartal 2007 ist die Rate leicht zurückgegangen. Die Zinspolitik sowie die Aufwertung der Landeswährung Yuan haben Wirkung gezeigt, aber auch die stellenweise bereits etwas gedämpfte Weltkonjunktur. „Die Signale sind ermutigend“, sagt Cominvest-Mann Stönner. Die Chancen auf ein gesundes Wachstum in China steigen – und damit darauf, dass das Land den in den USA heraufziehenden Bedrohungen für die Weltwirtschaft zumindestet etwas den Schrecken nimmt.

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