Zeitung Heute : Zu viel Fett, zu wenig Bewegung

Immer mehr Kinder haben Übergewicht – und damit auch andere Probleme

Christine Decker

Während die Freunde im Bikini ins Wasser hüpfen, traut sich das Mädchen nur mit T-Shirt in den See. Und zieht das nasse Kleidungsstück auch nach dem Baden nicht aus, obwohl die wärmende Sonne längst hinter Wolken verschwunden ist.

Eine Szene wie diese ist hierzulande keine Seltenheit. Deutschlands Kinder werden immer dicker – und das hat gravierende Folgen für ihre Gesundheit. Bereits jedes fünfte Kind zwischen drei und 16 Jahren ist übergewichtig, sagt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.: Tendenz steigend, wie die Arbeitsgemeinschaft Adipositas (Fettleibigkeit) im Kindes- und Jugendalter mitteilt. Nicht nur Hänseleien von Altersgenossen sind die Folge, sondern vor allem ernste Gesundheitsschäden. Der so genannte „Altersdiabetes“ ist schon längst nicht mehr nur ein Problem der über 40-Jährigen. Ebenso werden diejenigen, die an Herz-Kreislauferkrankungen und Gelenkerkrankungen leiden, immer jünger.

Diese Folgeerkrankungen stellen nicht nur ein Problem für die betroffenen Kinder und Jugendlichen dar, sondern auch ein gesellschaftliches. Laut Deutscher Adipositas Gesellschaft werden knapp fünf Prozent aller Gesundheitsausgaben in den Industrieländern für die Behandlung der Adipositas und ihrer Folgen aufgewendet. Auf eine ganz andere Problematik weist der Berliner Kinder- und Jugendarzt Ulrich Fegeler hin. „Dickleibige Kinder haben häufig nicht nur das Problem der Adipositas, sondern auch Probleme in der Sprach- und Intelligenzentwicklung“, sagt er, „und sind den Anforderungen, die unsere Gesellschaft – nicht nur in kognitiver Hinsicht – stellt, immer weniger gewachsen.“

Auch der Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Alfred Wirth, stellt einen Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit her. Körperliche Schäden wie Bluthochdruck und Haltungsschäden, verursacht durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung, führen seiner Ansicht nach zwangsläufig zu Einschränkungen der schulischen Leistungsfähigkeit.

Je niedriger der sozioökonomische Status und je niedriger der Bildungsstand, desto eher sind Kinder von Übergewicht betroffen – und desto schlechter werden die Chancen, dieses Übergewicht auch wieder loszuwerden. „Das Basiswissen über gesunde Ernährung gibt es nicht mehr. Innerfamiliäre Strukturen und mit ihnen eine geregelte Esskultur gehen verloren“, sagt Fegeler.

Gerade in Ballungszentren werden überdies Frei- und Bewegungsräume von Kindern eingeschränkt. Bewegungsmangel und falsche Ernährung lassen die Fettpölsterchen schnell anwachsen. Hier gegenzusteuern wird immer mehr Aufgabe verschiedener gesellschaftlicher Institutionen. „Gefragt sind alle Einrichtungen, in denen Kinder außerfamiliär betreut werden“, betont Fegeler. Der Kinderarzt könne zwar zusammen mit den Eltern ein Konzept entwickeln, um die überflüssigen Pfunde purzeln zu lassen, doch könne die Medizin allein das Problem nicht lösen. Neben Kitas, Kindergärten, Schulen und Eltern sieht er auch Sportvereine in der Pflicht, an der Bewegungs- und Ernährungserziehung der Kinder kooperierend mitzuwirken.

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