Zeitung Heute : Zu Weihnachten gibt es Bomben

REIMZEIT Uwe Steimle bejubelt in seinem Programm „Hören Sie es riechen ...?“ den Dresdner Stollen.

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Foto: picture alliance / dpa

„Weshalb heißt Ihr Laden hier Jesusbäckerei?“

„Steht alles auf dem Zettel“, damit wuchtete sie, ohne uns eines Blickes zu würdigen, ein A-4-Blatt auf die Glasplatte der Auslage und verschwand unter dem Ladentisch.

„Lesen kann ich auch“, antwortete ich, „aber unsere Fernsehzuschauer sind neugierig und erwarten Aufklärung gern auch von kompetenter Seite.“ Unsicher fragte sie: „Und was ist, wenn Kundschaft den Laden betritt?“ Wir

sicherten ihr zu, dass wir uns in diesem Falle verkrümeln würden.

Sie erklärte uns, das Grab in Görlitz sei der

einzige Nachbau des heiligen Grabes in

Jerusalem, und der Kreuzzug führe auch direkt an der Bäckerei vorbei. Deshalb heißt die

Bäckerei „Jesusbäckerei“.

Ich zweifelte sofort, denn wenn das Grab schon ein Schwindel ist, wie verhält es sich dann mit der Echtheit des Weges!

Da wurde sie streng: „Also, so kann man das aber nicht sehen, Herr ...!“

Ich entschuldigte mich gleich schon im Vor-

hinein für meine nächste Frage, das tun wir Sachsen gern: „Entschuldigen Sie bitte, welches Gebäck zeichnet Ihre Bäckerei denn aus?“ Ihre Antwort lautete: „Krüstchen“. Dabei schaute sie mich an, als sei ich direkt von hinterm Herrnhuter Stern. Bei mir lief schon bei dem Wort Krüstchen kein Wasser im Mund zusammen.

Und jetzt wissen Sie auch gleich, was Görlitzer Jesusbäckereikrüstchen sind: Es sind ganz spezielle Semmeln, mit extra großen Salzkristallen obenauf, die Jesu Tränen symbolisieren sollen, welche sich Gottvater ausweinte ob der Leiden seines Sohnes am Kreuz.

Was für eine verbackene Blasphemie! Ich verlangte zwei Jesus-Semmeln. Die waren ausverkauft. Gott sei Dank.

Im Angebot der Bäckerei standen auch noch Bomben. Was hatte es damit auf sich?

„Bomben gibt es erst wieder Weihnachten“, antwortete mir die Verkäuferin.

Meine liebe schöne deutsche Sprache: Hat die Verkäuferin jetzt wirklich zu mir gesagt: „Bomben in der Jesusbäckerei gibt es erst wieder Weihnachten!“???

Gemeint waren Lebkuchenbomben, sterben wird also niemand davon. Außerdem ist Weihnachten noch weit weg, Ostern gerade vorbei, und ich wollte einfach irgendetwas kaufen! Also fragte ich noch einmal mit all meinem Mut nach einem besonderen Angebot.

Die Verkäuferin hatte noch etwas in petto: „Was Besonderes, ja, im Angebot sind zur Zeit gebackene Eichhörnchen.“

Ich gab nicht auf: „Und was ist das Besondere an gebackenen Eichhörnchen?“

Sie hatte noch einen: „Die Schwänze sind in Schokolade getaucht.“

Bleibt mir nur noch zu wünschen: Guten

Appetit und Halleluja.

Wühlmäuse,

16.12., 20 Uhr

Wenn Uwe Steimle so richtig loslegt, kann das durchaus ambivalente Gefühle erzeugen. Als Erfinder des Schlagwortes „Ostalgie“ trägt er mitunter dick auf, wenn er zu belegen sucht, dass in der DDR „nicht nur alles gut“ war. „Eine manchmal etwas seltsame Sicht auf die Welt“ bescheinigt ihm sein Kollege Felix Eitner, dazumal Steimles Ko-Kommissar im „Polizeiruf 110“. Aber einem Kabarettisten muss das erlaubt sein. Und Steimle ist ein hervorragender Kabarettist. Berühmt sind seine Erich-Honecker-Parodien, einfühlsam, witzig und realistisch die Betrachtungen, die er seiner Kunstfigur Günther Zieschong in den Mund legt – natürlich mit sächsischem Zungenschlag, denn Steimle ist Dresdner aus Leidenschaft. Diese Verbundenheit pflegt er ein weiteres Mal in seinem Buch „Heimatstunde. Neues vom Zauberer von Ost“ (Gütersloher Verlagshaus), aus dem die nebenstehende Begebenheit aus der Görlitzer Jesusbäckerei stammt. In dem Büchlein finden sich auch historische, liebevoll steimlerisierte Informationen zum Dresdner Christstollen – womit der weihnachtsnaheTitel seines aktuellen Bühnenprogramms erklärt wäre: „Hören Sie es riechen ...?“ Sollten Sie aber hören müssen, dass dies erlebenswerte Satiresolo schon ausverkauft ist, merken Sie sich den Folgetermin am 29.3.2014 vor. Dann vielleicht mit sächsischem Brauchtum wie „Ostereierschieben“. eNTe

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