Zeitung Heute : Zu wenig Kinder: Ostdeutschland wird Krisenregion

Studie sieht nirgendwo in Europa größere Probleme Und Berlin zählt nicht zu „florierenden Metropolen“

Fabian Leber
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Berlin - Der Osten Deutschlands ist die Notstandsregion Europas, wenn es um die künftige Bevölkerungsentwicklung geht. Das ist ein Ergebnis einer Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Europaweit gebe es keine andere Region, aus der so viele junge Frauen abgewandert seien, heißt es in der Studie. Wegen des Mangels an jungen Frauen und den damit fehlenden Kindern werde sich der demografische Abwärtstrend weiter beschleunigen. Bis 2030 könne die Bevölkerung im Osten Deutschlands im schlimmsten Fall um bis zu ein Drittel zusätzlich schrumpfen. Vom Trend in den neuen Bundesländern kann sich auch die Bundeshauptstadt Berlin nicht abkoppeln. Mit durchschnittlich 1,18 Kindern je Frau ist die Geburtenrate hier so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Die Wissenschaftler untersuchten 285 Regionen in Europa nach Merkmalen wie Kinderzahl, Einkommen, Arbeitslosigkeit und Bildungsinvestitionen. Unter den zehn am stärksten vom Bevölkerungsrückgang betroffenen europäischen Regionen liegen mit Sachsen-Anhalt, Chemnitz und Thüringen drei Gebiete in Ostdeutschland. Die Wissenschaftler rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Osten wegen der demografischen Probleme bis 2020 wieder auf 60 Prozent des Westniveaus sinken wird. 2007 hatte es bei ungefähr 67 Prozent gelegen.

Die Forscher kommen auch zu dem Schluss, dass Berlin nicht zu den florierenden Metropolen Europas gezählt werden kann. Die Stadt könne mit der Entwicklung in anderen europäischen Hauptstadtregionen nicht mithalten. Selbst aufstrebende Zentren Osteuropas wie Prag in Tschechien oder Bratislava in der Slowakei hätte mittlerweile bessere Zukunftschancen als die deutsche Hauptstadt. „Es zeigt sich, dass die Probleme Berlins inzwischen nicht mehr nur auf die Folgen der Wende zurückgeführt werden können“, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Obwohl seit der Wiedervereinigung viel Geld nach Berlin geflossen sei, habe die Einwohnerzahl tendenziell abgenommen. „Berlin hat immer noch große Probleme, Wirtschaftskraft anzuziehen“, sagte Klingholz.

Berlin und die neuen Bundesländer sind allerdings nicht die einzigen Regionen in Europa, die in Zukunft wegen der schlechten demografischen Entwicklung mit Wirtschaftsproblemen rechnen müssen. Dabei sagen die Forscher extreme Unterschiede voraus. Während ohnehin schon wirtschaftsstarke Regionen mit einem weiteren Zuwachs an Arbeitskräften rechnen können, würden sich die Probleme in Regionen mit schwacher Infrastruktur verschärfen. Die Wirtschaftskraft Europas konzentriere sich schon jetzt um den deutschsprachigen Raum mit Zentrum Schweiz, heißt es in der Studie. In Deutschland werden daher Gebiete wie Oberbayern oder Südbaden zu den Gewinnern zählen. Umgekehrt sagen die Wissenschaftler für Randregionen in den osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten, in Süditalien und Nordspanien große Schwierigkeiten voraus. Auf den demografischen Wandel seien am besten die nordischen Länder vorbereitet.

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