Zeitung Heute : Zu wenig schlafen

Sonja Niemann

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Heute läuft im Kino der Horrorfilm „Hostel“ an. Das Filmplakat zeigt einen Schlagbohrer, der auf einen Zahn gerichtet ist, der Zahn befindet sich noch im Mund von jemandem. Es geht in dem Film um ein Hostel, in dem die jugendlichen Gäste überwiegend unschöne Erlebnisse haben. Nichts Neues, wie jeder Backpacker weiß. Als Hostels noch Jugendherbergen hießen, war es noch schlimmer. Jungen und Mädchen waren strikt getrennt, und wenn man Pech hatte, hatte man Zimmergenossinnen, die entweder (damals in Cuxhaven) auf einem altersschwachen Kassettenrecorder nichts als „Friday I’m in love“ anhörten. Oder sie brachten (wie damals in Menton) nachts Urlaubsbekanntschaften mit ins Sechsbettzimmer, was mir, die allein im Bett daneben lag, zweieinhalb höchst peinliche Minuten bescherte, plus entwürdigende Frühstücksgespräche am nächsten Morgen („Er hat gesagt, er schreibt mal“). Wer in einem Hostelbett liegt und versucht einzuschlafen, hört nacheinander von seinen Zimmergenossinnen: Türenklappen, leises Kichern, Licht anmachen, Nagelfeile rauskramen. Man hört, wie sich eine mit leisem Kratzgeräusch die Nägel so lange feilt, wie nicht mal die vielarmige Göttin Kali das täte. Man hört betont rücksichtsvolle Gespräche in enervierendem Flüsterton, wieder Türenklappen, wieder Reinkommen und Türenklappen, in der Tasche kramen, halbe Stunde Zähne putzen, Licht aus, ins Bett, aus dem Bett, Flüstern, Licht an, Tasche kramen, Licht aus, die Decke glatt streichen, rumwälzen. Jungs dagegen: Türknallen, ins Bett werfen, schnarchen. Total erholsam.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Liebe Backpackertouristinnen, es macht gar nichts, wenn ihr schlaftrunken den Bürgersteig in der Friedrichstraße versperrt oder nach der Kneipentour erschöpft in einen Mülleimer auf der Oranienburger Straße kotzt. Wer übernächtigt ist, darf das.

„Hostel“ ab heute im Kino – Achtung, nur für Freunde des Genres geeignet! Freundliche Hostels in Berlin und auf der ganzen Welt findet man unter www.hostelworld.com.

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