Zeitung Heute : Zucht und Hoffnung

Als ihnen der Großvater das Land überlässt, sagt er: „Versucht es lieber mit Orangen.“ Doch Maria und Panagiota Vlachou beginnen, Schnecken zu züchten. Heute führen sie ein Unternehmen, das manchem in der griechischen Krise eine Perspektive bietet.

Die Schneckenköniginnen werden Maria (im Bild) und Panagiota Vlachou genannt – den Kriechtierchen sei Dank. Foto: Höhler
Die Schneckenköniginnen werden Maria (im Bild) und Panagiota Vlachou genannt – den Kriechtierchen sei Dank. Foto: Höhler

Der Weg zu Maria und Panagiota Vlachou führt in ein griechisches Krisengebiet. Verlassene Lagerhäuser, Schrotthalden und aufgegebene Werkstätten säumen den schmalen Weg, der am Stadtrand von Korinth vom Meer hinauf in die Hügellandschaft führt. Über allem thront auf einem 600 Meter hohen Tafelberg Akrokorinth, die Ruine einer mächtigen Festung aus der Antike. Vom „Goldenen Zeitalter“, als Korinth an Reichtum Athen und Theben nicht viel nachstand, ist heute hier unten nichts mehr zu ahnen. Rostige Getreidesilos und die Ruine eines Mühlenbetriebs ragen in den Novemberhimmel.

Ausgerechnet in dieser trostlosen Gegend, wo der wirtschaftliche Niedergang eines ganzen Landes exemplarisch zu besichtigen ist, suchen Woche für Woche Dutzende Griechen Hoffnung. Sie wollen einen neuen Start wagen. Und die Vlachou-Schwestern sollen ihnen dabei helfen. „Die Schneckenköniginnen“ nennt man sie in Griechenland, denn Maria und Panagiota „Penny“ Vlachou leiten eine Schneckenzucht.

Seit immer klarer wird, dass der Anbau von Tabak, Baumwolle oder Oliven künftig wegen ausbleibender Subventionen nicht mehr viel Gewinn abwerfen wird, ist die Schneckenzucht zu einem neuen Geschäftsmodell in der griechischen Landwirtschaft geworden.

Die Schwestern Vlachou führen den Besucher hinter das Gebäude. Was auf den ersten Blick wie ein Feld voller Unkraut aussieht, ist ein Schneckenparadies. Abertausende der Weichtiere, kleine und große, bevölkern scheinbar regungslos das grüne Blattwerk, das hier aus dem Boden wächst. Netze, die um das Feld gespannt sind, hindern die Tiere daran, im Schneckentempo das Weite zu suchen, und schützen sie vor Feinden wie Ratten und Schlangen. Regelmäßige Duschen aus einer Sprinkleranlage halten die Tiere bei Laune. „Schnecken mögen Regen“, erklärt Maria Vlachou, deren Unternehmensgeschichte eigentlich gar nicht hier in Korinth beginnt, sondern am Nikolaustag 2006 in einem französischen Restaurant in Zürich.

Maria Vlachou, eine vielgereiste, erfolgreiche Philologin, die nicht weniger als neun Sprachen spricht und zu der Zeit in Brüssel als Übersetzerin arbeitet, sitzt beim Abendessen, als ihr Handy klingelt. Es ist ihre Schwester, die aus Korinth anruft. „Ich habe gerade Schnecken bestellt“, sagt Maria, „die Portion kostet 38 Franken.“ Das sind knapp 32 Euro. Einen Augenblick herrscht Stille am Telefon. Dann sagt Penny: „Vielleicht sollten wir Schnecken züchten ...“

Die Idee war geboren, und sie ließ die Schwestern nicht mehr los. Penny recherchiert als Erstes im Internet, liest alles, was sie dort über die Schneckenzucht erfahren kann, besorgt sich Fachliteratur. Dann reisen die Schwestern nach Cherasco im Piemont, Italiens „Hauptstadt der Schnecken“. Dort belegen sie Kurse am Istituto Internazionale di Elicicoltura, dem Internationalen Institut für Schneckenzucht.

Im April 2007 erstellen Maria und Penny ihren ersten Businessplan. Der Großvater überlässt ihnen ein Stück Land, allerdings nur kopfschüttelnd: „Schnecken? Wollt ihr es nicht lieber mit Orangen versuchen?“ Der Vater bürgt für einen Bankkredit über 15 000 Euro, das Startkapital. Noch ist von der heraufziehenden Krise in Griechenland nichts zu spüren. Die beiden jungen Frauen wollen etwas Neues wagen. Sie handeln nicht aus Not, sondern aus purer Unternehmungslust – und sie ahnen nicht, dass ihr Geschäftsmodell Jahre später zur Hoffnungsperspektive für viele Griechinnen und Griechen werden wird.

Es ist ein kluger Plan, den die Vlachou-Schwestern entwerfen: Sie bringen anderen bei, wie man Schnecken züchtet, liefern Know-how und Ausrüstung, begleiten die Arbeit der Schneckenzüchter mit ständiger Beratung und Qualitätskontrollen. Im Gegenzug kaufen sie den Züchtern ihre Schnecken zu vertraglich garantierten Preisen ab und vermarkten sie international – ein Franchise-System. 70 Prozent gehen in den Export, an über 100 Hotels, Restaurants und Feinkostläden in Frankreich, Spanien, Italien und anderen Ländern. Einen Teil der Produktion verarbeiten die Schwestern in ihrer Firma Fereikos-Helix zu Konserven. „Mit sieben Vertragsabschlüssen hatten wir im ersten Jahr gerechnet, aber es wurden 20, im Jahr danach waren es bereits 78, und heute haben wir Verträge mit 168 Schneckenfarmen“, sagt Maria Vlachou.

Es werden ständig mehr. Jede Woche kommen rund 100 Interessenten nach Korinth. Leute wie der 25-jährige Nikos. Er ist an diesem wolkenverhangenen Novembertag von der Insel Euböa nach Korinth gefahren. In einem kleinen Konferenzraum verfolgt Nikos eine einstündige Power-Point-Präsentation. Er hat seine Eltern mitgebracht. Die Familie betreibt ein kleines Hotel auf Euböa. „Noch läuft das Geschäft einigermaßen, auch weil wir die Zimmerpreise gesenkt haben, aber wir wollen vorsorgen und uns in der Krise ein zweites Standbein schaffen“, sagt der Vater. Er ist sichtlich beeindruckt von der Präsentation und scheint sich schon mit dem Gedanken an eine Schneckenzucht anzufreunden. „Wir werden das jetzt im Familienrat besprechen und dann gemeinsam entscheiden“, sagt er. Vor allem seinen Bruder muss er noch überzeugen, denn dem gehört das Land, auf dem die Schneckenzucht stattfinden soll.

Das erste einstündige Seminar ist kostenlos, genauso wie die folgende individuelle Beratung. „Wir sehen uns die Lage der geplanten Schneckenfarm auf Google Earth an“, erzählt Penny Vlachou, „analysieren Boden- und Wasserproben, denn längst nicht jedes Stück Land ist geeignet.“ Die Schwestern setzen auf natürliche Aufzucht unter freiem Himmel, sie verzichten auf künstliches Futter ebenso wie auf Pflanzenschutzmittel. „Die Schnecken wachsen zwar langsamer, sind aber viel schmackhafter“, sagt Vlachou. Ständige Kontrollen sollen eine artgerechte und nachhaltige Aufzucht gewährleisten. Etwa einmal in der Woche inspizieren Mitarbeiter von Fereikos-Helix die einzelnen Schneckenfarmen. Nach einem Jahr sind die Tiere schließlich groß genug für den Verkauf.

Anfangs waren es vor allem Landwirte, die sich für die Schneckenzucht interessierten. „Aber inzwischen kommen immer mehr junge Leute aus den Großstädten, die ihre Jobs verloren haben und zurück aufs Land wollen“, sagt Penny Vlachou. Viele machten sich aber Illusionen. „Sie träumen von schnellem Reichtum und wissen nicht, dass schwere Arbeit auf sie wartet.“ Die Schwestern bieten neben kostenlosen Seminaren deshalb auch Schnupper-Praktika auf einer Schneckenfarm an. Da zeigt sich schnell, wer wirkliches Interesse hat. „Von 100 Interessenten springen 99 ab“, sagt Maria Vlachou.

Wer dabei bleibt, die Arbeit nicht scheut und ein Jahr finanziell überbrücken kann, das bis zur „Ernte“ der ersten Schnecken vergeht, kann von der Schneckenzucht leben. Für ein Kilo Schnecken kann der Züchter rund 3,80 Euro erlösen. „Ein Hektar Land bringt ungefähr einen Ertrag von 30 000 Euro im Jahr“, rechnet Maria Vlachou vor. Weil die griechischen Banken aber so gut wie keine Kredite mehr geben, ist der Start inzwischen schwieriger als früher, das Startkapital von mindestens 15 000 Euro muss der Schneckenzüchter in spe also meist selbst aufbringen. „Auch wir werden von der Krise gebremst“, sagt Vlachou. Das im Sommer bezogene neue Gebäude am Stadtrand von Korinth, die frühere Lagerhalle einer Molkerei, haben sie mit eigenem Geld gekauft, ohne Bankkredit. Da kamen jene 50 000 Euro gelegen, die Maria und Penny Vlachou im vergangenen Jahr gewonnen haben, ein Preis, den der Easyjet-Gründer Stelios Haji-Ioannou jedes Jahr für junge Unternehmer stiftet.

Die Arbeit haben sich die beiden ideal aufgeteilt: Die 32-jährige Maria fungiert in der gemeinsamen Firma als Geschäftsführerin, sie organisiert vor allem den Export, reist viel, um neue Kunden zu finden. Dabei kommen ihr die Sprachkenntnisse natürlich zugute. Das unternehmerische Talent hat sie wohl von der Mutter geerbt, die mehrere Firmen leitete. Penny kümmert sich vor allem um die Produktion, hält ständigen Kontakt mit den Züchtern. Während Maria Kochshows in Restaurants und Hotels veranstaltet, wo sie Schnecken-Rezepte präsentiert, sind der 30-jährigen Penny die Tiere inzwischen so ans Herz gewachsen, dass sie gar keine mehr essen mag.

Die Krise hat Griechenland inzwischen ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung gekostet. Sie habe aber auch neue Kräfte freigesetzt, meint Penny Vlachou: „Sie hat die Griechen neue Wörter gelehrt, Wörter wie Fleiß und Flexibilität, Kreativität und Kooperation.“ Maria sagt: „Die Griechen sind traditionell eigensinnige Einzelgänger, die alles selbst machen wollen und neidisch sind auf das, was der andere macht. Das beginnt sich zu ändern. Jetzt sagen vor allem immer mehr junge Leute: Lasst uns gemeinsam etwas versuchen!“

Auch deshalb ist das Geschäftsmodell der beiden Schwestern so erfolgreich. Allerdings: Wegen der Liquiditätsprobleme der griechischen Wirtschaft „wachsen auch wir nur noch im Schneckentempo“, sagt Maria Vlachou. Immerhin aber hat Fereikos-Helix keine Mitarbeiter entlassen müssen. Während andere Firmen Personal kündigen, haben sie jetzt sogar drei neue Stellen ausgeschrieben – und arbeiten an der nächsten Geschäftsidee: Die Schwestern planen, im Ausland eine Kette von Feinkostläden aufzuziehen, in denen sie außer Schnecken auch griechische Gewürze, Oliven, Marmelade, Käse und andere Bio-Delikatessen verkaufen wollen. Maria Vlachou weiß auch schon, wo sie den ersten Laden eröffnen möchte: in Berlin.

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