Zeitung Heute : Zuerst sterben die Palmen

Schmelzende Gletscher und schwindendes Polareis bedrohen die Südsee-Atolle, denn der Meeresspiegel steigt kontinuierlich an

Heiko Schwarzburger

Rostiges Eisen und Steinblöcke statt paradiesischer Strandidylle: Die Bewohner von Kiribati kämpfen mit archaisch anmutenden Mitteln gegen das Meer. Die Barrieren sollen verhindern, dass das Wasser die Strände frisst. Doch der Wasserspiegel um die Südsee-Eilande steigt pro Jahr um 25 Millimeter an. Das ist neu: Bis vor wenigen Jahrzehnten waren es jährlich nur zwei Millimeter.

Die Insulaner führen einen aussichtslosen Kampf. Denn die Industriestaaten pumpen unvermindert Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre und feiern den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens und Chinas als Fortschritt. Zwischen zwei und sechs Grad Celsius wird die Temperatur der Erdatmosphäre in den kommenden Jahrzehnten ansteigen, schätzen Forscher. Das Polareis und die Gletscher schmelzen. Sie lassen den Meeresspiegel bis 2025 um mehr als 20 Zentimeter ansteigen. Konservative Schätzungen sehen die Küsten und Inseln bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mehr als einen Meter überschwemmt. Andere Experten sprechen von mehreren Metern. Weil sich das Klima erwärmt, erwärmt sich auch das Wasser, es dehnt sich zusätzlich aus. Hinzu kommt, dass immer heftigere Stürme die Atolle in immer kürzeren Abständen verwüsten. Ein Report der Weltbank prophezeit: „Am Anfang des 21. Jahrhunderts stehen die Menschen im Pazifik vor einer Zukunft, die sich drastisch von ihrer Vergangenheit unterscheiden wird.“ Koloa Talake, ehemaliger Premierminister des Inselstaates Tuvalu, nennt die steigende Flut „eine langsame und heimtückische Form des Terrorismus.“ Er ist „zutiefst bestürzt, dass die Industrienationen unsere Sorgen nicht teilen.“

Das Tawara-Atoll beispielsweise, auf dem mehr als ein Drittel der rund 90 000 Einwohner von Kiribati lebt, wird bis 2050 zur Hälfte verschwunden sein. „Unser geliebtes Mutterland versinkt im Meer“, klagt Teburoro Tito, der frühere Präsident von Kiribati, aber seine Warnung verhallt ungehört. Ein zu kleiner Fisch in der internationalen Politik: Die 33 Atolle und Inseln seines Staates sind zusammengenommen kaum größer als Hamburg. Allerdings verteilen sie sich zwischen Hawaii und Australien auf eine Meeresfläche, die weitaus größer als die Europäische Union ist. Die Uno warnt davor, dass die Inselgruppe bis zum Ende des Jahrhunderts komplett versinkt, abgesehen von der Vulkaninsel Banaba, die 81 Meter aus dem Ozean ragt. Alle anderen Eilande liegen nur zwei Meter über dem Wasserspiegel.

Inselstaaten wie Samoa, Kiribati oder die Marshall-Inseln haben längst damit begonnen, ihre Landsleute auf höher gelegene Eilande umzusiedeln. Rund 2000 Bewohner der hufeisenförmigen Cartaret-Inseln vor Papua Neu-Guinea wurden bereits auf die Nachbarinsel Bougainville umgesiedelt. Die Regierung von Tuvalu beispielsweise hat Australien offiziell um Öko-Asyl für seine Bewohner ersucht. In 50 Jahren wird Tuvalu von der Erdkarte verschwunden sein. Was derzeit im Pazifik und im Indischen Ozean passiert, ist nur das Vorspiel zu einer ungleich größeren Tragödie. Sollte der Meeresspiegel tatsächlich um mehrere Meter ansteigen, sind weite Küstenstriche Amerikas, Asiens und auch Europas bedroht. Manhattan gerät unter Wasser, auch Los Angeles, Miami, Sao Paolo und Rio de Janeiro wären in Gefahr. Die großen Metropolen Asiens liegen fast ausnahmslos am Meer, etwa Karachi, Bombay und Madras in Indien. Shanghai, Hongkong, Singapur, Tokyo und Osaka – jede dieser Megastädte mit vielen Millionen Einwohnern benötigt gewaltige Deiche und Schutzbarrieren, wie sie seit einigen Jahren die Mündung der Themse sichern. Niemand weiß, wer das bezahlen soll. Niemand hat dafür ein Konzept.

Welche enormen Finanzmittel der Küstenschutz künftig verschlingen wird, zeigt eine Berechnung der Weltbank. Um die Schäden durch Fluten, Korallensterben und schwindende Fischbestände zu beseitigen, sind allein für das Tawara-Atoll bis 2025 jährlich zwischen sechs bis acht Millionen US-Dollar notwendig. Das entspricht etwa einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes von Kiribati.

Die Natur ist aus dem Gleichgewicht geraten, und die Insulaner der Südsee spüren dies zuerst. Die Atolle sind sehr fragile Gebilde, die höchstens fünf Meter über der Meeresoberfläche liegen. Die südpazifische Umweltorganisation SPREP weist darauf hin, dass der steigende Meeresspiegel nicht nur die Küsten frisst. Schon drückt vielerorts das Salzwasser in die flachen Süßwassertümpel der Atolle, verwandelt sie in ungenießbares Brackwasser. Die kargen Felder der Insulaner versalzen von unten her. „Zunächst sterben die Palmen, dann die Yamswurzeln der Farmer“, sagt der Ozeanexperten Jan Sinclair. „Der Boden verliert seinen Halt, er wird vom Wind und Regen weggespült. Jetzt steigt der Ozean langsam über die verbliebenen Korallenfelsen.“

Die rund 70 Mitarbeiter der Organisation haben ihren Sitz in Apia auf Samoa. Der frühere SPREP-Direktor Tomari Tutangata sagt: „Als Zehnjähriger habe ich mit Ehrfurcht aufs Meer geschaut, wegen des Fischreichtums, der uns ernährt hat. Wenn ich jetzt aufs Meer schaue, frage ich mich, wann es unsere Küsten überwältigen wird.“

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