Zeitung Heute : Zuflucht der Gezeichneten

In einem spanischen Dorf, hinter dicken Mauern, leben die letzten Leprakranken Europas. Ewig gemieden, finden sie hier Frieden

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An diesem Ort ist das Glück von einer Mauer umzingelt. Die Mauer, drei Meter hoch, drei Kilometer lang, ist aus unzähligen Steinen geformt. Sie zu errichten, hat sieben Jahre gedauert, und dass sich danach das Glück entschließen würde zu bleiben, war nicht ausgemacht.

Im Hinterland der spanischen Costa Blanca, in einem Dörflein namens Fontilles, ist Antonio Garcia wieder ein respektierter Mensch geworden. Und glücklich. Um das Glück zu spüren, reicht es manchmal schon, wenn der stattliche Mann, einen Meter neunzig groß, aus seinem Fenster blickt und seine weißen Haare in den Wind hält. Dann sieht er die mit Bäumen bewachsenen Berge, und wenn er den Kopf schief legt, kann er bis hinab aufs Meer gucken. Garcia, bald 80 Jahre alt, hat viel gelacht in seinem Leben, er hat viele Frauen geliebt, drei Kinder in die Welt gesetzt und ist so manche Nacht in Bars abgestürzt. Nur sein linker Fuß macht ihm immer noch zu schaffen, er war verfault, und die Ärzte mussten die Hälfte davon abnehmen. Und dann sind da noch seine Hände, mit den krummen Fingern, seltsam verformt und gefühllos, bewegen kann er sie kaum.

Antonio Garcia war ein Aussätziger, von seiner Familie und den Freunden verstoßen. Jetzt wohnt er zusammen mit 62 anderen Patienten im letzten Lepra-Sanatorium Europas. Garcia ist, wie alle hier, medizinisch geheilt. Niemand von ihnen kann einen gesunden Menschen anstecken, aber alle sind leprabedingt behindert. Sie sind verstümmelt oder entstellt. Aber das allein ist nicht das größte Handicap der Menschen von Fontilles. Bis heute haftet an ihnen das, was nicht zu heilen ist: der Makel des Aussätzigen. Antonio Garcia und die anderen würden das nie selbst sagen, sie erzählen ihre Geschichten nicht gern, und wenn doch, bleibt immer ein Geheimnis zurück.

Noch immer gibt es weltweit über eine halbe Million Lepra-Patienten. Allein 2004, schätzt die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, seien sogar bis zu 800 000 Neuerkrankte hinzugekommen, vor allem in Brasilien und Indien, wo die hygienischen Verhältnisse oft schlecht sind. Lepra ist heutzutage zwar leicht mit einem Antibiotikum zu heilen, aber nur, wenn das Bakterium Mycobacterium leprae früh entdeckt wird. Zwei bis vier Millionen Menschen sind aufgrund der Krankheitsfolgen behindert, einen Impfstoff zur Prävention gibt es nicht. Durch den Befall der äußeren Nervenzellen wird zuerst der Tastsinn eingeschränkt, was oft zu Verbrennungen und Verletzungen führt. Haut und Schleimhäute können zerstört werden, der Kranke kann, wenn er nicht behandelt wird, auch erblinden.

An der Costa Blanca, der spanischen Ferienküste, machen sich Hotels und Bungalowanlagen breit. Nach Fontilles verirrt sich nur selten jemand. 1000 Meter über dem Meeresspiegel ist die Luft rein, Stille herrscht. Kurz hinter dem Eingang, einem einsturzgefährdeten Tor mit Schranke, eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf einen Ort, der geeignet ist, um in die Abgründe der Vergangenheit zu schauen. Das Dorf, knapp 100 Jahre alt, sieht aus wie eine mittelalterliche Festung, und alle Nachbarn wollten verhindern, dass es jemals existiert.

Das größte Haus, quadratisch, mit vier Türmen veredelt, beherbergt das Sanatorium. Der Innenhof ist verglast, die Flure sind blank geputzt, es riecht wie im Krankenhaus. Eine Frau sitzt im Rollstuhl im Gang, ihre Nase fehlt, in einem Zimmer schreit ein Mann vor Schmerzen, Antonio drückt auf den Knopf des Fahrstuhls. Er wohnt im ersten Stock.

Als die Krankheit von ihm Besitz ergreift, ist Antonio Garcia 19 Jahre jung und ein hübscher Bursche. Er lebt in Almeria, im Süden Spaniens. Er will Koch werden, aber er fühlt sich nicht so, wie ein junger Mann sich fühlen sollte, voller Kraft und Tatendrang, sondern müde und schlapp. Er kann es sich nicht erklären. „Den ganzen Tag hätte ich herumsitzen können.“ Seine Haut verändert sich und bekommt hässliche Flecken, seine Gliedmaßen werden gefühllos. Irgendwann stellt der Arzt Lepra fest, und Antonio Garcia denkt: „Das ist mein Tod.“

Lepra ist bis heute ein Tabu. Menschen ekeln sich vor Leprakranken, vor ihren geröteten Flecken, der von großen Knoten durchsetzten Haut. Schon in der Bibel, Drittes Buch Mose, Kapitel 13, steht geschrieben: „Und wenn der Priester die Stelle an der Haut sieht, dass die Haare dort weiß geworden sind und die Stelle tiefer als die übrige Haut, so ist es eine aussätzige Stelle. Wenn der Priester das an ihm sieht, soll er ihn unrein sprechen.“ Und weiter: „Wer nun aussätzig ist, soll rufen: Unrein! Unrein! Und solange der Aussatz an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung außerhalb des Lagers sein.“

Jesus Christus ignorierte Moses und stieg zu den Leprakranken hinab in ihre Höhlen, aber von dieser Art der Solidarität wollte man im Mittelalter wenig wissen. 1179 beschloss das III. Laterankonzil, den Umgang mit Leprakranken strikt zu verbieten, sie mussten ein kuttenähnliches Gewand tragen, die Leprosentracht, und mit Tönen auf sich aufmerksam machen, mit der Siechenschelle oder dem Leprosenhorn. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Europa immer noch mehrere Millionen Betroffene, in den 50er und 60er Jahren bestimmten Filme wie „Ben Hur“ das Bild vom aussätzigen Leprakranken. Noch 1995 zeigte Mel Gibson in seinem Film „Braveheart“ das Fortschreiten der Krankheit als Metapher für das Fortschreiten des Bösen.

Nach Fontilles, erzählen die Schwestern des Franziskanerordens, der seit Anfang des letzten Jahrhunderts hier Dienst am Menschen tut, kommen manchmal Touristen. Sie steigen meist mit offenen Mündern aus ihren Autos aus, weil die Anlage mit der kleinen Steinkirche und dem winzigen Fußballplatz so ungewöhnlich schön erscheint. Dann spazieren sie über verwitterte Wege, wagen sich auf eine mit Unkraut bewachsene Veranda und gucken durch staubige Scheiben in eine scheinbar verlassene Welt. Die Touristen fragen, was dieser Ort sei, und die Franziskanerinnen antworten wahrheitsgemäß. Dann fahren die Besucher schnell davon.

Antonio Garcia sitzt in seinem Schaukelstuhl und erzählt aus seinem Leben. Als die Krankheit sich mit Macht in ihm austobt, sagt er, habe er drei Monate lang nicht schlafen können. Wenn ihm ein Detail wichtig erscheint, bebt seine Stimme und lässt die großen Ohrläppchen schaukeln. Unter seinem aufgeknöpften Hemd schimmern Narben. Am linken Fuß, der jahrelang schmerzte und jetzt keine Zehen mehr hat, trägt der alte Mann einen Wanderstiefel. In seinem kleinen Raum, mit behindertengerechtem Bad, stehen Kühlschrank, Holztisch, Holzbett. An der Wand hängen Fotos von Menschen, die Antonio Garcia mag: Kinder von Angestellten, Freunden aus der Klinik, Ärzten. Von seiner Familie, der Frau und den Kindern, gibt es kein Foto.

Warum hängt hier kein Foto Ihrer Familie, Señor Garcia? Schweigen. Hat die Familie Sie schlecht behandelt? Schweigen.

Nach einer Weile beginnt der alte Herr dann doch zu erzählen. In den 60er Jahren steht er unten im Nachbardorf an der Haltestelle, der Bus kommt vorbei, der Fahrer öffnet die Tür, sieht ihn, den Leprakranken, und fährt weiter. Garcia, sonst ein ruhiger Mensch, ist außer sich, er tobt und flucht. Er ist verletzt, fürs Leben. Heute sagt er: „Ich werde das nie vergessen. Nie. Und ich steige seitdem in keinen Bus von diesem verdammten Unternehmen.“ Man ahnt, dass die Geschichte etwas zu tun haben muss mit seiner Familie, dass sie ihn hat sitzenlassen wie der Fahrer.

Ein Stockwerk unter Garcias Zimmer sitzt sein Arzt und sichtet Fotos von Lepraerkrankungen. José Ramón Gómez, 45, ist ein nervöser Mann. Das liegt auch daran, dass er ständig unterwegs ist in der Welt, um die Lepra zu bekämpfen. Im Februar noch muss er nach Papua-Neuguinea, im März nach Angola, dann weiter nach Mosambik, Nicaragua, Äthiopien. Gómez, seit 1986 Klinikleiter von Fontilles, sagt, die Krankheit sei nicht sehr aggressiv, aber sie kann tödlich enden. „Bedenken Sie“, ruft der Engagierte, „lange vor Christus gab es die Krankheit schon, aber erst 1941 hat die Medizin das erste Gegenmittel entdeckt.“ Bis zu diesem Jahr sind Millionen Menschen elendig verreckt.

Im Mund von Gómez klaffen Zahnlücken, aber sie sind nicht der Grund dafür, dass der Mediziner vor Fremden selten lacht. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen außerhalb der Welt der Lepra nicht wirklich wissen wollen, was in ihr geschieht. Gómez weiß sehr genau, warum Antonia Garcia einsilbig wird, wenn es um seine Familie geht. Viele Familien wissen nicht, dass ihre Angehörigen hier sind, manchmal nicht einmal die Ehefrauen. Und die Bewohner von Fontilles wollen auch nicht, dass sie es wissen. Einmal, erzählt Gomez, referierte ein Patient seine Lebensgeschichte vor Medizinstudenten. Mitten in der Geschichte stockte der Mann plötzlich und fragte, ob jemand aus seinem Dorf stammt. Eine junge Frau hob die Hand und sagte, sie komme aus dem Nachbardorf. Der Patient stand auf und schrie: „Wenn du meiner Frau etwas sagst, bring ich dich um.“

Der Arzt, die Franziskanerinnen und Jesuitenpater José Luis Beneyto Gasset sind die einzigen Menschen, denen die Patienten vertrauen. Beneyto, ein herzlicher Mann ohne Allüren, sagt zwar, im Gegensatz zu früher habe sich viel verbessert, heutzutage werde niemand mehr ausgegrenzt, aber im Prinzip stimmt das nicht für die Menschen von Fontilles. Sie sind im Durchschnitt 71 Jahre alt, und viele leiden noch immer unter der erfahrenen Ablehnung, haben Depressionen, Albträume. Und manchmal, weiß der Pater, werden sie bitter und sagen: „Fontilles wartet doch nur auf unseren Tod.“

Wer würde nicht bitter werden, wenn selbst die Jugendlichen in den Nachbardörfern sich wie unwissende Touristen benehmen. Kürzlich, erzählt der Pater, kamen ein paar junge Erwachsene mit einem schicken Sportwagen vorgefahren, die Mädchen kicherten, die Jungs klopften Sprüche, „aber sie wussten nicht, wer hier oben wohnt“. Beneyto machte sich einen Spaß und erzählte den Besuchern mit ernster Miene, was hier vor sich gehe und dass er sie zu den Leprakranken einlade. Einige folgten zögerlich, als sich der Pater umsah, fehlte ein Teil der Gruppe. Der saß im Auto und hielt Sicherheitsabstand.

100 Jahre Fontilles haben nicht gereicht, in der Nachbarschaft die Vorurteile abzubauen und die Unkenntnis zu beseitigen. Und was für die Menschen in der Umgebung gilt, gilt auch für den großen Rest der Gesellschaft in aller Welt.

Als sich 1901 zwei Männer der Umgebung anschickten, an diesem Ort eine Lepra-Klinik zu errichten, wütete die Seuche in Spanien und den umliegenden Bergdörfern. Aber die Gesunden hatten Angst und wollten die Klinik verhindern, so dauerte es acht Jahre, bis das erste Haus stand. Heute sind es 35 Gebäude, die auf 700 000 Quadratmetern stehen, die meisten sind verwaist und baufällig. Die Mauer musste schließlich gebaut werden, als die anderen Dörfer aus Panik vor den Kranken immer bedrohlicher protestierten. 1923 begann man mit der Arbeit, und als die Mauer 1930 stand, gab sie vor allem den Bewohnern von Fontilles ein Gefühl von Sicherheit. Draußen wurde die Angst nicht kleiner.

Antonio Garcia ist seit 1966 in Fontilles, er kennt noch die Zeiten, als es in den Dörfern Restaurants getrennt für Kranke und Gesunde gab. „Wir haben es uns nicht nehmen lassen, auszugehen und frei zu sein, wir waren ja jung.“ Fontilles war immer das Zuhause der Kranken, jetzt ist es das Zuhause der Geheilten. Ein Zuhause, in dem Garcia lässig mit dem eigenen Moped umherfährt und sich freut, wenn seine Wildschweine Nachwuchs bekommen. Er sagt: „In diesem Haus haben wir Ordnung, Disziplin und eine Administration, der wir unterworfen sind, aber es ist unser Zuhause.“

Pünktlich um 13 Uhr gibt es in zwei schmalen Sälen Mittagessen. Manche kommen im Rollstuhl herein, andere benutzen Krücken, den meisten sieht man die Folgen der Krankheit nicht an. Sie sitzen zu zweit oder zu dritt an quadratischen Holztischen, schweigend, aber wenn einer mal einen Spruch macht, wird auch gelacht. Die Franziskanerschwestern servieren Salat, Suppe mit Erbsen, Mais und Fleisch, ein Stück Tortilla und zum Nachtisch süße Melone. Für Gäste gibt es ein Glas Rotwein. Wenn Antonio aufgegessen hat, klettert er auf sein Moped und fährt ein paar Meter hinunter zur hauseigenen Bar. Dort spielt er mit anderen Patienten stundenlang Rummycup und bewegt die Spielsteine konzentriert, bis sie die richtigen Kombinationen ergeben.

In der Bar erzählen sie manchmal von früher, aber die schmerzhaften Erinnerungen werden ausgelassen. Der Barkeeper, 69, selbst ein Patient, ist verheiratet, hat fünf Kinder. Seine Frau lebt mit ihm in Fontilles, sie hatte Lepra wie er, beide lernten sich in einer Klinik in Madrid kennen. Sie sind geheilt, man sieht äußerlich keine Spuren. Die Kinder wissen bis heute nicht, dass ihre Eltern sehr krank waren, und glauben, Fontilles sei eine Seniorenresidenz.

Ein anderer, 85 Jahre und klein wie ein Kind, war Pfarrer in Andalusien. Als die Krankheit ausbrach, glaubte die Gemeinde, ihr Pfarrer sei vom Teufel besessen, und vertrieb ihn. Ein Dritter lebte 35 Jahre in Brasilien, seine Fleischerei ernährte ihn gut. Aber seinen Lebensabend wollte er im heimatlichen Spanien verbringen. In Zaragoza, wo der Mann geboren war, erzählt der Arzt von Fontilles, gab es noch nie einen Lepra-Fall. Dann brachte der Heimkehrer die Seuche mit, erkrankte und beschloss, heimlich nach Fontilles zu flüchten. Seine Familie, fünf Brüder, wissen von nichts. Er hat entschieden, hier zu sterben. „Ich bin gekommen, und da bin ich. Und ich bin zufrieden, was will ich mehr?“

Einst lebten über 400 Leprakranke in Fontilles, es gab ein Theater, ein Kino, Waschhäuser und Viehzucht, Orangenhaine wurden angelegt, und jeder Kranke, der arbeiten konnte, wurde eingesetzt: in der Landwirtschaft, als Gärtner oder in der hauseigenen Druckerei und der Schlosserei. Das Dorf war autark, doch nach und nach starben die Menschen an völlig normalen Krankheiten oder weil sie alt waren. 62 sind noch übrig, davon sieben Paare, die in einem eigenen Haus wohnen. Sie alle werden rundum betreut, 24 Stunden ist jemand ansprechbar. Und wie schon vor 100 Jahren muss niemand etwas bezahlen, 25 Prozent der Kosten übernimmt die Provinz Valencia, 75 Prozent werden durch Spenden aufgebracht.

In der Bar, wo Antonio gerade die Runde Rummycup gewonnen hat, sind sich alle einig. Fontilles ist ihr Zuhause und nicht die Orte, aus denen sie stammen, nicht ihre Familien oder Freunde von früher. Und wer sagt denn, dass dieses Zuhause weniger wert sein soll als das Zuhause der Menschen, die dies alles haben? Spätes Glück ist immer noch Glück. Wie hatte Garcia gesagt, als er in seinem Schaukelstuhl lehnte: „Glücklich kann man überall sein.“

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