Zeitung Heute : Zug fahren mit Riesenhut und Bierfass

Philipp Köster bricht eine Lanze für polnische Fans

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Zugfahrten mit Fußballfans sind ein zweifelhaftes Vergnügen, ich spreche da aus Erfahrung. Gerne wird volltrunken in die Gepäckanlage geklettert, die Schaffnerkabine mit der Zugtoilette verwechselt und die Notbremse als Souvenir abgeschraubt. Insofern hatte ich leise Bedenken, als ich am Freitag um 13.08 Uhr am Berliner Hauptbahnhof in den Entlastungszug nach Gelsenkirchen zum Spiel Polen gegen Ekuador stieg. Würden polnische Rüpel mit ihren Fahnenstangen den Zug entgleisen lassen? Oder deutsche Hooligans Klimmzüge an der Notbremse machen? Nichts von alledem, es wurde eine gemütliche Familienfahrt. Statt kahlgeschorener Krawallbrüder aus Krakau saßen nämlich gediegene Familienväter mit Janosch-Bärten, roten Polska-Trikots und kleinen Kindern im Großraumwagen. Gleich nebenan schliefen vier üppig tätowierte Engländer aus Brighton ihren Rausch aus. Und das, obwohl doch angeblich gerade englische und polnische Anhänger gar nicht darauf warten können, sich gegenseitig zu vermöbeln.

Einen Waggon weiter saß ebenfalls eine bunte Mischung. In der ersten Sitzreihe drei tschechische Fans, die eine Zigarettenmarke rauchten, die sicher demnächst unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt. Dahinter eine patente Oma ohne Interesse am Fußball, aber mit dem obligatorischen, gepellten Ei in der Hand. Und schließlich eine Batterie deutscher Anhänger mit ulkigen Riesenhüten in Schwarz-RotGold und sprudelndem Bierfass.

In Hamm war plötzlich Schluss. Signalstörung, 45 Minuten Wartezeit. Die polnischen Papas, die tschechischen Kettenraucher, die deutschen Riesenhüte verließen gemeinsam und gesittet die Bahn. Die Notbremse blieb ungezogen.

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