Zeitung Heute : Zug um Zug auf Tempo 230

Der Tagesspiegel

Die Bahnreisenden müssen sich in den nächsten drei Jahren auf der Strecke Berlin-Hamburg auf längere Fahrtzeiten einrichten, bis der Reiseweg – wie von Bahnchef Helmut Mehdorn versprochen – in gut eineinhalb Stunden bewä ltigt werden kann. Am 3. März beginnt eine zweite Ausbaustufe, die zunächst nicht geplant war. Ende 2004 will die Bahn die Züge auf der 292 Kilometer langen Strecke mit Tempo 230 fahren lassen. Etwa 700 Millionen Euro wird der Ausbau kosten. Davon fehlen in der Finanzplanung aber noch rund 100 Millionen Euro. Werden sie nicht aufgebracht, kann Mehdorn sein Verspechen nicht einhalten; die Züge werden ein wenig länger brauchen.

Nach dem im Februar 2000 verkü ndeten Aus für den Transrapid zwischen Berlin und Hamburg, hatte der Bahnchef versprochen, beide Städte in 90 Minuten über herkömmliche Schienen zu verbinden. 93 bis 95 Minuten werden es nach Angaben von Planern am Ende werden. Die Magnetbahnplaner hatten mit Fahrtzeiten von etwa 60 Minuten in Aussicht gestellt.

Ausgebaut sind die Gleise derzeit nur für Tempo 160. Um Hamburg in eineinhalb Stunden erreichen zu können, muss die Bahn Neuland betreten. Geschwindigkeiten über 200 km/h sind bisher nur auf Neubaustrecken zulässig. In den 1990 beschlossenen Verkehrsprojekten Deutsche Einheit war der Ausbau der Hamburger Strecke für Tempo 200 vorgesehen, die Bahn beschränkte sich dann jedoch auf den Standard für 160 km/h, nachdem die damalige CDU/FDP-Bundesregierung festgelegt hatte, zwischen Berlin und Hamburg den Transrapid schweben zu lassen – als Konkurrent zur Bahn.

Dies Bahn hätte dann ihren Schnellverkehr auf der parallelen Schiene eingestellt. Trotzdem kostete auch der abgespeckte Ausbau, der in vielen Bereichen einem Neubau auf der vorhandenen Trasse entsprach, rund 2 Milliarden Euro. Bei der Eröffnungsfahrt im Mai 1997 fuhr der ICE dann sogar schneller als geplant und zeigte so, welches Tempo auch auf der Schiene möglich ist.

Gespart hatte man sich den Ersatz von Bahnübergängen durch Brücken oder Unterführungen, wie sie nur für 200 km/h- Strecken vorgeschrieben sind. Jetzt muss dieses Programm nachgeholt werden. 48 Übergänge stehen nach Angaben von Michael Baufeld, dem Sprecher von DB Verkehrsbau, auf der Liste. Einige werden aber ganz aufgegeben, wenn es eine zumutbare Ersatzlösung gibt. Allein der Umbau der Übergänge wird rund 200 Millionen Euro kosten; viele Kommunen an der Strecke wären finanziell betroffen. Denn bei Gemeindestraßen müssen sie ein Drittel der Kosten übernehmen. Nach dem Gesetz teilen sich die Bahn, der Bund und der so genannte Straßenlastträger die Kosten. In Brandenburg wollen die Gemeinden zumeist nichts zahlen; die Bahn müsste sie dann verklagen. Bahnsteige, die von den Zügen in hohem Tempo passiert werden, müssten zudem sicherheitstechnisch nachgerüstet werden.

Gebaut wird ab Montag meist zeitgleich an mehreren Abschnitten. 40 Kilometer sind nur eingleisig zu befahren. Fahrgäste im Regional-Express RE 4 von und nach Wittenberge müssen in Nauen den Zug wechseln. Im Fernverkehr will die Bahn zunächst abwarten, ob es zu gravierenden Verspätungen kommt. Klaus Kurpjuweit

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