Zeitung Heute : Zug um Zug

Michael Dümchen hat sich auf den An- und Verkauf von Modellbahnen spezialisiert Seine Kunden werden manchmal von ihren Frauen so eingeschüchtert, dass sie um eine neutrale Tüte bitten

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Von Sebastian Leber Doch, manchmal kommen auch Frauen zu ihm in den Laden. Aber nicht, weil sie sich für Modelleisenbahnen interessieren, sondern weil sie dringend ein Geschenk suchen – für ihren Mann, Freund, Vater oder Bruder. Aus freien Stücken betritt kaum eine Frau sein Geschäft, grinst Michael Dümchen.

Der 40-Jährige ist Inhaber von „Totos Eisenbahnladen“, einem An- und Verkaufsgeschäft in der Pestalozzistraße. Dümchen handelt mit Bahnen in zehn verschiedenen Maßstäben, hat hunderte Loks und Waggons im Sortiment, außerdem Schienen, Trafos, Kabel. Und natürlich Unmengen von Zubehör, das eine Modellbahn-Landschaft erst realistisch aussehen lässt: Miniatur-Bäume, Häuser, Kirchtürme, Windkrafträder, Bushaltestellen, Hundehütten, Menschen, Tiere. Das Angebot scheint unüberschaubar. Dümchens Kunden wissen manchmal besser Bescheid als er selbst – etwa weil sie sich auf bestimmte Züge aus bestimmten Jahrzehnten spezialisiert haben. „Im Extremfall müssen die Sammler 30 Jahre lang intensiv suchen und haben am Ende doch nur 20 Loks zusammen“, sagt Dümchen.

Er interessiert sich privat nicht für Modellbahnen. Auch als Kind hat er nie mit einer gespielt. Die Idee, hauptberuflich damit zu handeln, hatte sein älterer Bruder: Der hielt sich eine Zeit lang damit über Wasser, dass er auf Flohmärkten gebrauchte Fernseher verkaufte. Bis ihn eines Tages ein Freund bat, ein paar alte Modellbahnen mitzuverkaufen. „Da hat mein Bruder gemerkt, dass man mit Eisenbahnen gutes Geld verdienen kann“, sagt Dümchen. „Und dass die viel einfacher zu transportieren sind als Fernseher.“ Inzwischen betreiben alle drei Söhne der Familie eigene Miniatureisenbahn-Geschäfte in Berlin. Michael besitzt gleich mehrere: das in der Pestalozzistraße, eines in der Nürnberger Straße und eines in der Miniaturwelten-Ausstellung Loxx in der Meinekestraße.

Das Sammeln von Modellbahnen kann großen Spaß machen. Aber auch unglücklich. Bei manchen Kunden entwickelt sich die Sammelleidenschaft mit den Jahren zur Sucht: „Die steigern sich so stark in ihre Miniaturwelt rein, dass sie bald alles andere vergessen. Leider auch, sich regelmäßig zu waschen.“ Zum Glück sei das die Ausnahme. Als „gesündeste Form des Modellbahn-Sammelns“ sieht Dümchen das „klassische Vater-Sohn-Hobby“. Sich zusammen für etwas zu begeistern, an der Anlage herumzubasteln und Kataloge zu wälzen – „was will man mehr?“ Gleichzeitig erfahre der Sohn eine Menge über Elektrik und Mechanik. „Und er kann seine kreative Seite ausleben, ohne häkeln oder stricken zu müssen.“ Stress gibt es dagegen, wenn die Ehefrau kein Verständnis für das Hobby ihres Mannes hat: Manche Kunden seien so von ihren Frauen eingeschüchtert, dass sie sich nur noch heimlich in „Totos Eisenbahnladen“ trauten. „Und an der Kasse bitten sie um eine neutrale Tüte, die sie nicht verrät.“

Einmal hat es Dümchen aber auch andersrum erlebt. Da kam Calista Flockhart alias Ally McBeal, Hauptdarstellerin der gleichnamigen Fernsehserie. In ihrem Schlepptau: Hollywood-Star Harrison Ford, Flockharts Verlobter. Die Schauspielerin habe sich interessiert im ganzen Geschäft umgesehen und am Ende eine „Gartenbahn-Lok“ gekauft, erzählt Dümchen. Allerdings nicht für sich, sondern für ihr Patenkind. Ein Junge, natürlich.

Totos Eisenbahnladen, Pestalozzistraße 28, hat Mo.-Fr. von 12.30 Uhr bis 18.30 Uhr und Sa. von 10 bis 15 Uhr geöffnet.

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