Zuhause : Aus der Wüste geschickt

Negev – eine sandige Weite in Israel und Heimat von Nomaden, bis Staatsgrenzen gezogen wurden. Statt in Zelten wohnen sie in Häusern, und nur die Alten vermissen das Leben unter freiem Himmel

David Schelp
Beduinen-Junge Muhamad ist schon in der Stadt geboren.
Beduinen-Junge Muhamad ist schon in der Stadt geboren.Foto: David Schelp

Abends, wenn es dunkel wird in Rahat, sitzen sie in kleinen Grüppchen im Innenhof beieinander, die vier Generationen der Familie Alkrenawi. Sie trinken süßen Tee, essen Obst und unterhalten sich: Alt und Jung, Wüstenmenschen und Stadtkinder. Jabir, 34, diskutiert mit seinen Brüdern die Akkulaufzeiten verschiedener Smartphone-Modelle. Die Ehefrauen, einige arbeiten als Lehrerinnen in den Schulen der Stadt, erzählen lachend von der Arbeit.

Sabiha Alkrenawi, mit 82 Jahren die Älteste, sitzt für sich allein, dort, wo früher ihr Zelt im Innenhof stand. Ihre weiße Haut und das Kopftuch leuchten im Licht der Laternen. Damit sie nicht einsam ist, schickt Jabir eine ihrer Urenkelinnen zu ihr. Mit an den Körper gezogenen Knien lauscht das Mädchen den Geschichten der Alten. Wenn die Kinder sie schon nicht mehr bewohnen können, möchte Sabiha sie zumindest in ihre Köpfe nach Rahat holen: die Zelte und die Wüste.

Sabiha hat gebettelt und geweint, hat geschrien, dass sie so nicht leben wolle, doch es hat nichts genützt. Ihren Kindern und Enkeln hat es das Herz gebrochen. Aber sie haben sich Sorgen gemacht: Sie sei alt und krank, haben sie Sabiha gesagt, so könne sie nicht mehr leben! Sie haben das Zelt vor zwei Wochen abgebaut. Das Leben ihrer Jugend war endgültig vorbei.

„Großmutter ist hier nie wirklich angekommen“, sagt Jabir Alkrenawi, 34, ihr Enkel. „Alles, was früher war, war besser“, antwortet Sabiha leise. Es war ein ursprüngliches, beschwerliches Leben, das sie in der Wüste Negev im Süden Israels führte. Aber Sabiha und ihr Mann fühlten sich frei. Sie hatten einander, 70 Schafe und Ziegen, fünf Kühe, zwei Kamele, einige Hühner. Genug, um sich und die Kinder zu ernähren. Im Sommer schlugen sie an diesem und im Winter an jenem Ort ihr Lager auf, während die Jungen die Herden dorthin trieben, wo gerade Gras wuchs. Seit über 7000 Jahren hatten die Beduinen in dieser Region das so getan, lange bevor sich Regierungen um das Land streiten sollten, das sie ernährte.

Als in der Negev-Wüste Staaten gegründet wurden, war sie nicht mehr nur sandige Weite, sie war nun von unsichtbaren Grenzen durchzogenes Land, 12 000 Quadratkilometer große Einöde, um das sich Israelis und Palästinenser bekriegten. Stacheldraht durchschnitt die alten Routen der Beduinen. Ihre Weidegründe lagen plötzlich in militärischem Sperrgebiet. In den 70er Jahren baute Israel eine Reihe gesichtsloser Städte in den Wüstensand. Etwa die Hälfte der heute knapp 160 000 Negev-Beduinen wurde dort angesiedelt. Oft gegen ihren Willen. Bulldozer der israelischen Armee hatten ihre Lager, ihre nicht anerkannten Dörfer, wieder und wieder abgerissen.

Auch zu den Alkrenawis kamen Soldaten in olivgrünen Militärjeeps. Sie erklärten, dass die etwa 3000 Hektar, auf denen ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten gewandert waren, nun dem Militär gehörten. Die Familie musste gehen und strandete 1982 in Rahat. Als sie in der Stadt ankam, lebten hier 5000 Menschen. Heute hat Rahat 50 000 Einwohner und ist die größte Beduinenstadt der Erde – ein hässliches Chaos achtlos zusammengewürfelter Betonklötze.

Das ist die Heimat der Alkrenawis: ein Zuhause wider Willen, in dem sie sich trotz allem gut eingerichtet haben. Sie waren unter den Ersten, die man aus der Wüste hierher geschickt hat. Gewissermaßen hatten sie Glück, weil sie noch eine der größeren Parzellen ergattern und komfortablere, schönere Häuser bauen konnten als die Beduinen, die erst später kamen. So konnten die Alkrenawis zusammenbleiben, das war das Wichtigste. „Die Familie ist für uns Beduinen das Zentrum“, sagt Jabir, „die Basis, von der aus wir leben.“

Die Familienälteste, Sabiha Alkrenawi, hat ungewöhnlich helle Haut, trägt ein weißes Kopftuch und die schwarze, bunt bestickte Tracht der Beduinenfrauen. Zu ihren Füßen liegen der alte Stahlofen und der Mahlstein, mit dem sie noch vor kurzem Korn zu Mehl zerrieb, auch der Teppich, für den sie vor über 50 Jahren dunkles Ziegenfell und helle Schafwolle miteinander verwoben hat. Zeugen eines Lebens, um dessen letztes Überbleibsel Sabiha so verbissen gerungen hat: das Zelt.

Ihre Kinder hatten es im Innenhof für sie aufgeschlagen, weil sie sich nach dem Umzug in die Stadt geweigert hatte, ein Haus aus Stein zu beziehen. Ihre Söhne spannten schwarze Bahnen aus verarbeiteter Ziegenhaut, die ihre Großmutter im Winter vor Kälte und Wind schützen und ihr im Sommer Schatten spenden sollten. Wenn es ihr dennoch zu heiß wurde, bat sie die Jungen, ihr Bett in den Hof zu rücken. Nicht einmal das Zeltdach kam dann zwischen sie und den Nachthimmel.

Im Innern bot das Zelt etwa 25 Quadratmeter Raum. Dünne Matratzen und bunte Teppiche bedeckten die steinige Erde. Der Geruch von Kardamonkaffee, dem kräftig gewürzten Trank der Beduinen, hing in der Luft. Im Zentrum stand der Ofen, auf ihm stets die gusseiserne Kanne, aus der Sabiha jedem, der sie besuchte, ein Glas Tee einschenkte. Nachts warf die Glut ein rötliches Licht an die Zeltwände und zeichnete Schatten in das Gesicht der alten Frau. Drei Jahrzehnte hat Sabiha Alkrenawi in diesem Zelt links neben der Eingangspforte wie in der Vergangenheit gelebt.

Sabihas Söhne haben vier Häuser um den Innenhof gebaut, in dem auch das Zelt der Mutter stand. Insgesamt 48 Personen wohnen heute hier, von der Großmutter zur Urenkelin. Wer Familie Alkrenawi besucht, versteht, wie sich das Leben der Beduinen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Er trifft Sabiha, im Zelt geboren, aufgewachsen in der Negev-Wüste, in der sie auch ihre Kinder zur Welt brachte. Er spricht mit Muhamad, 57, Sabihas ältestem Sohn, der unter den ersten Beduinen Israels war, die es auf die Universität geschafft haben. Er hört dessen Sohn Jabir, wie er in fließendem Deutsch von seinem Medizinstudium in Münster erzählt, von kalten, einsamen Wintern, weit weg von der Wüste.

Und er sieht Jabirs Sohn Muhamad, 5, wie er im Schalke-Trikot mit anderen Kindern Fußball spielt. Ein Schreibtisch mit Computer und DSL-Anschluss steht in seinem Kinderzimmer, gleich neben dem Bett, in dem er unter rot-weißen Spiderman-Bezügen schläft. Muhamad der Jüngere, einer der ersten Alkrenawis, denen die Wüste fremd und Rahat Zuhause ist.

In einem Verschlag im äußersten Winkel des Grundstücks hält seine Urgroßmutter Sabiha noch heute Ziegen. „Ich habe mein Leben lang Ziegen gezüchtet“, sagt sie. „Sie gehörten zur Familie für uns, haben uns ernährt – wie könnte ich sie jetzt im Stich lassen?“ Wie schon das Zelt, in dem sie bis vor 14 Tagen schlief, sind auch die Tiere ein Versuch, ein Stück alter Heimat in die fremde Stadt zu retten. „Wenn du durch Rahat fährst und irgendwo ein Zelt im Häusermeer siehst, weißt du, dass dort einer der Alten wohnt“, sagt Jabir.

Doch man sieht sie immer weniger. Mit den Zelten verschwindet das Wissen über die eigene Geschichte. Die Jungen kennen das Leben ihrer Vorfahren nur aus Erzählungen. Sie haben Respekt davor, wie noch ihre Großeltern ohne Strom und fließend Wasser leben konnten, Felder ohne Maschinen beackerten, die kalten Nächte und heißen Tage der Wüste ohne Klimaanlage durchstanden. Aber selbst so leben wollen sie nicht. „Mit drei Jahren bin ich in die Stadt gekommen“, sagt einer von Jabirs Brüdern. „Ich bin in einem Haus groß geworden und möchte weiter in Häusern leben. Rahat ist mein Zuhause.“

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