ZUHAUSE : Eine runde Sache

In Rundlingsdörfern schlossen sich früher Siedler zusammen. Das können wir auch, sagten sich Dresdner und bauten ihre Häuser nun um einen Innenhof

Getrennt und doch zusammen leben die Bewohner des Rundlings, der auf einer kleinen Anhöhe in Dresden-Coschütz liegt.
Getrennt und doch zusammen leben die Bewohner des Rundlings, der auf einer kleinen Anhöhe in Dresden-Coschütz liegt.Fotos: Thilo Rückeis

SONNTAG In dieser Gegend passiert nicht viel. Nur wenige Menschen sind unterwegs, zur Feierabendzeit ein paar mehr. Man kennt sich, man grüßt sich, Einfamilienhäuser reihen sich aneinander, Autofahrer halten sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der Dresdner Stadtteil Coschütz liegt am südwestlichen Rand der Stadt, im sogenannten Elbtalkessel. Hier leben Menschen, die beides wollen, mit der Straßenbahn zur Semperoper fahren und mit dem Rad in die Natur. Auch die 48 Leute im Häuserkomplex auf der kleinen Anhöhe haben sich deswegen für den Vorort mit der Dorfidylle entschieden. Sie wohnen im sogenannten Rundling, eine Bauweise sorbischer Prägung, wie man sie auch aus dem Wendland kennt: Mehrere Wohnstätten gruppieren sich um einen zentralen Platz, Wand an Wand, so dass ein Reinkommen nur von einer Seite, dem Haupttor, möglich ist. Ein effizienter Schutz gegen einfallende Horden aus Nachbardörfern. Eigentlich hat sich der Rundling überlebt. Hier wurde einer neu hingebaut. Nur dass er rechteckig ist.

Jürgen von Strauwitz hatte einst die Idee, heute ist der 76-Jährige Sprecher des Wohnprojekts. Seine Hand streckt der gelernte Wärmetechnik-Ingenieur dem Besucher schon während des Gehens aus und zieht ihn dann fast zum Tisch. Der steht am Ende des Atriums, dort, wo im sorbischen Dorf wohl das Lagerfeuer brennen würde. Es ist an diesem Abend etwas kühl, die Luft heizt sich aber schnell auf, weil ein Großteil der anderen Rundlingsbewohner zu von Strauwitz stößt. Ist hier anscheinend immer so, wenn sich mehr als zwei Leute im Foyer treffen. Aus den Wohnungen strömen die anderen dazu, als gäbe es einen Magneten.

Den „Rundlingen“, wie sie sich nennen, geht es um diesen gemeinsamen Platz. Hufeisenförmig ziehen sich die 16 Häuser um den 40 mal 20 Meter großen und mit Glas überdachten Innenhof. Vorne eine Glastür, rechts und links jeweils acht sich aneinanderreihende quaderförmige Wohnblöcke, Wand an Wand. In der Mitte Geselligkeit.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es den Rundling. Die meisten Bewohner sind gebürtige Dresdner, die sich in Kirchengemeinden kennengelernt haben. Ein wenig skeptisch waren die Coschützer Nachbarn trotzdem, als 1999 von Strauwitz und ein paar Dutzend anderer Leute sich anschickten, auf einem leer stehenden Grundstück etwas zu bauen, von dem sie nicht wussten, was es werden soll. Eine Kommune? Eine Sekte? Gibt es da Türen?

Vieles habe man damals vernommen, dabei sei das Prinzip so viel einfacher, erklärt von Strauwitz: Menschen, die gerne Zugang zum Stadtleben haben, aber die Anonymität des Dresdner Mietlebens satthatten, suchten eine echte Hausgemeinschaft. Von Strauwitz war seit 1990 Witwer, statt Gemeinschaft erlebte er in seinem Haus nur Mieterhöhungen und ständig wechselnde Nachbarn. Aber Wohnen ist für ihn „ein hohes soziales Gut“. Eine Wohngemeinschaft zu finden, die ihnen zusagt, war den Rundlingen nur möglich, indem sie eine gründeten.

Es wird gekickert, es gibt gemeinsame Feste, manchmal singt der Hauschor. Ab und an fahren die Bewohner gemeinsam in die Sächsische Schweiz. Irgendwann kann das zu viel werden. Anke Floreck, 41, wohnt samt Familie am hinteren Ende des Rundlings, sie legt Wert auf das „richtige Maß an Miteinander“, der Rückzug muss möglich sein. Ihr war wichtig, „dass sich hier Familien zusammentun“.

Ein paar Eingänge weiter lebt Reiner Rennecke mit Frau und Tochter. Am Ende seines Häuserwürfels findet man eine Glaswand, durch sie kann der 43-Jährige ins Wohnzimmer der Schwiegereltern schauen. Die Kinderbetreuung erleichtere das unheimlich, sagt er. An diesem Abend beschäftigt sich die Tochter im Innenhof. Elf Kinder gibt es im Wohnkomplex, einige Rentner. Sowohl an Spielkameraden als auch an Betreuern mangelt es selten.

Die Wohnwürfel sind farblich voneinander abgesetzt, keine Wohnung ist wie die andere. Zwischen 53 und 123 Quadratmeter sind sie groß, vorgegeben wurde vom österreichischen Architekten Fritz Matzinger bei der Gestaltung fast nichts, außer einem leeren Blatt Papier und einem Stift für die Grundrisse, die die Bewohner dann aufmalten. So kam es auch, dass von Strauwitz kurz vor Einzug seine Wohnung noch einen halben Meter verkleinerte. Seine Nachbarn brauchten den Platz, da sie sonst ihre Möbel nicht hätten unterbringen können. Für den Witwer kein Problem, er benötigt nicht viel Raum. Dafür haben die Familien im Nachbarhaus teilweise bis zu drei Etagen. Die Wohnungen greifen ineinander, das passt zum Konzept des Hauses.

Die meisten Bewohner sagen von sich, dass sie Christen sind. Im Innenhof hängt ein Kreuz, der „Rheinische Merkur“ liegt aus. Trotzdem, Voraussetzung für den Einzug sei der Glaube nicht. „Man muss nur gemeinschaftsfähig sein“, sagt von Strauwitz. Zu Beginn des Projekts sind einige Interessenten abgesprungen: Es war ihnen zu viel Gemeinschaft. Vielleicht hat sie auch die Auflage gestört, dass in jedem Garten ein Obstbaum stehen muss oder das Verbot von Gartenzäunen. Immerhin, es muss inzwischen kein Apfelbaum mehr sein. Pflaume tut’s auch.

Regelmäßig werden Besuchergruppen durch das Anwesen geführt, Menschen, die von ähnlichen Projekten träumen. Dann kommt auch zur Sprache, dass so ein Gemeinschaftsprojekt ganz schön teuer werden kann. Gert Leitner, 70, ein groß gewachsener Mann mit Vorliebe für Dresdner Landschaftsmalereien, lebt seit Beginn des Projekts hier, auf drei Etagen, mit seiner Frau. „Wir sind alle arm geworden“, sagt er. Nur halb im Scherz.

Schon im Vorfeld war es nicht einfach. Der Ortschaftsrat musste überzeugt werden, vor allem die CDU-Abgeordneten. Als das für seine Stadtlage relativ günstige Grundstück gekauft war, mischte sich das Stadtbauamt ein, es wollte nicht akzeptieren, dass es keine Lücken zwischen den Häusern geben soll.

Es gab viele Probleme, Pfusch am Bau war das teuerste. Ein Großteil des Daches etwa musste zweimal gebaut werden. Das habe „zusammengeschweißt“, sagt Leitner. Dass der Fortgang des Projekts während der Bauphase alles andere als sicher war, wird angedeutet. Noch heute sind die finanziellen Folgen für viele spürbar, von Strauwitz ist deswegen besonders sparsam mit dem Strom. „Man muss so ein Projekt sehr gut planen“, wird mit auf den Weg gegeben, weiter wolle man darüber nicht sprechen, das Thema regt viele Rundlinge dann doch auf, kurz wird es ein wenig laut.

2 300 DM pro Quadratmeter mussten am Ende gezahlt werden. Anke Floreck war damals kaum Anfang 30, ihre Tochter vier Jahre alt und das Soziologie-Studium der Mutter noch nicht abgeschlossen. Trotzdem wollte sie unbedingt einziehen. Wie zwei Drittel der Rundlinge bekam sie schließlich einen Kredit bei der Sächsischen Aufbaubank.

Auch wenn die Bewohner Eigentümer ihrer Häuser sind – damit machen, was sie wollen, können sie nicht. Würde jemand seine Eigentumswohnung als Mieteinnahmequelle betrachten, gäbe es Schwierigkeiten: So etwas ist in einem Nutzungsvertrag zwischen den Bewohnern ausgeschlossen. Auch Büroräume sind tabu. „Diese Vereinbarung ist der letzte Notnagel“, sagt Anke Floreck. „Falls wir nicht mehr miteinander reden.“

Bei Keksen, Tee und trauter Gemeinschaft klingt dieses Szenario in etwa so beängstigend wie der Überfall feindlicher Horden aus dem Nachbardorf.

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