ZUHAUSE : King of Queens

Der Musiker spielte vor Königen und besuchte den Papst. Kommenden Montag wird wieder Satchmos Geburtstag gefeiert – in seinem Wohnhaus. Bad und Küche sind heute noch spektakulär

Am 4. Juli wird Geburtstag gefeiert. Das Geburtstagskind ist zwar seit 40 Jahren tot, und Geburtstag hat Louis Armstrong am 4. Juli streng genommen nicht gehabt. Das hat der Musiker nur immer behauptet. Vielleicht, weil er, ein Kind aus bitterarmen Verhältnissen, es nicht besser wusste, vielleicht aber auch, weil es so ein schöner Tag war: Independence Day, der Tag der US-amerikanischen Unabhängigkeit. Am 4. Juli 1900 sei er in New Orleans geboren worden, hat Armstrong gesagt. Nach seinem Tod fand ein Biograf seinen Taufschein, auf dem stand, dass es tatsächlich der 4. August 1901 war.

Aber egal, gefeiert wird am Montag trotzdem, wie jedes Jahr: bei Satchmo, wie er genannt wurde, zu Hause, im New Yorker Stadtteil Queens. Dann werden die Geburtstagsgäste sich durch den schmalen Hausflur schieben, werden sein Bad mit den vielen Spiegeln und den goldenen Armaturen bestaunen, seine maßgeschneiderte blaue Einbauküche bewundern. Die war schon zur Zeit ihrer Entstehung in den 60er Jahren topmodern, aber noch heute sieht sie allein durch ihre Farbe so umwerfend aus, dass Wohnzeitschriften zum Fotografieren kommen. Die Geburtstagsgäste werden sogar, auf Knopfdruck, Armstrongs heisere Stimme hören. Wenn sie nicht übertönt wird von seinem lauten Lachen.

Louis Armstrong ist nicht nur der berühmteste Jazzmusiker der Welt, er ist auch der Mann mit dem berühmtesten Gebiss. Ob auf Fotos, Filmen und Plakaten, überall lacht er mit seinen strahlend weißen Zähnen. Wenn man sein Haus besucht, versteht man, warum: Der Mann hat unglaublichen Spaß gehabt, morgens, mittags, abends. Egal, ob er auf der Bühne oder vor der Kamera stand, zu Hause am Esstisch saß oder auf dem Klo.

Dort saß der King of Jazz besonders gerne. Seit jungen Jahren war er ein großer Fan des Abführmittels Swiss Kriss, das hatte er immer in der Tasche, drückte es jedem in die Hand, dem er begegnete. Sogar Reklame hat er dafür gemacht, mit einem Foto, auf dem man ihn mit heruntergezogenen Hosen und aufgerissenen Glubschaugen strahlen sieht, mit seinem persönlichen Slogan: „Leave It All Behind Ya“. Natürlich gibt es Swiss Kriss im Museumsshop zu kaufen.

Das Louis Armstrong House Museum ist eines der bestgehüteten Geheimnisse New Yorks. Nur wenige Einheimische wissen davon, die Hälfte der Besucher kommt aus Europa. Dabei ist es ein Schmuckstück, ein nationales Denkmal, so original erhalten wie wenige Gedenkstätten. Aber das rote Backsteinhaus liegt etliche U-Bahnstationen von Manhattan entfernt, im kleinbürgerlichen, untouristischen Corona in Queens, wo sich seit Armstrongs Tagen nicht viel verändert hat. Die Häuser sind klein und sehen oft selbst gebastelt aus, anstelle von großen Ketten findet man Familienbetriebe, Gemüseläden, altmodische Barbiere, vollgestopfte Eisenwarengeschäfte. Seit 2003 ist das Wohnhaus als Museum geöffnet.

Auch wenn Louis Armstrong viermal verheiratet war, das erste Mal kurz und stürmisch mit einer Prostituierten, am Ende glücklich mit Lucille, die er als Tänzerin im Cotton Club kennenlernte – Kinder hatte er keine. Sein Erbe hat das Paar einer Stiftung vermacht. Der Nachlass wird im Queens College von Michael Cogswell betreut, der auch Museumsdirektor ist: Briefe, Tausende von Fotos, seine Musik und seine Aufnahmen. Der Musiker war ein großer Freund des Tonbands, nicht nur Platten, auch Gespräche mit Lucille, mit Freunden und Verwandten hielt er fest, jeder Gast wurde aufgenommen. Und so können die Besucher von heute hören, wie Satchmo laut über Rosenkohl nachdenkt (auf Englisch: Brussels sprouts) und ob die wohl in Brüssel angebaut werden – und schon lacht er sich wieder kaputt.

Die Hüllen der Bänder hat er mit Collagen verziert, Tesafilm zu verkleben sei sein Hobby, hat Satchmo einmal erklärt. Ein Tausendsassa ist er gewesen, der mit der Trompete so gut wie mit seiner Stimme zaubern konnte, er war Entertainer, Komiker und Schauspieler. „High Society“ hieß sein bekanntester Film neben „Hello Dolly“, darin spielte er an der Seite von Grace Kelly und Frank Sinatra.

Mit der High Society hat Corona, wo die Armstrongs 1943 hinzogen, so gar nichts zu tun. Bis dahin hatte der Musiker nie ein Haus besessen, wozu auch, er war ja 300 Tage im Jahr auf Tournee. Aber Lucille kam aus Queens, sie war es, die das Häuschen kaufte, ohne dass ihr Mann es gesehen hatte. „Herzlichen Glückwunsch“, schrieb sie ihm, „Du lebst jetzt in der 107. Straße Nr. 35.“ Der Mann, dessen Gesicht die ganze Welt kannte, der im Kongo auf einem Thron ins Stadion getragen wurde, soll geschockt gewesen sein: weil er sein neues Heim so prächtig fand.

Es ist ein bescheidenes Häuschen, ursprünglich mit Holzschindeln, erst kurz vor Armstrongs Tod mit Backsteinen verkleidet. Die „Village Voice“ kürte es kürzlich zum „Best Celebrity Home“ New Yorks, gerade weil es so unglamourös ist. Undenkbar, so die Stadtzeitung, dass ein Promi heute so wohnen würde. Der einzige wirkliche Luxus im Haus ist das verspiegelte kleine Bad mit dem Marmor-Waschbecken, den goldenen Armaturen, dem Schwan als Wasserhahn. Als kleiner Junge musste Louis Armstrong aufs Plumpsklo gehen.

Seine Lebenslust scheint ansteckend zu sein, die Museumsmitarbeiter sind voller Enthusiasmus. „He’s my God!“, erklärt Al bei der Führung durch das Haus. Stolz erzählt er, wie sehr „Pops“, wie Armstrong auch genannt wurde, die Kinder der Nachbarschaft geliebt habe. „My little ice cream eaters“ hat er sie genannt, weil Lucille sie mit Eis gefüttert hat, er selbst hat mit ihnen auf der Treppe vor dem Haus Trompete gespielt. Nie, erfährt der Besucher, ist er zu einem Starfriseur gegangen, immer lief er zu Fuß zu seinem Barbier um die Ecke. Gemein findet es Ali, dass einige dem Musiker vorgeworfen haben, ein Onkel Tom zu sein, ein Schwarzer, der sich Weißen unterordnete. Er habe sich doch so für die Bürgerrechtsbewegung engagiert.

Allein durch seine Popularität sorgte er für ein Stück Fortschritt. Er war der erste schwarze Amerikaner, der es auf das Cover von „Vanity Fair“ schaffte, er spielte vor König George VI., dem Vater der heutigen Queen. Vor einer besonders virtuosen Stelle rief er diesem zu: „This one’s for you, Rex.“ Als Dank bekam er vom King 1933 eine goldene Trompete, die man im Museum bewundern kann.

Satchmo war vermutlich auch der einzige Schwarze, der immer den jüdischen Stern um den Hals trug. Als kleiner Junge hat er eine Zeitlang bei einer jüdischen Familie gewohnt und gearbeitet, seine Mutter war zu arm, um ihn allein durchzubringen. Die Familie hat ihm, wie er sagte, das Singen beigebracht.

Wohnen möchte man am Ende der Tour nicht unbedingt in dem Häuschen. Es hat etwas Klaustrophobisches. Die Zimmer sind klein und vollgestopft, mit venezianischen Glasgondeln und zahlreichen Porträts des Hausgottes, die Fenster mit Gardinen zugehängt, viele Wände bespannt, die Möbel eher spießig. Aber das Ganze vermittelt etwas sehr Rührendes. Auf dem Bett, in dem Louis Armstrong vor 40 Jahren, am 6. Juli 1971, starb, ist Lucilles Nachthemd ausgebreitet, die Heiligenfigürchen der gläubigen Katholikin stehen noch immer neben dem Fernseher in einer Nische. Einmal, erzählt Ali, hatte das Paar eine Audienz beim Papst. Als dieser sie fragte, ob sie denn Kinder hätten, antwortete Armstrong: „No, but we have fun at trying.“ Und Selma, die alte Freundin der Armstrongs von nebenan, schaut immer noch fast jeden Tag vorbei.

„America’s ambassador of good will“ wurde Louis Armstrong auch genannt, als Botschafter Amerikas reiste er durch Afrika, den Mittleren Osten und Südamerika. Als er starb, veröffentlichten Präsident Nixon und das State Department Erklärungen, dass sie den Tod eines großen Amerikaners betrauerten. Auf dem Weg von der Trauerfeier in der Kirche in Corona zum Flushing Cemetery liefen Gouverneur Rockefeller und New Yorks Bürgermeister Lindsay hinter seinem Sarg her, Bing Crosby, Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Count Basie, Frank Sinatra, Johnny Carson, Dick Cavett … Der King of Jazz, dieser amerikanischsten aller Kunstformen, war tot. Wer, wenn nicht er, hätte es verdient, am Fourth of July Geburtstag zu feiern? Im eigenen Garten, mit Jazzkonzert und Torte. What a wonderful world.

Louis Armstrong House Museum, 34–56 107th Street, Corona. Wer es nicht nach New York schafft, der Besuch der Website lohnt sich: www.louisarmstronghouse.org

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