ZUHAUSE : Pflegefälle

Wer braucht schon Urlaub, wenn er die Pflanzen seiner Nachbarn gießen darf? Sechs Horrorstories aus der Welt der Daheimgebliebenen

Illustration: Suse Grützmacher



SPIONE IN DER PROFESSORENVILLA

Wir, zwei befreundete Paare, saßen in der Sauna und schwitzten. Die Rede kam auf den Auftrag, den einer von uns von seinem Doktorvater erhalten hatte – nachzuschauen, ob dieser seine Zeitschaltuhr vor der Abreise aktiviert hatte.

Dem Professor einen Gefallen tun, das kann schnell zur Zumutung werden. „Los, los“, drängte die männliche Hälfte des befreundeten Pärchens. „Wir müssen ihm Gewissheit verschaffen.“ An der Zeitschaltuhr hingen auch Teile der Alarmanlage, vermutete er. Nicht auszudenken! In dieser Gegend hatte es in den letzten Monaten immer wieder Einbrüche gegeben.

Frisch geduscht liefen wir los. Zu viert betraten wir schließlich die Villa des Professors und seiner Frau. Wow, überall weißer Teppich! Wir kicherten und besichtigten ein Zimmer nach dem anderen – bis uns seltsame Flecken auf der hellen Auslegeware auffielen. Einer von uns musste auf dem Weg von der Sauna zur Villa in ein Tretmine getreten sein … Zuerst panisch, dann voller Scham begannen wir zu wischen. Mit schneeweißen Kleenex-Tüchern aus der Schachtel der Hausherrin.

Als die Sache nach einiger Zeit bereinigt war, suchten wir die Zeitschaltuhr. Der Professor hatte sie vorschriftsmäßig eingeschaltet. Bettina Seuffert

BLUTLACHE AM TATORT

Ich öffne die Tür zur Wohnung meiner Nachbarn. Herr im Himmel, welch ein Gestank! Die Woge süßlicher Verwesung, die mir entgegenschlägt, verursacht nicht nur Ekel, sondern nackte Angst. Der erste Impuls ist: Tür zuschlagen, nie wieder zurückkehren. Aber das geht nicht. Schließlich habe ich ja versprochen, zwei Wochen lang die Blumen zu gießen. Und da ich die vergangenen drei Tage nicht in der Wohnung war, dürften die Topfpflanzen langsam durstig sein. Also: Nase zu und durch. Mit angehaltenem Atem folge ich dem anschwellenden Summen der Fliegen in die Küche. Dort bietet sich ein Bild des Schreckens: Auf den weißen Fliesen befindet sich eine Lache getrockneten Blutes, die ihren Quell im offenstehenden Gefrierschrank zu haben scheint.

Offensichtlich hat das Gerät kürzlich den Geist aufgegeben, und ein paar Kilo Rinderbraten und Tiefkühlfisch der Sommerhitze überlassen. Als die dritte Rolle Küchenpapier am Ende ist, bin ich es auch. Schlimmer als so eine Putzaktion kann nur der Alltag der Menschen sein, deren Aufgabe es ist, die Tatorte grausiger Bluttaten zu reinigen. Moritz Honert

GERING, MÄSSIG, VIEL

Zum ersten Mal goss meine Mutter vor 20 Jahren die Blumen: Das benachbarte Arztehepaar fuhr nach Italien. Auf einer Plastikfolie im vorderen Zimmer ihrer Altbauwohnung im Hochparterre warteten – neben mit abgestandenem Gießwasser gefüllten Orangensaftflaschen – die Kakteen und fleischigen Grünpflanzen. In jedem Topf steckte ein handgeschriebener Zettel: „gering“, „mäßig“, „viel“. Meine Mutter hielt das nicht davon ab, jede Pflanze mit einem gleich großen Schwups Wasser zu versorgen.

Neugierig geworden, kamen wir Kinder auch mal ein Stockwerk runter, um dieses Museum anzuschauen. Indiskret guckten wir in jede Ecke, lachten über die Berge alter Pillenschachteln, die selbstgebaute Sperrholztrennwand im Ehebett, die urigen Nachttöpfe und auch über meine Mutter, die den blühenden Hibiskus einfach mitgenommen und ins eigene Fenster gestellt hatte, was fast noch peinlich aufgeflogen wäre, weil die Nachbarn überraschend früh zurückkamen.

Das Vertrauen ist geblieben. Meine Mutter hat den Haustürschlüssel einfach behalten, und mit den Reisen nach Griechenland und Norwegen war für sie jedes Jahr wieder Zeit fürs Blumengießen. Inzwischen wohnt nur noch die alte Dame dort unten, und vier der neun Zimmer sind unbewohnt und abgesperrt. Gereist wird auch nicht mehr. Nur hin und wieder geht es für einen Ausflug ins Umland. Aber froh ist die Nachbarin, wie meine Mutter stolz erwähnt, dass ein Haustürschlüssel nun schon so lang in sicheren Händen ist. Nora Sobich

WALDERDBEEREN VON OMA

Seitdem ich unter dem Dach wohne, helfen wir drei Mietparteien uns da oben gegenseitig. Wenn ich bei den anderen gieße, darf ich mich bei den CDs bedienen. Bei mir dürfen die Nachbarn auf der Dachterrasse grillen und den Sonnenuntergang beobachten. Als ich nun nach dem Ostsee-Kurzurlaub zurückkam, erwartete mich eine Überraschung.

Ich hatte die Nachbarin vor meiner Abreise darum gebeten, beim Gießen die Walderdbeeren nicht zu vergessen, die sich zwischen den Bodenplatten angesiedelt hatten. Die sind nämlich noch von meiner leider verstorbenen Oma, die ich sehr geliebt habe.

Als ich mir nun meinen Schlüssel wieder abholte, begrüßte sie mich mit den Worten: „Heißt Deine Oma Anne Stiehr?“ Mein Herz begann wild zu schlagen. Da sagt meine Nachbarin: „Mein Mann ist Gärtner, und er hatte eine Kundin, Anne Stiehr in Rudow. Sie hatte den schönsten und verwildertsten Garten der Stadt. Und sie hatte Walderdbeeren. Und du siehst ihr ähnlich!“ Ich bekam eine Gänsehaut. Annette Kögel

TITANIC BOOBS, TEIL 1

Ich wollte sechs Wochen nach Asien, und ich wollte, dass auch meine Freundin B. etwas davon hat. Ich bin synergiesüchtig. Ich kann nichts tun, ohne dass es auch auf Umwegen zu irgendetwas gut wäre. B. sollte also meine Wohnung haben, die abonnierten Zeitungen und die Terrasse – und nebenbei sollte sie meine Pflanzen gießen.

Meine Nachbarn konnte ich nämlich nicht fragen, seit ich das letzte Mal ihre Blumen gegossen hatte. Als ich mich hinter ein Regal gezwängt hatte, um besser an den verstaubten Ficus heranzukommen, regneten die Pornos der Nachbarn auf mich herab, darunter der Film: „Titanic Boobs, Teil 1“. Ich stellte die DVDs irgendwie wieder ins Regal zurück, aber etwas hat sich seitdem zwischen den Nachbarn und mir verändert: Ich wusste ganz genau, dass sie ganz genau wussten, dass ich an ihren „Titanic Boobs“ gewesen war. Das Misstrauen war auf unsere Etage gezogen.

Meine Freundin B. war also sofort mit meiner Idee einverstanden, was mich begeisterte. Als ich jedoch vollkommen entspannt aus dem Urlaub zurückkam, standen überall in meiner Wohnung halb volle Rotweingläser, und an einer sehr merkwürdigen Stelle fand ich das Oberteil eines Bikinis. Später wurde mir zugetragen, dass B. mit meinem Arbeitskollegen gesehen worden war, und zwar auf dem Weg in meine Wohnung. Ich hätte nie gedacht, dass es solch perfekte Synergien gibt. Verena Mayer

ALLES FÜR DIE KATZ

Zehn Tage würden sie doch nur auf Rügen bleiben, schworen die Nachbarn. Ob man nicht so lange auf die süßen Katzen aufpassen könne. Also, mit anderen Worten, zweimal täglich zwei Katzenklos leeren und ein bisschen füttern und spielen …?

Das Grauen hatte zwei Namen: Bonnie und Clyde. Schon am ersten Tag ohne Frauchen und Herrchen erbrachen sie sich aus Boshaftigkeit oder meinetwegen aus Kummer – auf den Teppich, das Sofa und den Küchentisch. Am zweiten Tag war es ebenso, und es ging auch so weiter. Wenn ich morgens zur Arbeit kam, wusste ich immer schon, was in den anderen Zeitungen stand – hatte ich doch mit dem bedruckten Konkurrenzpapier Bonnies und Clydes Erbrochenes aufgewischt.

Ich streichelte die Katzen ausgiebig und kämmte ihr Fell. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, wie die sich fühlen, dachte ich. Doch dann kam noch tierischer Durchfall dazu. (Ironie der Geschichte: Die Katzenklos musste ich nicht sauber machen, sie blieben unberührt.) Da Hochsommer war, stank es bestialisch. Die Fenster durfte ich aber nicht öffnen: Die Katzen könnten sich ja aus dem dritten Stock auf die Straße stürzen.

Nach einer Woche war ich die einzige in der Wohnung, die suizidgefährdet war. Es war einfach zum Kotzen.

Nach zehn Tagen tauchten die Nachbarn wieder auf. Sie hatten mir eine Flasche Rotwein mitgebracht. Bonnie und Clyde stellten ihre Protestaktion ein, und niemand glaubte mir auch nur ein einziges Wort. Esther Kogelboom

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