Zeitung Heute : Zuhören

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Meine Oma konnte super vorlesen. Ganz besonders „Nonni und die Eisbären“. Mit meinem Plastikschwert habe ich hinterher im Kinderzimmer immer unzählige Bären zur Strecke gebracht. Wegen Dr. Dolittle wollte ich unbedingt die Sprache der Tiere erlernen.

Leider waren die Professoren an der Universität Basel später nicht so begnadet wie meine Oma. Dennoch habe ich positive Erinnerungen an die Uni-Zeit: Mit meinen Kumpels Aelle und Vischi setzte ich mich gerne in Jura-Vorlesungen. Nicht dass uns dieses Fach interessiert hätte. Wir gingen hin, um unsere ehemaligen Schulkollegen auszulachen, die nun in Schlips und Aktenkoffer unterwegs waren.

Sehr unterhaltsam war auch Professor Mooser. Der ist Historiker und bringt in jedem Satz unzählige „also“ unter. Womöglich ist das genetisch bedingt. Herr Mooser stammt aus Bayern, genau wie Herr Stoiber. Die Redewendung „ähh“ verwendet er allerdings seltener. Am liebsten mochte ich Moosers Vorlesung zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Berlin nannte er immer: „diese geteilte, also, Stadt“.

Seit ich nicht mehr studiere, hat mir lange niemand mehr vorgelesen. Außer Max Gold. Vor drei Jahren, in einem Kölner Kleintheater. Und ich muss sagen, seine Texte gefallen mir ohne ihn eindeutig besser. Bei jedem Satz vermittelte er die Botschaft: „Hört, hört, wie spritzig ich bin“. Er erinnerte mich an den Burgschauspieler Klaus Maria Brandauer.

Die Lesungen der „Reformbühne Heim & Welt“ im Kaffee Burger kann ich hingegen wärmstens empfehlen. Schon allein, weil ich dort erstmals meinem Doppelgänger begegnet bin: Jakob Hein sieht zwar anders aus als ich, und stammt auch nicht aus Basel. Aber von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bekomme ich jedes Mal Belegexemplare zugeschickt, wenn er dort was geschrieben hat. Schon oft habe ich in der Redaktion angerufen: „Besten Dank. Aber ich heiße nicht Jakob!“ Doch die Frankfurter wollen mir das nicht glauben.

Jakob Hein schreibt übrigens nicht nur Texte. Er ist nebenbei auch Arzt und arbeitet an der Charité, wie ich neulich gehört habe. Ein vielseitig begabter junger Mann. Seither hoffe ich darauf, dass ich aus Versehen mal sein Monatsgehalt überwiesen bekomme.

Mein Doppelgänger las neulich einen Text über seine Lieblingskassiererin im Supermarkt vor, und Wladimir Kaminer seine neue Kurzgeschichte: „Wie ich mal einen TV-Beitrag über die hart arbeitenden Berliner drehen sollte“. Sogar eine kritische Würdigung meiner Schweizer Heimat hatten die Reform-Poeten im Programm. Sie behandelte das brisante Thema: „Bier trinken in Luzern“.

Und zwischendurch wurde immer wieder die Unterwanderung Berlins durch reiche Dödel aus der Provinz angeprangert. Völlig zu Recht: Berlin darf sich seine Identität nicht durch verwöhnte Apothekerkinder aus Kleinstädten versauen lassen! Allerdings: Meine Kollegin, die andere Neuberlinerin vom „Tagesspiegel“, und ich waren ja auch da. Am Ende haben die uns gemeint?

Die „Reformbühne Heim & Welt“ liest jeden Sonntagabend ab 20 Uhr in der Tanzwirtschaft Kaffee Burger, Torstraße 60, www.kaffeeburger.de .

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