Zukunft des Kinos : Wo, bitte, geht’s zum Publikum?

Berlin ist Kinoparadies, bis heute. Auch wenn die Häuser es im Download-Zeitalter nicht leicht haben.

Die Astor Film Lounge auf dem Kurfürstendamm bietet ganz großes Kino. Nach der stilvollen Restaurierung 2008 hat der Kinosaal nun bequeme Ledersessel und viel Platz zwischen den Reihen.
Die Astor Film Lounge auf dem Kurfürstendamm bietet ganz großes Kino. Nach der stilvollen Restaurierung 2008 hat der Kinosaal nun...Foto: Rainer Jensen/dpa

Dieses Jahr schon im Kino gewesen? Hierzulande ist die Frage nicht abwegig, denn der Durchschnittsdeutsche geht noch 1,6 mal pro Jahr ins Kino. Die Berliner sind da keineswegs Spitzenreiter. Mit rund drei Kinobesuchen per anno liegen sie solide im Mittelfeld.

Im Kino gewesen, aber in welchem? Die Nachfrage wird immer wichtiger, denn nach der dritten großen Kinosterberunde seit Erfindung des Kintopp – erst machte das Fernsehen den Lichtspieltheatern Konkurrenz, dann die Videokassette, dann die DVD – differenziert sich das Kino-Angebot mehr und mehr aus. 92 Spielstätten zählt Berlin heute. Das sind zwar zehn weniger als vor zehn Jahren, zuletzt wurden 2011 die Kurbel und das Broadway am Tauentzien geschlossen. Aber der europaweite Trend sieht dramatischer aus. Das Hauptstadtpublikum verzeichnet aktuell sogar leichte Zuwächse, und dank höherer Ticketpreise ist der Umsatz stabil. Noch wichtiger: Die aktuell 261 Kinosäle der Stadt garantieren eine nach wie vor unglaubliche Vielfalt, vom Multiplex mit Action, Fantasy und Fastfoodspaß über Autorenfilm-Spielstätten wie das Delphi bis zum Wohnzimmerkino. Wer es ganz genau wissen will: Die Webseite www.kinokompendium.de listet sie alle auf, einschließlich Platzzahl, Leinwandgröße, Komfortfaktor – und der in den letzten Jahren geschlossenen Häuser.

Kleine Rückblende. 22 Kinos gab es einst am Ku’damm, jetzt sind es noch zwei. Mit dem Niedergang der City West verschwanden auch die Filmpaläste, das glamouröse Gloria, das Marmorhaus, die Filmbühne Wien, das alte Astor. Auch der Osten hatte seit dem Fall der Mauer Verluste zu beklagen, vom Kosmos an der Karl-Marx-Allee über das Börse-Kino des Progress-Verleihs bis zum Forum in Köpenick oder dem Venus in Hohenschönhausen. Aber es gibt auch Traditionshäuser, die den Sprung in die Gegenwart überlebt haben: Vor wenigen Tagen feierte das International 50. Geburtstag.

43 Kinos haben seit 1990 in Berlin ihr Leben gelassen, Traditionshäuser an den Boulevards, Kinos im Kiez. Regisseur Michael Verhoeven, der das denkmalgeschützte Toni in Weißensee betreibt, nennt sein Kino gern einen Subventionsbetrieb: Er schießt selber zu. Den Programmkinos der Yorck-Kette oder dem Kino in den Hackeschen Höfen geht es immer dann gut, wenn die Filme stimmen. Wenn ein neuer Almodóvar oder Woody Allen startet oder ein Überraschungserfolg wie „Oh Boy“ sich über Wochen im Programm hält. Ohne Stammpublikum, sagen die Kinobetreiber, geht es schon gar nicht, die persönliche Ansprache wird immer wichtiger. Bloß kein Massenbetrieb, keine Mischware, keine Kinofilme, die wie Fernsehen aussehen. Wer den Besuchern das richtige Angebot macht, braucht keine Angst vor dem Download-Zeitalter zu haben. Weshalb Produzenten und Kinobetreiber gar nicht genug miteinander kommunizieren können.

Das Filmegucken ist nicht unattraktiver geworden im digitalen Zeitalter, es hat sich nur radikal verändert. Der Film ist mobil geworden, ist er doch längst nicht mehr nur im Kino zu haben, sondern auch auf DVD, als Home-Entertainment mit XXL-Flachbildschirm, als Download auf PC, iPad und Smartphone. Will heißen: Es gibt nicht weniger Filmzuschauer, bloß weniger Kinogänger. 2002 wurden in Berlin 12,1 Millionen Tickets verkauft, 2012 noch 9,7. Auch wenn die Zahl im Vorjahresvergleich erstmals wieder gestiegen ist, auch wenn die Spezies Mensch von Natur aus gesellig bleiben dürfte: Das Kino als Ort ist bedroht. Weshalb die Berlinale, die bekanntlich keine Publikumsprobleme kennt, Solidaritätsaktionen unternimmt. Den Auftakt machte 2010 ein Glamourvorhang am Brandenburger Tor, alljährlich werden seitdem rote Teppiche vor den Kinos im Kiez ausgerollt. So macht das Festival auf den gefährdeten Alltag abseits des internationalen Events im Februar aufmerksam.

Dass die größte Gefahr in der Provinz lauert, dass die Zahl der bundesweiten Kinostandorte längst unter die magische 1000 gesunken ist und sich derzeit bei 900 befindet, mit fallender Tendenz, mag die Berliner Situation paradiesisch erscheinen lassen. Immer mehr Städte müssen ganz ohne Kino auskommen – in Kreuzberg, Tiergarten oder Mitte wäre das unvorstellbar.

Auch als 3D in Mode kam, atmete die Branche kurzfristig auf; „Avatar“, „Gravity“ und Co. sollen die Zukunft sichern. Die Durchschlagkraft der Wunderwaffe lässt allerdings zu wünschen übrig. Zum einen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die dritte Dimension auch beim Fernsehen Einzug hält, das Alleinstellungsmerkmal für die Kinos ist dann perdu. Zum anderen kann 3D die gewaltigen Kostenverschiebungen der Digitalisierung kaum wettmachen. Während Arbeit und Material für Filmemacher wie Verleiher deutlich billiger wurden, mussten die Kinos teure neue Technik erwerben. Ein digitales Vorführgerät, das Hollywoodformate abspielen kann, kostet bis zu 70 000 Euro. Allein die Anfang dieses Jahres abgeschlossene Umrüstung der vier Säle in den Hackeschen Höfen schlug pro Saal mit 55 000 Euro zu Buche.

Es hilft nur die Flucht nach vorn

Das Medienboard Berlin Brandenburg geht davon aus, dass Ende 2013 alle Berliner Kinos mit digitaler Vorführtechnik versorgt sein werden. Auch bundesweit dürfte die Umrüstung bald flächendeckend abgeschlossen sein. Die Fördertöpfe von Bund, Land und der branchenfinanzierten FFA stellten Extragelder dafür bereit – bei den kleineren Häusern, nicht bei den Ketten. Schließlich liegt der Politik, zumal dem scheidenden Kulturstaatsminister Bernd Neumann, vor allem an der Erhaltung der Vielfalt, an der Rettung des Kinoangebots in der Fläche. So hat das Medienboard von 2010 bis 2013 mit knapp 2,6 Millionen Euro die Umrüstung von 136 Sälen Leinwänden gefördert, 81 davon in Berlin.

Die Crux dabei: Der zentnerschwere Projektor hielt eine Ewigkeit, ein digitales Vorführgerät ist nach wenigen Jahren veraltet. Und es ist wie bei Autos: Elektronik ist anfälliger als die gute alte Mechanik. Wenn die Filmkultur in Berlin und anderswo bestehen bleiben sollen, wird auch die Förderpolitik der Realität angepasst werden müssen und verstärkt das Abspiel subventionieren. Noch ist das System vor allem darauf ausgerichtet, die Produktion zu finanzieren.

Bis dahin hilft nur die Flucht nach vorn. In Berlin haben viele sie längst angetreten, in vielerlei Richtungen. Man entwickelt Fantasie, spezialisiert sich, qualifiziert sich. In der Metropole gibt es Originalversion-Kinos, Untertitel-Kinos wie das Schöneberger Odeon, Retrospektiven- und Werkschaukinos wie das Arsenal oder das Babylon Mitte, Filmkunstadressen wie das Fsk am Oranienplatz oder Nachspielkinos für diejenigen, die bei den immer kürzeren Laufzeiten neuer Filme nicht hinterher kommen.

Und nun gibt es auch noch die Kinos von Hans-Joachim Flebbe. Er hat die Zukunftsvision vom Premiumkino samt Leder-Liegesitzen, Valet-Parking und Bedienung am Platz in die Gegenwart geholt, 2008 mit der Astor Film Lounge am Ku’damm. Mit dem runderneuerten Zoo Palast folgt nun eine weitere Variante des komfortorientierten Kinos. Attraktiv ist das zunächst vor allem für die Generation 40 plus. Für ein Publikum, das gern mehr fürs Ticket hinlegt, wenn der Abend mehr Annehmlichkeiten verspricht. Kino de luxe, mit edler Bestuhlung, Rotwein- und Speiseauswahl – hier gibt es Wachstumspotential. Die ältere Generation geht immer häufiger ins Kino, die über 60-Jährigen dreimal so viel wie Anfang der Neunzigerjahre. Und nicht alle Jüngeren sind auf Popcorn-Kino versessen.

Kinos brauchen Seele, so das Credo der Architektin Anna Maske, die mit Jens Suhren für die Umgestaltung der Flebbe-Häuser verantwortlich zeichnet. Schon der 50er-Jahre-Originalbau des Zoo Palasts knüpfte an die Architektur der Kinopaläste aus der Blütezeit der Zwanziger- und Dreißigerjahre an, mit großzügigen Foyers, elegant geschwungenen Treppenhäusern und imposanten Sälen. Die Architekten von heute greifen das auf, denn das Ambiente ist dem Arthouse-Publikum wichtiger geworden. Mit der digitalen Umrüstung ist’s nicht getan, in Bestuhlung und Design muss ebenso investiert werden.

Warum eigentlich bauen Stararchitekten wie Frank Gehry, David Chipperfield, Norman Foster oder Herzog & de Meuron Museen, Konzerthäuser, Stadien und Regierungsviertel, aber keine Kinos? Weil sie nicht staatlich finanziert sind? Immerhin untersuchte 2011 ein Workshop im Wedding, wie ein Kino den Problemkiez stimulieren könnte. In Paris gibt es das schon: Im heruntergekommenen Viertel rund um das Bassin de la Villette ließ der französische Filmmogul Marin Karmitz zwei Lagerhallen in Kinos umwandeln – heute das Zentrum einer lebendigen Freizeitkultur. Das Kino hat Probleme? Es kann auch die Lösung sein.

Auf die Dauer hilft jedoch vor allem die Anziehungskraft eines attraktiven, profilierten Programms für ein klar adressiertes Zielpublikum. Die Kids brauchen Spektakelhöhlen mit Popcorn und Knutschsitzen, die Cineasten Programmkinos mit Allen, Almodóvar und Wohlfühlfaktor. Und die jung gebliebenen Alten attraktive barrierefreie Premium-Häuser.

Als das Kino erfunden wurde, gehörte es zu den billigsten Freizeitvergnügen. Weil es eine Zukunft haben will, fängt es an, sich teurer zu verkaufen.

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