Zukunft des Kosovo : Alte Wiege, junges Kind

Von Caroline Fetscher

Seit Wochen probt das Philharmonische Orchester des Kosovo Beethovens „Ode an die Freude“. Mit der Europahymne will die südserbische Provinz den Tag feiern, an dem die dort lebende Mehrheit der Kosovo-Albaner der serbischen Suprematie offiziell Adieu sagen will. Ebenfalls seit Wochen gibt es Spekulationen um das exakte Datum für diesen Tag X, an dessen Wiederkehr Kosovos Kinder wohl in Zukunft schulfrei haben werden. Gestern hatte die internationale Gemeinschaft erneut erwartet, jetzt das Kreuz in den Kalender eintragen zu können. Als aber Premierminister Hashim Thaci dann vor die Mikrofone trat, versuchte er es mit einer klingenden Ode an die Freunde und Feinde. Statt den Stichtag zu benennen, beschwor er seine Bereitschaft, künftig alle Minderheiten im Land nach Kräften zu schützen. Neue Gesetze solle es geben, diktierte er den um die Sensation betrogenen Reportern aus aller Welt, und „eine bessere Zukunft“.

Diplomatisch hat Thaci damit das Aufeinanderprallen zweier Ereignisse vermieden. Fast zur selben Stunde nämlich wurde in Belgrad der serbische Präsident Boris Tadic ein zweites Mal im Amt bestätigt. Während Tadic dort schwor, seine gesamte Energie, „sve svoje snage“, auf die „territoriale Integrität“ Serbiens zu konzentrieren, und der Titularnation noch einmal klarmachen wollte, dass Kosovo „für alle Zeit“ zu Serbien gehört, sprach Thaci in Pristina an die Adresse der Serben im Kosovo. Illusionsloser als die Bürger im Kernland sehen diese ohnehin, dass der Tag X nicht nur vor der Tür, sondern bereits halb auf der Schwelle ist. Thacis Elite muss die Minderheiten im Kosovo beruhigen, soll der Tag X ohne akuten Aufruhr über die Bühne gehen und am Abend friedlich Beethovens Musik gespielt werden.

In Belgrad bedeutet dies alles derweil die letzte Götterdämmerung des großserbischen Traums. Dessen mächtigste Vertreter liegen wie Slobodan Milosevic unter der Erde oder sitzen wie Vojislav Seselj als Kriegsverbrecher in Haft. Nun müht sich die zweite Garde unter Premier Kostunica, die Saga vom Kosovo als der „uralten Wiege Serbiens“ am Leben zu halten. Eine serbische Wiege mag es ja sein, bemerkte unlängst Beqe Cufaj, Vorsitzender der Europäischen Initiative für Kosovo. Es käme jedoch darauf an, welches Kind in der Wiege liege, „und dieses Kind ist albanisch“. Das ist numerisch richtig und nicht der einzige Grund für die Legitimität der Ablösung. Neunzig Prozent der zwei Millionen heute im Kosovo lebenden Menschen sind Albaner. Alle Erwachsenen erinnern sich noch an das Apartheid-System unter Milosevic, fast jeder verlor im Krieg von 1999 Verwandte oder Freunde.

Moralisch ist die Unabhängigkeit kein Problem. Und rechtlich? Im alten Jugoslawien besaßen alle Republiken laut Verfassung ein Recht auf Referendum und Sezession. Zuletzt stieß sich so Montenegro von Serbien ab. Für die Provinz Kosovo, die ein eigenes Autonomiestatut hatte, gelte dasselbe Recht, erklären die Albaner dort. Sie bekommen dafür jetzt auch Rückendeckung aus Washington und Brüssel. Endlich, denn diese Unterstützung hätte sofort nach der Intervention der Nato passieren müssen.

Gleichwohl soll die Europahymne, nach der sich auch Teile von Serbiens jüngerer Generation sehnen, ja nicht Nationalismen wecken, sondern einen postnationalen Gedanken enthalten, bei dem die Farben der Wiege und der Pass des Kindes zweitrangig sind. Es wird dauern, bis sich dieser Gedanke im traumatisierten Südosteuropa durchsetzt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben