Zeitung Heute : Zukunftsbranche Logistik: Internet und E-Commerce

Harald Olkus

Seitdem Entertainer-Bruder Christoph Gottschalk die Fernsehnation allabendlich über das Logistik-Know-how der Deutschen Post AG informiert, keimt auch beim Normalbürger eine Vorstellung von der Bedeutung des Fachgebiets. Naheliegend, dass Logistik auch eine Jobmaschine ist. In Deutschland beschäftigen Logistiker rund acht Millionen Arbeitnehmer. Vor allem das Transportgewerbe mit rund 42 000 Firmen und 400 000 Beschäftigten sucht händerringend qualifizierte Mitarbeiter.

Der 17. Deutsche Logistik-Kongress vergangene Woche mit über 2000 Teilnehmern war deshalb nicht nur ein Stelldichein der internationalen Logistik-Prominenz, sondern auch eine Jobbörse ersten Ranges. Wechselwillige Führungskräfte, die das Denken in Prozessketten beherrschen, brauchten sich an den Ständen im Hotel-Foyer nicht lange aufzuhalten - schon waren mehrere Jobofferten ausgesprochen.

Wer den Logistik-Kongress verpasst hat, braucht nicht mit sich zu hadern. Ihm sind zwar zukunftsweisende Fachvorträge entgangen, aber die kann er ab Ende des Oktober im Internet abrufen. Die Bundesvereinigung Logistik (BVL, t 04 21 / 17 38 40) nimmt den Kongress-Schwerpunkt E-Business ernst. Unter " www.bvl.de/livesystems/index.html " ist eine Online-Anmeldung zum "Video on Demand" möglich. Die Deutsche Logistik Akademie (DLA, t 04 21 / 36 08 460, www.dla.de ) kümmert sich um Weiterbildung.

Logistiker haben glänzende Berufsaussichten, meint Helmut Baumgarten vom Bereich Logistik an der Technischen Universität Berlin (TU). Die Branche ist auf Wachstumskurs, seit Jahren schon. Kein Wunder, das traditionelle Transportgewerbe profitiert von der faktischen Verlegung der Lagerhaltung auf die Autobahnen. Die punktgenaue Anlieferung der Waren macht eine ausgeklügelte Koordination erforderlich, und damit steigen auch die Anforderungen, die an die Logistiker gestellt werden.

Einen weiteren Wachstumsschub erhält die Branche durch Internet und E-Commerce. Denn jede Online-Bestellung setzt eine umfangreiche Transport-Maschinerie in Bewegung. Schließlich soll die bestellte Ware nicht virtuell im Netz bleiben, sondern auch physisch beim Kunden ankommen. Allein durch E-Commerce werden die Fahrten im Güterverkehr innerhalb der nächsten fünf Jahre um zehn Prozent zunehmen, schätzt man bei der Dresdner Bank. Fachleute erwarten, dass kaum ein anderer Wirtschaftszweig des "Alten Marktes" so sehr vom Boom des "Neuen Marktes" profitieren werde, wie das Transportgewerbe.

Zu den Händlern im Netz gehören nicht nur Waren- und Versandhäuser wie "Inter-Shop" und "Otto", sondern auch Start-up-Unternehmen wie die Frankfurter Valentins GmbH. Das seit Anfang des Jahres bestehende Unternehmen ist Marktführer im Direktversand von Blumensträußen. Anders als bei Fleurop, das die Bestellungen an einen angeschlossenen Blumenladen in der Nähe des Bestellers weitervermittelt, bindet "www.valentins.de" die Blumensträuße in Frankfurt selbst und liefert innerhalb 20 Stunden an die Kunden aus, egal wohin in Deutschland. "Logistisch ist das nicht ganz trivial", sagt Geschäftsführer Erik Siekmann. Erreicht ein Blumenstrauß den Adressaten nicht bis zwölf Uhr am Tag nach der Bestellung, gibt es Tags darauf einen Blumenstrauß umsonst. "Aber unsere Beschwerdequote ist gering - sie liegt bei unter einem Prozent", sagt der Geschäftsführer.

Möglich wird das unter anderem durch den Einsatz eines "Tracking-Systems". "Damit können wir immer nachvollziehen, wo der Blumenstrauß gerade ist." Und der Kunde kann dies per Internet ebenfalls. "Dem Besteller gibt das die Sicherheit, dass der Strauß auch rechtzeitig ankommt", sagt Siekmann, "und wir können schnell reagieren, falls etwas schief läuft."

Eine schnelle und vor allem zuverlässige Lieferung ist die Voraussetzung für den Erfolg des E-Commerce. Deshalb nimmt die Logistik einen entscheidenden Stellenwert ein. "Durch flexible, kooperativ geführte Netze wird die Logistik herausgefordert, bei steigendem Güteraufkommen mit hohen Belieferungsfrequenzen und geringeren Sendungsgrößen noch engere Zeitfenster zu bedienen, um dadurch auch den steigenden Service-Anforderungen zu genügen", beschreibt eine aktuelle Studie der TU Berlin Trends und Strategien in der Logistik.

Nicht zuletzt deshalb gehören Logistiker seit einigen Jahren zu den am meisten gesuchten Fachkräften auf dem nationalen und internationalen Arbeitsmarkt. Schnelllebige Märkte, verkürzte Produktlebens- und Innovationszyklen sowie weltweite informationstechnische Vernetzung erfordern schnelle und hochverfügbare Logistiksysteme - und Menschen die sie steuern.

Logistiker gestalten den Güter- und Informationsfluss entlang der gesamten Wertschöpfungskette - innerhalb der Unternehmen und im Kontakt zu den Kunden. Sie nehmen deshalb in der zusammenwachsenden Unternehmenswelt eine Schlüsselstellung im Management ein. Aufgrund des ganzheitlichen Prozesscharakters der Logistik müssen Fach- und Führungskräfte über ein besonders breites Wissensspektrum der betrieblichen Abläufe, soziale Kompetenz und eine gute Allgemeinbildung verfügen.

Neben betriebswirtschaftlichen und technischen Kenntnissen sollte ein Logistiker sich mit Informationssystemen auskennen und mindestens eine Fremdsprache verhandlungssicher beherrschen. Neben den klassischen Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch sind dabei immer öfter asiatische Sprachen gefragt. Vor allem von Führungskräften werden "besondere Befähigungen im Bereich Projektmanagement" verlangt. "Der qualifizierte Logistiker muss in der Lage sein, in Teams zu arbeiten, Projekte und Mitarbeiter zu führen, betriebliche Teilprozesse zu koordinieren, Prozesse und Schnittstellen ganzheitlich zu gestalten und dabei Reibungsverluste zu vermeiden, beziehungsweise zu optimieren", heißt es in der Studie. Als Konsequenz für die gestiegenen Anforderungen im Transportgewerbe wird von den Stellenbewerbern mittlerweile meist ein Hochschulabschluss verlangt.

Die Ausbildung zum Speditionskaufmann allein reicht den großen Logistik-Dienstleistern trotz des Fachkräftemangels als Qualifikation nicht mehr aus. Am beliebtesten unter den Hochschulabsolventen sind die Wirtschaftsingenieure. Dies sei besonders auf das Ausbildungskonzept des Studiengangs zurückzuführen, das auf einer Verzahnung von Technik und Management basiert, heißt es in der Studie. Doch auch Betriebswirtschaft und Verkehrswesen seien eine gute - und häufig gewählte - Grundlage für eine Karriere in der Logistik.

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