Zeitung Heute : Zululand: Wo man Liebesbriefe aus Perlen stickt

Hella Kaiser

Stammesfehden hatte es immer gegeben im südlichen Afrika. Zulu-Häuptling Shaka aber beließ es nicht bei nachbarschaftlichen Kämpfen um neues Weideland. Er wollte mehr beherrschen als das fruchtbare Nkwalini Tal im grünen unteren Zipfel Südafrikas. Als er 1816 die Herrschaft über das "Volk des Himmels" übernommen hatte, lebte seine Sippe auf gerade mal fünfzehn Quadratkilometern. Zwölf Jahre später kontrollierten die Zulu Tausende von Kilometern und hatten sogar das Gebiet des heutigen Simbabwe erobert. Die von Shaka grausam gedrillten Krieger galten als unbesiegbar, und ihre Speere trafen punktgenau.

1879 aber standen die Zulu einer Armee gegenüber, gegen deren Waffen sie machtlos waren. Alle drei Sekunden konnten die Briten aus ihren Martini-Henry-Karabinern einen Schuss abfeuern. Die Kugeln durchbohrten die Fellschilde der Zulu-Krieger, Zehntausende starben bei den Gemetzeln. Unweit von Ulundi erinnert ein ovales Monument aus Natursteinen an die letzte große Schlacht am 4. Juli 1879. Das Riesenreich der Zulu wurde zerschlagen.

Über die Schlachtfelder ist längst Gras gewachsen. Frieden ist eingekehrt und - nach der politischen Wende in Südafrika - ein Mal mehr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Zu Zeiten der Apartheid glich die Kleinstadt im Herzen der Provinz Kwa Zulu-Natal einem verschlafenen Nest. Kein Vergleich zum ungleich größeren, quirligen Pietermaritzburg mit seinen repräsentativen viktorianischen Bauten, von denen aus die so genannten Homelands der Zulu, meist ohne deren Mitsprache, verwaltet wurden. Heute wird in Ulundi regiert. "Wir wollten eine Hauptstadt, die mit unseren Wurzeln zu tun hat", erklärt Ulundis Bürgermeister Siphosethu L. Ngcobo und verweist stolz auf das neue, mächtige Parlamentsgebäude: "Es ist das modernste im ganzen Land."

Die Demokratie müsse noch gelernt werden, gibt Ngcobo freimütig zu. Hier und da widersetzten sich die Stammeshäuptlinge den neuen Gesetzen, wollten nicht begreifen, dass "ein Staat ohne Steuern nicht funktionieren kann". Langwierig seien die Verhandlungen mit den "Chiefs", deren verzwickte Rituale man streng befolgen müsse. Von schwarzen Politikern fordern die Zulu jenen Respekt, den ihnen die weißen Herren so lange versagt hatten.

"Als ich aufwuchs brachte man mir bei, dass ich weniger wert bin", sagt Ngcobo. Außerhalb der traditionellen Dorfgemeinschaften war es den Zulu untersagt, ihre bunte, oft aus Fellen genähte Tracht zu tragen. Ihre melodisch klingende Sprache mit den schwer nachzuahmenden Schnalzlauten wurde belächelt. Wer nicht gut genug Englisch sprach, war ohnehin chancenlos.

Ohne Englisch allerdings, das weiß der hauptberufliche Lehrer Ngcobo, kommt man auch heute nicht weit. Eine ausgezeichnete Schulbildung sei unerlässlich für die Jugend in Kwa Zulu-Natal, wenn sie nicht wie ihre Väter als schlecht bezahlte Tagelöhner in den Suburbs von Durban landen wollten. Die Arbeitslosenquote in Zululand beträgt mehr als vierzig Prozent. Die Landwirtschaft wirft wenig ab, Industriebetriebe fehlen. "Im Tourismus", so hofft der Bürgermeister, "könnte unsere Zukunft liegen."

Zwölf Millionen Touristen reisten im vergangenen Jahr nach Südafrika. Die Provinz Kwa Zulu-Natal allerdings wird bei Rundreisen nur gestreift, und das an den Stränden rund um Durban oder in einigen Golfresorts verdiente Geld fließt kaum in die Taschen der Einheimischen. Nun sollen kleine Projekte helfen, die schöne Idee vom "Community based tourism" in der Praxis zu erproben. Einfach ist es freilich nicht, die Landbevölkerung am Segen der Urlaubsindustrie zu beteiligen.

"Wir können keine Jobs anbieten, aber wir können immerhin ein bisschen Einkommen schaffen", sagt Darby Gounden in Eshowe. Der stille Ort mit seinen prunkenden Blumengärten liegt am Rand eines dschungelartigen Naturparks, in dessen Baumriesen seltene Vögel zu beobachten sind. Das ehemalige norwegische Fort Eshowes beherbergt heute ein liebevoll ausstaffiertes Museum, in dem man viel über die Geschichte und Traditionen der Zulu erfährt. Was im Museumsshop angeboten wird, liefern die Frauen aus der Umgebung. "Viele sind auf diese Geldquelle dringend angewiesen", erklärt Darby Gounden, denn der von den Männern in Durban verdiente Lohn reiche selten für die ganze Familie.

Die Zulu-Frauen bestimmen selbst den Preis für ihre bunten Perlenarbeiten und freuen sich, wenn Touristen ihre gestickten Gürtel und farblich schön abgestimmten Ketten bewundern. Ohne das Interesse der Reisenden, glaubt Darby Gouden, würden sich die Enkelinnen kaum, wie neuerdings, für die Handwerkskunst ihrer Großmütter interessieren. Noch immer aber wohnen viele Dörfler in jenen runden, aus Gras geflochtenen Hütten, die sich so wunderbar in die Landschaft fügen. Bisweilen sind sie so angeordnet, wie es sich für einen traditionellen Kraal gehört. Die am höchsten Punkt gelegene Hütte ist den Ahnen der Familie gewidmet. Der Häuptling wohnt, immer rechts dahinter, in einer kleineren Hütte.

Manche dieser Kraals sind heute für Gäste zugänglich. Dort führen die Zulus ihre wild erscheinenden Tänze vor, zupfen an seltsam anmutenden Musikinstrumenten und zeigen, wie man Hirsebier braut. Afrikanisches Disneyland für Touristen? In vielerlei Hinsicht spiegelt das, was den Reisenden vorgeführt wird, den realen Dorfalltag der Zulu. Noch immer fragen sie die Geister ihrer Ahnen um Rat, noch immer erlernen die Knaben den Umgang mit den Wurfspeer, noch immer schält der Inyanga (Heiler) in mondhellen Nächten Baumrinde, um sie dann, mit Schlangenhaut, Knochen und allerlei Innereien zu einer Medizin zusammenzukochen.

Neben der tief verwurzelten afrikanischen Kultur fasziniert in Kwa Zulu-Natal das, was viele Touristen zuallererst nach Südafrika lockt: Die exotische Tierwelt. Im Nationalpark Hluhluwe-Umfolozi kann man sogar das selten gewordene weiße Nashorn entdecken. 1650 davon soll es hier noch geben, dazu rund 400 von den mächtigen schwarzen Artgenossen. Büffel, Giraffen und Geparden liegen nicht, wie im ungleich größeren, steppenartigen Krügerpark quasi auf dem Präsentierteller, sondern treten bisweilen eher unvermutet aus dem Dickicht hervor. Dazwischen, auf Ebenen vor sanften Hügelketten, grasen Zebras, Gazellen springen.

Nahezu 500 Menschen aus den angrenzenden Dörfern haben wegen des vielbesuchten Parks eine Beschäftigung gefunden. Jeder Besucher bezahlt neben der Eintrittsgebühr noch eine Art Steuer, die direkt an die Gemeinden weitergeleitet wird. "Mit diesem Geld wurden Wasserleitungen finanziert, aber auch Schulen gebaut und Unterrichtsmaterialien gekauft", erklärt der Park-Konservator Tim Dale.

Im Hilltop Camp mit seiner berückenden Aussichtsterrasse werden Nachtsafaris durch den Busch angeboten. Dabei kann einem in dieser Wildnis bereits tagsüber schon mal mulmig werden. Eine Elefantenherde blockiert unseren Weg. Fahrer John nähert sich vorsichtig im Schneckentempo, weil, so sagt er lächelnd, "Elefanten bei zuviel Nähe schon mal ärgerlich werden". Einer trabt mit flappenden Ohren heran und John - den Rückwärtsgang hatte er vorsichtshalber schon eingelegt - macht ihm Platz. Ein paar Meter vor der Kühlerhaube dreht der graue Koloss ab und hebt, als hätte er einen Sieg errungen, seinen Rüssel triumphierend in die Luft.

Vielleicht gehörte er zu jenen Bullen, die man einst als Waisen vom Krügerpark bekam. "Mit ihnen hatten wir Probleme", erzählt Tim Dale. Im Zuge der Geschlechtsreife seien sie aggressiv geworden, "so wie ungezogene Teenager, die ihre Macht erproben wollten". Sie seien eben "ohne ordentliche Erziehung" aufgewachsen. Zwar war nie etwas passiert, aber man wollte es nicht darauf ankommen lassen. Also holte man ein paar alte Elefantenbullen, die den Jungen Respekt beibringen sollten. "Es hat geklappt", sagt der Wildtier-Experte lachend.

Gebührender Abstand ist dennoch ratsam. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, im Lake St. Lucia zu baden. Etwa 800 Flusspferde und rund 1200 Krokodile leben hier im Osten von Zululand, und längst hat die Unesco dieses Areal, das vor allem für Ornithologen ein Paradies ist, zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt.

Zahlreiche Restaurants und Läden säumen die Hauptstraße von St. Lucia, aber irgendwo, hinter den mit Reklamen zugepflasterten Fassaden, üben sich ein paar Zulujungen im Stockkampf. Auch in den Townships von Durban, weit entfernt von den Hoteltürmen an der so genannten Golden Mile am Indischen Ozean, kann man sie bei ihren traditionellen Spielen beobachten. Vielleicht erhält der eine oder andere von der Freundin aus dem Dorf noch einen aus Perlen gestickten Liebesbrief. Botschaften wie zur Zeit von King Shaka, in Mustern und Farben verschlüsselt. Eine Werbebroschüre aus Ulundi nimmt einem diese romantische Hoffnung. Da sitzen Zulu-Mädchen in Schuluniformen am Computer. Längst sind E-Mails und Internet nach Kwa Zulu-Natal vorgedrungen. Das "Volk des Himmels" sucht seinen Platz in der Moderne.

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