Zeitung Heute : Zum Abschied Contenance in Rosa

Der Tagesspiegel

Von Esther Kogelboom

Es ist so ungerecht. Shawne Borer-Fielding muss ihre Burg verlassen. Sicher, es gibt Menschen, die es schwerer haben im Leben. Aber Shawne ist uns ans Herz gewachsen. Was sie für die Diplomatie, die Schweiz und Berlin getan hat, kann ein Joseph Deiss im fernen Bern noch nicht mal erahnen. Shawne Borer-Fielding war ein schillernder, charmanter Glückskäfer für Berlin. Sie polarisierte - mal schrill, mal kreuzbrav, mal texanisch, mal schweizerisch.

Und jetzt muss sie ausziehen. Warum ist klar, aber wohin? „I have no idea“, sagt sie und formt einen Schmollmund. Im Halbkreis um sie herum stehen Fotografen, Kamerateams, Reporterinnen. Alles könnte wie immer sein. Ist es aber nicht. Die Stimmung ist gedrückt, Frau Fielding bewahrt die Contenance. Auf dem Kopf trägt sie einen rosa Turban, am Leib ein schulterfreies rosa Kleid, um den Hals Glitzerzeug. Glatt, perfekt geschminkt. Sie scheint misstrauisch, was nicht weiter verwundert - war es doch die Boulevardpresse, die ihren Mann aus dem Amt und damit auch sie aus der Botschaft gedrängt hatte. Und wie soll sie im Blitzlichtgewitter erkennen, wer wer ist?

Ihr Vater, George Fielding, sitzt neben ihr. Ein schüchterner, unscheinbarer Daddy mit großer Brille, der für wenige Tage nach Berlin gekommen ist, er hilft seiner Tochter beim Umzug. Niemand interessiert sich für die Columbia Club Premiere, zu der Deutschlandchef Jürgen Schau ein paar Mal im Jahr einlädt – und deren Gastgeberin die Noch-Botschafterehefrau gestern war. Zu sehen gab es übrigens einen Film über den Actionpainter Jackson Pollock.

Trotzdem: Shawne Borer-Fielding, das Opfer? Nein. Eine glamouröuse Person wie sie schwebt über den Dingen. Eine angedichtete Schwangerschaft, eine Djamila Rowe – auch die schmierigste Öffentlichkeit kann ihr nichts anhaben. Andere würden längst zurückbeißen, Shawne Borer-Fielding lächelt würdevoll und sagt, dass sie ihren Mann liebt und ihm glaubt. Die beiden kleben aneinander wie Risottoreiskörnchen. Da geht nichts dazwischen – gelebte Loyalität.

Shawne Borer-Fielding passte zu Berlin. Leicht überdreht, bei der Volksküche Unter den Linden am Schweizer Nationalfeiertag ebenso engagiert wie bei der Gala für Folteropfer oder beim Fotoshooting für die Zeitschrift „Max“ auf dem Dach der Botschaft. Unvergessen ihre hingehauchte Interpretation der Schweizer Nationalhymne – die Frau hat einfach ein Gespür für den ganz großen Auftritt.

Wir werden sie vermissen, und man möchte nicht in der Haut ihrer Nachfolgerin oder ihres Nachfolgers stecken. Aber möglicherweise wird uns Shawne Borer-Fielding auf irgendeine Art und Weise erhalten bleiben. Dazu will sie verständlicherweise nichts sagen. Heute findet in der Schweizer Botschaft ein Abschiedsempfang für das scheidende Botschafterpaar statt. Der Glückskäfer fliegt weg. Leider.

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