Zeitung Heute : Zum Agitator in der Nikolaikirche

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Da kommen Zwerge herein: In der gotisch hoch gewölbten Nikolaikirche wirken die Grundschüler und besonders die Mädchen mit ihren schwarzen Kopftüchern sehr putzig. Ein Mädchen kichert: „Schämt Euch, hier sind überall nackte Frauen.“ Und sie zeigt auf eine überlebensgroße, leicht nach vorne geneigte Flora, die hoch über einer italienischen Landschaft stehend, mit einem bunten Blumenkranz geschmückt ist.

Wolfgang Peucker (1945 – 2001), in der DDR lebend, hat ein erstaunlich differenziertes malerisches Werk geschaffen. 1982 ein Portrait, eine Frau vor dem Brandenburger Tor, sie schaut in den Osten, ihr Gesicht wirkt angestrengt und melancholisch, die Augen sind mit Tränen gefüllt, im Hintergrund leuchtet golden die Siegessäule; ein „Sehnsuchtsmotiv“, wie der Maler selbst sagt. Der verschwommene und schwächliche „Agitator“ ist ebenfalls eine Reaktion auf die DDR-Wirklichkeit. In den Bildern, die nach dem Zusammenbruch der DDR geschaffen wurden, marschieren an der Neuen Wache bedrohliche Militärs, graue Totenköpfe gen Osten; und ebenso makaber erscheinen am Pariser Platz ein Stahlhelm, der Alte Fritz, ein Clown. Diesmal sind es Angstmotive. Auch die Malerei hat sich geändert, sie ist trocken und bevorzugt graue Töne.

Man glaubt einen anderen Maler zu sehen, wenn man dagegen „Pass I bis III“ ansieht: gewaltige Gebirgslandschaften, seltsame Farben, kleine schwarze Menschen, die diese Pässe überschreiten. Sehr unterschiedlich sind auch Peuckers Portraits: Lagerfeld, Bacon, Wagner und Ludwig II., Frauengesichter. Insgesamt ein erstaunlich vielfältiges Werk, das nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Daher stehen die beiden Freunde lange vor den Bildern und diskutieren. Oben hängt der riesige, blutige Christus über den Zwergen, ihren Kopftüchern, den Bildern und den Freunden.

„Ist doch toll“, sagt der Kunstfreund, und er meint die Kirche, die Kinder, die Führerin, die Bilder und den neuerdings freien Eintritt (was viele Touristen hereinlockt), „und wir haben den Rücken frei“. „Aber trotzdem schmerzt er“, sagt der Rentner.

Museum Nikolaikirche am Nikolaiplatz, Berlin-Mitte, Wolfgang Peucker bis zum 29. Mai, Di – So 10 – 18 Uhr.

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