Zeitung Heute : Zum Beispiel Moisling

Das Potenzial der NPD vor der Wahl in Schleswig-Holstein – ein Besuch in Lübeck

Stephan Haselberger[Lübeck]

Rot ist die beherrschende Farbe. Rot leuchten die Jacken der Wahlkampfhelfer und der Schal von Franz Müntefering. Es ist Donnerstagabend, knapp 72 Stunden vor der Wahl in Schleswig-Holstein, und Müntefering steht auf einer grellroten Bühne und spricht von „brauner Soße“. Er meint die NPD, die am Sonntag die Fünf-Prozent-Hürde schaffen und die SPD damit in eine große Koalition zwingen könnte. Aber so genau will der SPD-Vorsitzende davon nicht reden. Er muss jetzt etwas klar stellen: Verantwortlich für Erfolge rechtsextremer Parteien seien weder Regierung noch Opposition. Sondern allein die Wähler. „Wer an unserer Politik etwas auszusetzen hat, der soll sich in die Demokratie einmischen“, ruft Müntefering. „Man darf nicht aus Protest Nazis wählen!“

Er bekommt viel Applaus für solche Sätze. Überhaupt herrscht Siegeszuversicht in der SPD – bei den 2000 da unten im Publikum und bei denen da oben auf der Bühne. Neben Müntefering ist auch der Kanzler aus Berlin angereist in die Musik- und Kongresshalle von Lübeck, wo sich die Partei zur letzten großen Kundgebung vor der Wahl versammelt hat, in einem modernen, lichten Glasbau, zweckorientiert und ein wenig kühl, so wie die Schröder-SPD selbst.

Ein paar Kilometer entfernt, im Lübecker Stadtteil Moisling, ist Rot ebenfalls die dominierende Farbe, aber sie leuchtet nicht. Es ist das verwaschene Ziegelrot des sozialen Wohnungsbaus, der monotonen Blöcke, die man hier in den 60er und 70er Jahren hochgezogen hat – damals, als die Lübecker SPDHochburg Moisling noch ein Arbeiterviertel und kein Arbeitslosenviertel war. Heute leben rund 12000 Menschen hier, die Arbeitslosigkeit liegt bei 22,6 Prozent, der Anteil der Sozialhilfeempfänger bei 13,5 Prozent. In manchen Straßenzügen beziehen über 40 Prozent der Erwerbsfähigen ihr Geld vom Staat. Und in manchen Wahlbezirken erreichte die rechtsextreme DVU, die 1992 in den Kieler Landtag einzog, Spitzenergebnisse zwischen 17 und 18 Prozent. Es ist also gut möglich, dass in den rotbraunen Häusern von Moisling etliche der „Verantwortlichen“ wohnen, von denen Müntefering spricht. Die Frage ist nur, ob sie ihn noch hören können da draußen in ihrer Parallelwelt.

Die Rentnerin Margrit Sawicki und der gelernte Fliesenleger Stefan Reiss zum Beispiel, die am Mittwochnachmittag vor der Wahl auf dem Sofa sitzen und über die NPD reden. Die Braunen haben Post geschickt, ein Faltblatt. „Ich habe eine gesunde deutsche Einstellung“, sagt Reiss. Er trägt eine schwarze Bomberjacke und eine rote Jogginghose. Er kommt gerade erst vom Briefkasten, weil er nicht gerne vor drei Uhr aufsteht, er lebt vor allem nachts. Das heißt: Er sieht fern und trinkt. Reiss ist jetzt 40, sein Gesicht ist grau. Er hat Übergewicht und Wasser in den Beinen, und er glaubt nicht mehr, dass er je wieder arbeiten wird – „mit meinem Alkoholproblem“.

In den USA gibt es für Leute wie ihn eine böses Wort: „White Trash“. So wird dort seit langem die weiße Unterschicht genannt, für die es keinen sozialen Aufstieg mehr geben kann, weil ihr die Bildung fehlt. „White Trash“, das heißt kulturelle und soziale Verwahrlosung über Generationen hinweg. Und es heißt Anfälligkeit für extreme Parteien.

In dem Faltblatt der NPD, das Reiss aus dem Briefkasten gezogen hat, steht unter anderem, dass die Parteien des „BRD-Systems“ und die Hartz-Gesetze schuld seien am der „sozialen Notlage“. Die meisten dieser oder anderer Sätze aus der NPD-Werbung würden Margrit Sawicki und Stefan Reiss sofort unterschreiben. Denn sie laufen auf das hinaus, was beide ohnehin glauben. „Die Deutschen“, sagt Reiss, „haben immer die Arschkarte.“ „Bei den vielen Ausländern“, sagt Frau Sawicki, müsse man sich nicht wundern, wenn viele in Moisling sagen: „Da muss mal wieder ein kleiner Adolf her.“

Sie selbst würde sich das nicht wünschen, nicht im Ernst. Die 63-jährige stammt aus einer Familie in der traditionell SPD gewählt wird, ein Onkel war in den 60er Jahren Sozialsenator in Lübeck. Den Sonntag wird sie im Wahlbezirk 303 von Moisling verbringen, als Wahlhelferin. Aber wenn die NPD schreibt, dass sich Ältere wegen des „viel zu hohen Ausländeranteils“ abends nicht mehr auf die Straße trauen, dann stimmt sie zu. Von da aus ist es nicht mehr weit zur Forderung der NPD nach „Rückführung der hier lebenden Ausländer in ihre Heimat“.

Wahrscheinlich ist es so, dass der Weg nach ganz Rechts in Moisling kürzer ist als anderswo, weil es aus Moisling für viele kein Entkommen gibt. Das Viertel, sagt der Jugendarbeiter Detlev Kiesow, seit über 20 Jahren vor Ort, sei „so etwas wie ein Ghetto“, in dem die Chancenlosigkeit der Eltern auf die Kinder vererbt werde: „Es setzt sich nicht nur fort, es potenziert sich.“ Immer mehr Kinder seien „verhaltensauffällig“, hätten nicht nur Schwierigkeiten, sich auszudrücken, sondern auch, rückwärts zu gehen oder Bälle zu fangen.

Wer Glück hat von den Kindern in Moisling und ein Elternhaus, in dem nicht getrunken wird, der kommt auf die Realschule. Ein Gymnasium gibt es nicht. Wer Pech hat, landet auf der Sonderschule. Denny hatte Pech. Er ist ein schmächtiger 15-jähriger Junge, in seinem Zimmer steht ein Aschenbecher, an der Wand hängt ein Schlagstock. Er sagt wenig im Gegensatz zu seiner 45-jährigen Mutter, die das traurige Moislinger Mantra vorträgt, wonach die Rechte der Deutschen „vom Tisch gefegt“ werden, der Staat „Nackenschläge“ verteilt und sich die Politiker „die Taschen vollstopfen“, mit „40000 Euro im Monat“. Das mag mit der Realität nichts zu tun haben. Aber für Denny ist es real.

Was werden sie wählen an diesem Sonntag: die Mutter, die Rentnerin Sawicki und der Trinker Reiss? Gar nicht, sagt die Mutter. Die SPD, „weil das schon immer so war“, sagt Frau Sawicki. Die NPD, „weil mit die ganzen Türken auf den Sack gehen“, sagt Reiss. Wie sagte Franz Müntefering noch in der schicken Halle? Von Schleswig-Holstein werde ganz sicher „ein Zeichen“ ausgehen: „Die braune Soße wird in Deutschland nie wieder eine Chance haben.“ Man wird sehen.

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