Zeitung Heute : Zum Ende ein Ausrufezeichen

Parteitag der Tränen – die SPD begeht das Ende der Ära Schröder, und der sieht ziemlich zerknautscht aus

Stephan Haselberger Axel Vornbäumen[Kar]

Es wird dunkel in der Messehalle zu Karlsruhe, und auf der Großbildleinwand taucht einer auf, den man hier, beim Parteitag der SPD, nun wirklich nicht vermutet hätte: Helmut Kohl. Es ist ein sehr kurzer Auftritt. Man sieht die mächtige Gestalt des ehemaligen Kanzlers auf der Bonner Regierungsbank sitzen und sich ein Bonbon in den Mund schieben. Schnitt.

Vor der Großbildleinwand sitzt Gerhard Schröder, sein Rücken ist den Delegierten zugewandt. Einige wenige Tage noch, dann wird er Kohls Schicksal teilen. Er ist zum letzten Mal als Kanzler auf einem SPD-Parteitag, gleich wird er seine letzte Rede als Regierungschef vor den Genossen halten.

Einen Film hat ihm seine Partei geschenkt, und nun sieht er also im Schnelldurchlauf noch einmal seine Amtszeit an sich vorbeiziehen – sieben Jahre, wie Franz Müntefering es zuvor genannt hat, „in denen du es nicht immer leicht gehabt hast mit uns. Und wir nicht leicht mit dir“. Es sind Bilder, vielleicht nicht einer Epoche, ganz sicher aber doch eines Lebensabschnitts dieser Republik. Schröder-Zeit. Der Wahlsieg ’98 ist zu sehen, der Kosovo-Krieg, die Terroranschläge vom 11. September, die Ankündigung des Kanzlers, „uneingeschränkte, und ich betone, uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA zu üben. Im Zeitraffer rasen die Jahre. Deutsche Soldaten in Afghanistan, die Vertrauensfrage, keine deutschen Soldaten im Irak. Die Flut. Die Wiederwahl. Helmut Schmidts Empfehlung: „die Tapferkeit, das Notwendige auch zu tun, wenn es zunächst unpopulär ist“. Schon ist sie da: die Agenda 2010. Der Wahlkampf des Sommers 2005 schließlich, der die SPD in selbst nicht mehr geglaubte Sphären der Wählergunst gehievt hat – auf Augenhöhe mit der Union, wenigstens das.

Die SPD in Karlsruhe, das ist eine Partei, die zwei Mal Abschied nehmen muss, um einen neuen, wahrscheinlich beschwerlichen Anfang zu wagen, auch wenn manche Genossen meinen, dass es harte Schnitte nicht gibt, nicht in Reinkultur – jedenfalls nicht in einer Partei wie der SPD. Doch der Abschied von Schröder als Kanzler, als Frontmann, als Alphatier ist endgültig. Mag der Verstand auch für die Situation präpariert sein, die Seele ist es nicht an diesem Montag. Schon klar, die Partei und das Land haben mit diesem Kanzler wechselvolle, bisweilen schmerzhafte Jahre erlebt, bis er am Ende seines „weiten Wegs vom Proletarierkind ins Kanzleramt“ angekommen ist. Als Franz Müntefering zu Beginn seiner Rede an diesen Weg erinnert, muss Gerhard Schröder zum ersten Mal mit den Tränen kämpfen, und in den Reihen der Delegierten kämpfen nicht wenige gleich mit. Der Altkanzler in spe sieht zerknautscht aus in diesem Moment. Später wird er einräumen, dass die Jahre nicht spurlos an ihm vorüber gegangen sind.

Franz Müntefering, der baldige Vizekanzler, muss in Karlsruhe ebenfalls Abschied nehmen und den SPD-Vorsitz – „das schönste Amt neben dem Papst“ – an Matthias Platzeck abtreten. 606 Tage habe er es innegehabt, sagt er, das habe man ihm ausgerechnet. Und in formvollendeter sauerländischer Bescheidenheit ist das auch schon der Hauptteil jener knappen Zusammenfassung seiner Amtszeit: „Ich habe das Amt damals nicht gesucht, aber ich habe mich, als der Punkt da war, auch nicht daran geklammert.“ Und dann sagt er noch, er hoffe, dass, wenn später mal die Rede von ihm sein werde, ein Ausrufezeichen hinter seinem Namen stehe und kein Fragezeichen.

Für Schröder hält er nun die Abschiedsrede, so wie Schröder das später für ihn tun wird. „Du hast ein gutes Stück Geschichte dieses Landes geschrieben“, ruft Müntefering. „Du hast dich um Deutschland und die deutsche Sozialdemokratie verdient gemacht.“ Zweierlei werde bleiben von Schröders Kanzlerschaft, prophezeit Müntefering, „und das macht uns alle miteinander stolz“: Aus Deutschland eine „friedliche, selbstbewusste Macht“ gemacht und den Mut zur Veränderung und zu Reformen aufgebracht zu haben. Es ist noch nicht einmal zwölf Uhr, da steht der Parteitag schon das erste Mal auf, um Schröder minutenlang zu beklatschen.

Mag sein, das ist er, der emotionalste Moment dieses Abschieds- und Anfangs-Parteitags von Karlsruhe. Es gibt diese Augenblicke in der Politik, die ihre eigene Dynamik entwickeln – und dies ist so einer. Gerhard Schröder also sitzt alleine auf seinem Platz am äußersten Ende des Podiums, zwei Plätze neben ihm steht Matthias Platzeck und fixiert den scheidenden Kanzler, als gelte es, den letzten Blick auf Gerhard Schröder zu werfen. „Mach doch weiter“, ruft der Brandenburger, der an diesem Dienstag zum zehnten SPD-Chef gewählt wird – und da fällt auf einmal auch von Gerhard Schröder ein wenig Spannung ab. Er steht auf, winkt Müntefering und Platzeck zu sich, und gemeinsam stehen sie vor ihrer Partei, eng umschlungen, ganz Troika, und sogar Franz Müntefering, der Distanzmensch, hat nichts dagegen.

Wenig erinnert in diesem Moment daran, dass dieser Gerhard Schröder, der jetzt so gefühlvoll Abschied nimmt, derselbe ist, der in Zeitungsinterviews von Parteirebellen spricht, die man „in die Knie zwingen“ muss. Oder der am Vorabend des Parteitages Reporter mit einer Handbewegung verscheucht, die für gewöhnlich Fliegen vorbehalten ist. Er war eben immer beides, dieser Kanzler: Krawallero und Staatsmann, oft in atemberaubendem Wechsel und bisweilen sogar zur Selbstironie fähig. Am Abend zuvor hat er sich beim Presseempfang in einer ehemaligen Munitionsfabrik noch einen Spaß gemacht und die erste Rede seines Lebens auf Englisch gehalten; in Anlehnung an jenes geflügelte Wort von Franz Müntefering: „Partei gut. Fraktion gut. Glück auf.“ Im Schröder-Englisch klingt das an diesem Abend so: „Party is good. Parlamentarian club is good. Government was good. Coalition will be good. All the best.“ Er habe nicht gewusst, setzt der scheidende Kanzler hinzu, was „Glück auf“ auf Englisch heiße. „Lack ab“, ruft da einer lautmalerisch in seine Rede hinein, und so ist an diesem Abend auch noch ein wenig Platz für Heiterkeit.

Party good? Schröder, der mit der SPD oft genug nach der Methode „Friss oder stirb“ verfahren ist, hinterlässt eine Partei auf der Suche nach einer neuen inneren Ordnung, auch nach einem neuen Politikstil. Das Scheitern von Münteferings Kandidaten für das Amt des SPD-Generalsekretärs, Kajo Wasserhövel, lag letztlich am Überdruss der SPD an Schröders Methode, Entscheidungen von oben zu erzwingen. Nun versprechen Matthias Platzeck und sein Stellvertreter Kurt Beck neue Offenheit.

Platzeck kann ziemlich offen sein – und ziemlich gewinnend. Das merken die 127 Delegierten aus Nordrhein-Westfalen, dem stärksten SPD-Landesverband, die am Vorabend des Parteitages im Rittersaal eines Hotels im nahen Bruchsal zusammensitzen. Ihnen stattet der Neue einen Antrittsbesuch ab. Platzeck hat seinen Kandidaten für den Generalsekretärsposten, Hubertus Heil, dabei. Der 33-Jährige war maßgeblich daran beteiligt, dass Müntefering beim Streit um Wasserhövel im SPD-Vorstand gescheitert war, denn er hatte den Widerstand organisiert. Vor allem in NRW sind deshalb die Bedenken groß. Aber Platzeck braucht die Stimmen aus dem tiefen Westen, damit Heil bei der Wahl am Dienstag ein würdiges Ergebnis erhält. Andernfalls müsste er als geschwächter Parteichef starten, jedenfalls nach der gängigen Polit-Logik.

Wahrscheinlich wird Platzeck die Unterstützung bekommen. Im Rittersaal bittet er um die Zustimmung zu seinem Personaltableau. Er warnt davor, nachzukarten. Er lobt die NRW-Idole Franz Müntefering und Peer Steinbrück, den künftigen Finanzminister. Und er sagt vor versammelter Mannschaft zu Heil: „Hubertus, du hast wirklich Scheiße gebaut im Parteivorstand.“ „Ja, stimmt“, murmelt Heil. Und dann sagt Platzecks Generalsanwärter noch, dass er wisse, dass er sich das Amt und das Wahlergebnis erst erarbeiten müsse. So viel Demut kommt gut an.

Demut. Bescheidenheit. Realitätssinn. Die SPD reflektiert in diesen Karlsruher Tagen auch über ihre Sekundärtugenden. Es geht um Selbstfindung, jetzt, da sie sich auf dem Weg in die große Koalition befindet und Franz Müntefering, der bis eben doch noch identitätsstiftende Ikone war, die Partei in andere Hände gibt. Der scheidende Kanzler hatte dem scheidenden Parteichef noch einmal ein entsprechendes Zeugnis ausgestellt: „Weil du Solidarität lebst, genießt du sie auch von anderen.“ Nun fordert Müntefering diese Solidarität ein, für sich und für die große Koalition.

In drei Abstimmungen verabschiedet der Parteitag am Abend den Vertrag, der nicht nur das Bündnis mit der bis gestern noch so ungeliebten Union besiegelt, sondern auch Münteferings Rolle als Vizekanzler festschreibt. Das Ergebnis ist in punkto Solidarität überwältigend. Nur einer stimmt gegen Müntefering, nur zwei Hand voll gegen die große Koalition.

So etwas erleichtert den Abschied. Und den Anfang.

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