Zeitung Heute : Zum Erweiterungsbau des Außenministeriums auf dem Berliner Friedrichswerder

Falk Jaeger

Unvorstellbar fand Bundesaußenminister Kinkel einst die Vorstellung, ausländische Staatsgäste in einem Ministerium zu empfangen, das die Architekturpolitik des Dritten Reiches repräsentiert. Auch andere Ansprüche wurden von ihm und seinen Ministerkollegen gestellt. Man könne den aus Bonn gekommenen Mitarbeitern doch nicht zumuten, in einem Altbau zu arbeiten ... Die damalige Bauministerin Adam-Schwaetzer forderte willfährig den Abriss ungeliebter DDR-Regierungsgebäude, um großzügig neu bauen zu können. Das ehemalige Reichsbankgebäude mit tausend Zimmern und Görings Reichsluftfahrtministerium, zu DDR-Zeiten Haus der Ministerien, also die beiden größten Behördenbauten in Berlin-Mitte mit zusammen über 100 000 Quadratmeter Nutzfläche, beide in respektablem Zustand, sollten weggeräumt werden. Doch auf gute Zeiten folgten schlechte Zeiten. Auch großspurige Minister mussten sich nun nach der (finanziellen) Decke strecken.

Der Außenminister sollte sich also in der ehemaligen unter Hitler erbauten Reichshauptbank einrichten. Die DDR hatte den düsteren Block zunächst als Wirtschaftsministerium, dann als Zentralkomitee der SED genutzt, nach der Wende gab es ein kurzes Zwischenspiel als Haus der Parlamentarier. Doch für die 2000 Staatsdiener des Ministeriums ist selbst diese Beamtenbastion zu eng. Für die Erweiterung lag jedoch das ideale Grundstück direkt vor der Haustür, noch dazu mit der Möglichkeit, den ungeliebten Altbau etwas zu verstecken und das Ministerium an die noble Adresse Werderstraße heranzurücken.

Hier könnte der Minister die Kollegen aus aller Herren Länder vor moderner Kulisse vorfahren lassen und in zeitgemäßem Ambiente mit Blick auf Dom und Linden empfangen, ohne sie mit dem Anblick von Hitlers Geld- und Goldhort zu behelligen, so die attraktiven Aussichten. Doch es kam anders. Generalplaner Hans Kollhoff überzeugte den Bauherrn, dass man auch die Repräsentationsräume im Altbau vorzeigbar herrichten könne, und so wurde der Wettbewerb für den Erweiterungsbau als schlichten Bürobau ausgeschrieben.

Zwei Entwürfe standen am Ende zur Auswahl. Max Dudler hatte sich am Städtebau um 1800 orientiert und zwei stereometrische Baukörper angeboten, mit ausgestanzten Lochfassaden, die den Altbau an Monotonie noch übertrafen. Der Bauherr konnte sich für den großartig-konsequenten, architektonisch allerdings verheerenden Entwurf nicht erwärmen. Die jungen Berliner Architekten Joachim Müller und Ivan Reimann griffen dagegen auf den hundert Jahre jüngeren Städtebau zurück. Sich dem Altbau anverwandeln und trotzdem eine andere Sprache sprechen, die Phalanx des Kolosses fortsetzen, ohne selbst monumental zu wirken, diese Balance gelang den Architekten. Statt des Karrees mit Innenhof entwarfen sie einen verzweigten Baukörper, dessen Trakte drei nach außen offene Höfe bilden. Um den Blockrand trotz des aufgelösten Baukörpers zu schließen, griffen sie zu einem Trick. Fliegende Dächer auf spaghettidünnen Stützen oder auf Pfeilern, dünn wie ein Zeichenlineal, schließen die Raum- und Himmelskante der Höfe und vervollständigen die Trauflinie des Straßenblocks.

Drei Halbinnenhöfe öffnen sich zur Stadt. Blickfang in der nach Osten weisenden "Stadtloggia" mit dem Charakter eines "Sommergartens" sind vier polygone Oberlichte, die den darunterliegenden Bibliothekssaal mit Tageslicht versorgen. Die schräg aufgerichteten drei- bis sechseckigen Elemente entsagen der tieferen semantischen Bedeutung: Hier haben die Architekten so richtig über die Stränge geschlagen... Beim nach Norden gelegenen Lichthof hatten sie sich wieder in der Hand. Dieser Lichthof, der zur Werderstraße hin nur mit einem filmdünnen gläsernen Vorhang geschlossen ist, ist eine Sensation. Denn hier, im "Wintergarten" mit duftenden Zitronenbäumchen, kann das Publikum in ein Ministerium mit der Sicherheitsstufe 1 eintreten, sich unbehelligt umsehen, informieren und sogar im Cafe niederlassen. Denn die Sicherheitslinie wurde in das Gebäude hineingezogen. Wahrscheinlich ist im Bundeskriminalamt eine ganze Abteilung unehrenhaft aus dem Dienst entfernt worden, die solches zuließ.

Der hochoffizielle Zugang erfolgt jedoch von Süden über die breite Eingangsloggia, mit der das Gebäude eine Gegenposition zur herrisch-verschlossenen Hauptfassade des Altbaus aufbaut. Dem Freiraum zwischen Alt- und Neubau, eigentlich der letzte Zipfel der Jägerstraße, haben die Architekten mit ihrer Gestaltung zwar den Straßencharakter belassen. Anschließend wurde er jedoch durch Mauern und elektrisch betriebene Gittertore wie ein Gefängnishof gesichert. Manche Potentaten, die hier vorfahren, werden sich sofort heimisch fühlen.

Ein graugrüner Steinteppich führt ins Haus, feiner Gneis aus dem Tessin, der mit dem leuchtenden römischen Travertin trefflich harmoniert. Weitere Materialien: fahlgebeizter Ahorn als innere Schale des Hauses und dunkleres Kirschholz für äußere Holzverkleidungen. Mehr war nicht nötig.

Die Aufreihung der Büros an schnurgeraden Flure könnten schlichter nicht sein. Aber die rationalistische Strenge wird durch andere Qualitäten kompensiert, durch die dezente Farbkombination, durch Präzision der handwerklichen Details im Innenausbau, durch geschickte Beleuchtung. Nur die tot-grauen Türblätter könnenetwas passender gestrichen werden. Den Büros selbst ist eine zurückhaltende Noblesse zu eigen. Eine Überraschung tut sich hinter der östlichen Tür der Eingangshalle auf: der weite, 1200 Quadratmeter messende Saal der Bibliothek, dessen Decke von neun imposanten Säulen getragen wird. Hier gibt es viel Platz zum Feiern, denn die benachbarten, immerhin 500 000 Bände fassenden Magazine sind noch nicht annähernd gefüllt.

Was man dem Gebäude nicht ansieht: Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, das auch die Projektleitung in Händen hielt, ließ alle Baustoffe von einem externen Büro auf ökologische Unbedenklichkeit hin prüfen. 208 Solarmodule auf den Dächern erzeugen Strom für den hauseigenen Bedarf. Sicher handelt es sich nicht um ein Öko-Haus, doch beginnt man nun wohl auch bei Hofe, die Notwendigkeiten der Zeit zu erkennen.

Im ganzen Haus überzeugt ein architektonisches Gleichmaß, dessen innere Logik sich gewiss nur mit Geduld und Akribie in Pläne zwingen lässt - so selbstverständlich und schlüssig die Zeichnungen auch aussehen mögen. Müller und Reimann haben mit diesem Rationalismus außerordentlich geschickt auf den Altbau reagiert, ihn erweitert, ohne sich von ihm korrumpieren zu lassen. Ihr Neubau strahlt Selbstbewusstsein aus, Disziplin, vielleicht auch Verlässlichkeit, und kann durchaus Abbild sein für die deutsche Außenpolitik. "Neue Berliner Architektur" vom Feinsten ist er allemal..

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