Zeitung Heute : Zum Espresso bei Joschka&Co.

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

An diesem Haus, das der Herr Rentner mit viel Neugier und auch ein bißchen Ehrfurcht betritt, klebt die Geschichte wie Honig, nicht immer süß, aber dauerhaft. So läuft diese Geschichte: In dem Jahr, als ich geboren wurde, 1934 (wie Udo Jürgens), haben sie den Erweiterungsbau der Reichsbank begonnen, 1940 war die Finanzzentrale fertig, fünf Jahre danach das ganze Dritte Reich. Dann kamen die Genossen, schraubten ihre kräftig zupackenden Hände an die Fassade und nannten das große Haus „Sitz des Zentralkomitees der SED“. Am Werderschen Markt wurde wieder dirigiert, bis zum Finale 1990. Da lachte in den Tresoren das D-Mark-Bargeld, die Neuzeit begann, und als das kleine Bonn ins große Berlin zog, fanden die Fahnder: Dieser Häuserblock der tausend Fenster ist genau das Passende für unser Auswärtiges Amt, nur zu klein. So kriegten wir’s eine Nummer größer mit diesem gläsernen Anbau, den ich gerade betrete, weil der nämlich öffentlich ist und einladend, so hell und freundlich wie das Personal an der Sicherheitsschleuse. Ob es noch ein Land in der Welt gibt, das den Besucher einfach so in sein Foreign Office lässt? Jedenfalls holt man sich erst einmal aus dem „Coffee shop“ einen Espresso und guckt durch die 30 mal 20 Meter Glaswand auf die schöne Friedrichswerdersche Kirche, entdeckt um sich herum hübsche Sekretärinnen, fremde Rucksack-Touris, Promi-Politiker, Kurze-Hosen-Träger und solche, deren weltmännisch Einstecktüchlein wie ein Wimpel aus dem Sakko weht. Der wunderbare Pablo Neruda wird 100 – hier gedenkt man des Chilenen mit einer Fotoausstellung. „Kontinentaltassen“ gibt’s zum Sammeln mit den Silhouetten aller Kontinente, 13 Euro.

Es ist friedlich. Und lustig. Deutschland unterhält ein Netz von 218 Auslandsvertretungen, wahrscheinlich kommt bald noch eine dazu, denn in der wohlsortierten Buchhandlung entdeck’ ich außer Brot und Suppen für die Spätarbeiter Büchlein aus der Reise-Serie „Kauderwelsch“, über hundert Heftchen, eins für „Boarisch“. Also: „Des is a hibsch bläde Gschicht!“ steht da, „sowas regdme saggrisch auf!“. Man kann das natürlich auch in Papua-Neuguinesisch sagen.

The Coffee shop im AA, Mo-Fr 8 bis 19 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr.

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