Zeitung Heute : Zum Fürchten

Der Tagesspiegel

Diesen Film vor seiner Ausstrahlung zu bekommen, war schwierig. Dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) musste nachdrücklich versichert werden, dass die Videokassette „Die Story: Silvio Berlusconi“ nur in der Medienredaktion gesehen wird, keinesfalls außer Haus gelangt und schon gar nicht in die Italienische Botschaft. Der Sender, sagte eine Sprecherin, befürchte juristische Schritte, die eine Ausstrahlung heute im Ersten um 21 Uhr 45 verhindern könnten. Ob der an sich nicht ängstliche WDR ein wenig unter Verfolgungswahn leidet oder nicht, der 45-Minuten-Film von Heribert Blondiau und Udo Gümpel strengt sich sehr an, seinem Untertitel „Ein Doppelleben“ zu genügen. Beleuchtet werden die „ dunklen Flecken“ in der Karriere des Silvio Berlusconi vom Baulöwen zum Medienzar zum Ministerpräsidenten Italiens.

Der Beitrag schaut in der Biografie weit zurück: Der Schüler Berlusconi habe Hausaufgaben an Mitschü ler verkauft und bei Besorgungen für die Familie schon mal ein paar Lira für die eigene Tasche abgezweigt. Wer so anfängt, wird der nicht als Geschäftsmann gerade und ungerade Wege gehen? Hinter dem aufstrebenden Bauunternehmer sollen Schweizer Briefkastenfirmen mit ominösen Hintermännern gestanden haben. Bis heute ist nicht offengelegt, von wem die Anschubfinanzierungen – oft in bar – kamen, wem die 22 anonymen Holdings, die seine Firmengruppe kontrollieren, wirklich gehören. Blondiau/Gümpel insinuieren ein geschlossenes System Berlusconi, eine Sekte, in der sich Freunde, Weggefährten, ja sogar der ehemalige sozialistische Ministerpräsident Bettino Craxi um ihren Anfü hrer scharten und scharen. Die politische Macht und die Medienmacht sind mittlerweile miteinander verschränkt.

Wer in Berlusconis Gunst und Sold steht, der schwärmt vom Charmeur, vom Charismatiker, vom Visionär. Berlusconis Gehirn müsse, sagt allen Ernstes Emilio Fede, Direktor und Anchorman eines seiner Fernsehkanäle, nach seinem Tod untersucht werden, da sei einfach „ein Gang“ mehr drin. Klar wird: Wer für Berlusconi ist, der ist es mit Haut und Haaren, wer gegen ihn ist, der wirkt ohnmächtig. Die Recherche der Autoren wirkt so emsig wie getrieben von der wieder und wieder gestellten Frage: „Wer also ist Silvio Berlusconi?“ Die eine Antwort gibt es nicht, dafür ein Patchwork aus Antworten. Aus dem inneren Zirkel des Mailänders kann der Film keine Stimmen, keine Aussagen bieten. Um so breiter kommen die Kritiker, die Gegner zu Wort.

Dem Regierungschef laufen Klagen aus seiner Zeit als Bauunternehmer hinterher. Teile der Justiz haben sich seinem Zugriff partiell noch entziehen können. Die Vorwürfe wiegen schwer, sie reichen bis zur Richterbestechung. Glasklare Beweise? Offenbar kaum beizubringen, und wenn ein Urteil wider Silvio B. gefällt wird, dann trifft es einen Angestellten und nie den Chef, wie Dario Fo sarkastisch anmerkt. Der Nobelpreisträger für Literatur erregt sich insbesondere über die Ideologie von Berlusconi und seiner „Forza Italia“: „Hauptsache erfolgreich“, für alles andere und alle anderen sei kein Platz im Italien Berlusconis.

Was genau das ist? Da liefert der Film keine Aufklärung. Blondiau/Gümpel bewegen sich rein im professionellen Milieu. Es würde den Zuschauer schon interessieren, wie Italiener, die Berlusconi an die Macht gewählt haben, über diesen Mann und sein „Doppelleben“ denken. Das scheint aber die Autoren nicht interessiert zu haben. Oder findet sich die Antwort in der Schlusssequenz? Berlusconis Gesicht übergroß auf einer Videoleinwand, davor Menschenschemen: Der „Mann mit dem Lächeln“, mit dem „Status des großen Bruders“. „Big Brother“ Berlusconi, ein Diktator light, Italien, eine lächelnde Diktatur. Bei einem dramatisch so hochgezogenen Finale muss sich der WDR ja fürchten. Joachim Huber

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