Zeitung Heute : Zum guten Schluss

Hamburg drückt aufs Tempo und führt international übliche Studiengänge ein

Uwe Schlicht

Deutschland braucht Veränderung. Überall fehlt es an Geld und Ideen: Bildung, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur – alle sind betroffen. Auf plötzliche Besserung ist nicht zu hoffen. Wie kann Deutschland sich selbst helfen? In einer sechsteiligen Serie prüfen wir jeden Dienstag, welches Bundesland wo innovativ ist und in welchem Bundesland es weniger gut funktioniert. Kann der eine dem anderen Beispiel sein? Wir fragen nach.

Wenn wir das Pisa-Dilemma nicht in den Griff bekommen, dann ist Deutschlands Zukunft gefährdet. So sieht es der Bundeskanzler. Noch hat es sich in der Öffentlichkeit nicht herumgesprochen, dass Deutschland noch vor einer zweiten, nicht minder großen Herausforderung steht. Und zwar bei der Einführung der international üblichen Studiengänge mit dem Bachelor als erstem und dem Master als zweitem Hochschulabschluss. Entweder diese Reform gelingt – oder Deutschland isoliert sich nicht nur in Europa, wo bis 2010 ein einheitliches Hochschulsystem eingeführt sein soll, sondern in der ganzen Welt.

Dennoch wird diese Studienreform nicht überall mit aller Kraft vorangetrieben. Immer wieder entzünden sich hier und da Grundsatzdebatten: Ein sechssemestriges Bachelor-Studium könne nur Schmalspurakademiker erzeugen, sagen dann zum Beispiel die Kritiker unter Berufung auf das humanistische Humboldt’sche Bildungsideal. Falsch, halten die Erfinder der Bachelor- und Master-Studiengänge in Deutschland ihnen entgegen. Gerade wer sich an Humboldt orientiere müsse sich für die Reform stark machen, heißt es zum Beispiel aus dem Wissenschaftsrat. Denn an Deutschlands Massenuniversitäten würden andernfalls weiterhin über einen Zeitraum von 12 bis 14 Semestern die ältesten Absolventen ganz Europas ausgebildet; müssten auch künftig 30 Prozent Studienabbrecher in Kauf genommen werden; würden weiter Jugendliche, die nur eine wissenschaftliche Vorbereitung auf ihren künftigen Beruf wollen, in Langzeitstudiengänge für Wissenschaftler gepresst, in denen sie ihrem Ziel nicht wirklich näher kommen.

Die Situation ist also dramatisch. Dennoch lassen viele Länder die Hochschulen selbst das Tempo der Reform bestimmen. Anders die Stadt Hamburg: Die Hansestadt hat ihr Hochschulbudget bis 2012 festgelegt und drängt ihre Universitäten mit bundesweit einmalig strikten Zielvereinbarungen zur Reform. Bis zum Wintersemester 2005/2006 müssen 30 bis 50 Prozent der Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt werden. In diesen soll mindestens jeder zweite Studierende eingeschrieben sein. Zum Wintersemester 2006/2007 müssen 50 bis 70 Prozent der Studiengänge umgestellt sein, um dann 70 bis 80 Prozent der Studienanfänger die neuen Abschlüsse anzubieten.

Dabei arbeitet der Hamburger Senat mit Sanktionen und Anreizen, um das Ziel zu erreichen. Diejenigen Hochschulen, die ihre Studiengänge nicht nach den vorgegebenen Quoten umstellen, müssen mit finanziellen Einschränkungen rechnen. Andererseits bekommen die Universitäten mehr Geld, die sich über die Vorgaben hinaus als besonders reformfreudig erweisen. Bisher hat man sich bei der Zuteilung von Geldern am universitären „Input“ orientiert: an der Zahl der Studienanfänger und Studierenden. Mit der Folge, dass Studienabbrecher und Hochschulwechsler nicht ins Gewicht fielen. Von jetzt an wird man sich am „Output“ orientieren: an der Zahl und Qualifikation der Absolventen. Um vorbildliche Universitäten für Reformanstrengungen belohnen zu können, sind in Hamburg fortan 13 Prozent des Hochschuletats als Anreizbudget vorgesehen.

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